Historische Eisenbahn aus den 50ern

Kleinbahn "Jan Harpstedt": Wagen vier macht Werkstattpause

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Ende 2021 soll Wagen vier wieder als Teil der historischen Kleinbahn „Jan Harpstedt“ auf den Schienen rollen. 

Back to the Fifties: Die historische Kleinbahn „Jan Harpstedt“ will die 1950er-Jahre wieder aufleben lassen. Dafür arbeiten die Delmenhorst-Harpstedter Eisenbahnfreunde bis zu 50 Stunden pro Woche und restaurieren alte Waggons. Seit Dezember 2018 ist Wagen vier dran. Ein Werkstattbesuch.

Manche Leute hätten die Vorstellung, es laufe so wie bei einer Modelleisenbahn: Sie steht lange ungenutzt herum, doch wenn man dann damit spielen will, holt man sie einfach aus dem Schrank, setzt die Wagen und die Lok auf die Schienen und fährt los. „So ist das bei uns aber nicht“, sagt Torben Kluwe. Der 46-jährige Delmenhorster ist seit 33 Jahren bei den Delmenhorst-Harpstedter Eisenbahnfreunden (DHEF) aktiv und hilft, die Loks und Waggons in fahrtüchtigem Zustand zu halten. Er, Hermann und Thorsten Bächler sowie Henning Dierks stecken pro Woche 40 bis 50 Stunden Arbeit in dieses Projekt.

In der großen, kalten Werkstatthalle auf dem Gelände der Delmenhorst-Harpstedter Eisenbahn (DHE) an der Dünsener Straße in Harpstedt stehen drei Waggons. Zwei von ihnen sind in sattem Dunkelgrün gestrichen. Dahinter steht Wagen vier. Er hat die Farbe von nacktem Stahl, die Fensterscheiben und -rahmen fehlen. 

Beim Einsteigen warnt Kluwe vor den großen Lücken im Boden: Mehr als das Gestänge ist dort derzeit nicht vorhanden. „Wir haben den Fußboden komplett entkleidet“, erklärt er. Und das ist bei Weitem nicht alles: Die Wandverkleidung fehlt, weder Sitze noch Gepäckablagen sind vorhanden. Die Heizung ist bereits teilweise restauriert.

Das Team von Wagen vier: Torben Kluwe, Hermann Bächler und Thorsten Bächler (v.l.).

Weihnachten 2018 war Wagen vier zum letzten Mal mit Passagieren unterwegs. Seitdem steht er in der Halle. Der Grund dafür: Alle sechs Jahre werden Bahnwaggons, die im Verkehr sind, überprüft. Ähnlich wie bei der Hauptuntersuchung für Autos gebe es eine gewisse Zeit, um die dieser Turnus ausgeweitet werden könne, erläutert Kluwe. Zwei Jahre könne das gehen. 

Doch nun stünden einige Arbeiten an, die nicht mehr länger warten konnten. „Wir bauen nicht alle acht Jahre einen Wagen komplett auseinander.“ Doch in diesem Fall sei nach 30 Jahren Fahrgastbeförderung auf der historischen Kleinbahnstrecke nicht nur der Verschleiß an Rädern und Bremsen, sondern auch im Inneren deutlich zu sehen gewesen.

Rost an den Fenstern, durchgesessene Sitze

Das Kondenswasser sei innen an den Fenstern heruntergelaufen und habe die Rahmen rosten lassen. Die Sitze seien durchgesessen, und auf dem Boden hätten die Füße vieler Passagiere ihre Spuren hinterlassen. „Wir haben hier auch ein Problem mit der Wandverkleidung“, sagt Kluwe und zeigt auf eine hellblaue Trennwand. Die ursprünglich graue Tapete sei vor 33 Jahren einfach übermalt worden. Das habe er sogar selbst gemacht – damals, als er mit 14 Jahren anfing, bei den DHEF mitzumischen. Nun ärgert er sich über die Farbe, die nicht der Originalausstattung entspricht: „Damals hat man noch nicht so museal gedacht.“

Inzwischen ist der Ehrgeiz, die Wagen wieder in den Zustand der 1950er-Jahre zu versetzen, groß. Kluwe und seine Kollegen verwenden zum Beispiel nur Schlitzschrauben, die damals der Standard waren. Sie stehen zudem in Kontakt mit einem Museumseisenbahnverein in Frankfurt, um dort Originalsitze für Wagen vier zu bekommen. 

Dabei ist „Original“ relativ: Die Fahrwerke der Waggons, die die DHEF der Deutschen Bahn abgekauft haben, sind mehr als 100 Jahre alt – in der Nachkriegszeit montierten Ingenieure neue Aufbauten, um sie wieder nutzen zu können.

Zwei von drei Radsätzen müssen ersetzt werden. 

Schwieriger sei die Restaurierung bei der technischen Ausrüstung, sagt Kluwe. Die Radsätze etwa sind eine Sache für sich. Die stählernen Reifen, die auf den Radkörper aufgeschrumpft sind, weisen kleine Risse auf. An den Wellen, die jeweils zwei Räder verbinden, sind Korrosionsmulden zu sehen. An sich seien das keine großen Probleme, erklärt Kluwe, doch die Vorschriften zur Personenbeförderung seien nach mehreren Bahnunglücken verschärft worden. Dabei gelten für einen modernen ICE dieselben Regeln wie für die Museumskleinbahn. 

„Wir werden wahrscheinlich zwei komplett neue Radsätze bauen lassen“, sagt der 46-Jährige. Die runden Stahlteile seien dann das Teuerste an der Renovierung von Wagen vier, deren Kosten Kluwe auf etwa 15 000 Euro schätzt. Das Geld dafür erwirtschaften die DHEF allein über die Fahrten.

Die Arbeiten ziehen sich hin

Bis die vier mit dieser Arbeit fertig sind, werde es noch dauern: Bevor die Saison wieder anfange, müssten sie noch Instandsetzungsarbeiten an Wagen zwei und dem Gepäckwagen abschließen. Zudem sei es auch nur im Frühjahr oder Herbst möglich, zu lackieren – Ende 2021, hofft Kluwe, kann Wagen vier wieder auf die Schienen.

So oder so hört die Arbeit nicht auf: In der Halle ist nicht für alle fünf Waggons, drei Güter- und den Gepäckwagen sowie die Lok, Platz. Was draußen steht, rostet schneller, und worin Fahrgäste befördert werden, nutzt sich ab. Aber zumindest Letzteres gehöre zum Konzept, sagt Kluwe: „Wie wollen da keine rote Kordel vor hängen und sagen, man darf nur mit Filzlatschen rein.“

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