Vor 80 Jahren: Bombe zerlegt Munitionszug

Der Krieg war plötzlich auch in Harpstedt angekommen: Oben Überbleibsel vom Munitionszug und Güterwagen-Trümmer, unten ein ebenfalls zerstörter Personenzug, der am Vorabend an der Böschung der Straße nach Dünsen abgestellt worden war.
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Der Krieg war plötzlich auch in Harpstedt angekommen: Oben Überbleibsel vom Munitionszug und Güterwagen-Trümmer, unten ein ebenfalls zerstörter Personenzug, der am Vorabend an der Böschung der Straße nach Dünsen abgestellt worden war.

Genau 80 Jahre liegt die Bombardierung eines Munitionszuges auf dem Harpstedter Bahnhof zurück. Aus diesem Anlass lässt unsere Zeitung dazu mit Hermann Bokelmann einen Zeitzeugen in dem nachfolgenden Gastbeitrag zu Wort kommen.

Harpstedt – Nach erster Skepsis lösten die Siegesmeldungen im ersten Kriegsjahr 1939/40 auch in Harpstedt Begeisterung aus: Polen wurde im September 1939 in wenigen Wochen besiegt. Dänemark kapitulierte im April 1940 sofort, Norwegen am 10. Juni. Holland, Belgien und Frankreich wurden vom 10. Mai bis 25. Juni überrannt.

Der Kriegsverlauf änderte sich schlagartig. In der Nacht vom 23. auf den 24. Juli 1940 machte auch Harpstedt eine bittere Erfahrung: Eine englische Fliegerbombe traf einen auf dem Bahnhof abgestellten, mit Munition voll beladenen Zug. Nach damaligen Aussagen soll es sich um Bomben gehandelt haben, die von Dänemark zurückkamen, weil sie dort nicht gebraucht wurden. Die gewaltige Explosion riss einen tiefen Krater am Waldrand und zerstörte alle Gebäude der Landhändler. Ein Soldat des Wachkommandos kam ums Leben. Die anderen Soldaten hatten Glück. Sie lagen unverletzt unter den Trümmern der eingestürzten Wachbaracke. Dass der Krieg Zivilisten keineswegs verschont, erlebten auch die Harpstedter: Heinrich Nolte, Inhaber der Land- und Kohlenhandlung, wollte durch die Seitentür ins Freie schauen, als durch die Druckwelle die Tür herausflog. Sie verletzte ihn so schwer, dass er nach wenigen Tagen im Krankenhaus verstarb.

Ich selbst, damals elf Jahre alt, erlebte die schreckliche Nacht in meinem Elternhaus in Dünsen. Vom Fliegeralarm waren wir geweckt, lagen aber im Bett. Ich hörte ein Flugzeug in Richtung Harpstedt fliegen, als plötzlich ein heller Feuerschein aufblitzte. Meine Eltern sprangen sofort aus ihren Betten. Durch die gewaltige Druckwelle der Explosion zerbarsten an der westlichen Giebelseite die damals dünnen Fensterscheiben. Wegen der Glassplitter erlitt meine Mutter am Rücken schon eine leichte „Kriegsverletzung“. Mein Vater flog durch die Tür gegen den Tisch im Wohnzimmer.

Da nach der starken Explosion absolute Ruhe herrschte, sind wir nicht in den Keller gelaufen, sondern – wie unsere Nachbarn – nach draußen gegangen. Weil nichts zu erkennen war, wollte mein Vater wissen, was in Harpstedt passiert war, und fuhr mit seinem Fahrrad los. Als er zurückkam, berichtete er, vorm Lokomotivschuppen seien die dort am Vorabend abgestellten Wagen des Personenzugs umgestürzt. Sie lägen zertrümmert an der Böschung gegenüber dem Friedhof. Das Bahnhofsgelände sei ein Trümmerfeld und werde schon abgesperrt.

Im Umkreis von 500 Metern wurden Bahnhof, Friedhof und Straße eine Woche lang abgesperrt, sodass mein Vater einen Umweg durch den Wald nehmen musste, um zur Arbeit in Harpstedt zu kommen.

Auch die Leichenhalle wurde völlig zerstört

Erst am Tage erfuhren wir, welche Schäden entstanden sind. Beim Nachbarn Ellinghausen, dessen Bauernhof dort erst zehn Jahre zuvor aufgebaut wurde, war das gesamte Dach der Scheune zerstört; bis zum Bahnhof war es ja auch nur gut ein Kilometer Luftlinie.

Unser Vater berichtete am nächsten Abend, in Harpstedt habe es, obwohl im Tal der Delme gelegen, erhebliche Gebäudeschäden gegeben. Dirk Heile und Dr. Jürgen Ellwanger führten in ihren Chroniken fast alle Schäden auf, die im ersten Weltkriegsjahr sehr schnell beseitigt werden konnten, weil seinerzeit noch genügend Material und Arbeitskräfte zur Verfügung standen.

Am stärksten hatte es die alte Schule im früheren Wirtschaftsgebäude auf dem Amtshof getroffen. Für eine Klasse fand man Platz im Amtshof; eine andere wurde im Konfirmandensaal im Ersten Pfarrhaus unterrichtet, und je eine Klasse kam in den Sälen der beiden am Marktplatz gelegenen Gaststätten unter. Vom 7. Oktober 1940 bis Anfang 1945 fand der Unterricht in Räumen des Reichsarbeitsdienstes statt.

Auf dem Friedhof wurde die dort stehende Leichenhalle völlig zerstört.

Dass es mutige Männer gab, lässt sich im Archiv der Samtgemeinde Harpstedt nachlesen: Henni Horstmann, geborene Kappher, aus der Nordstraße schilderte, dass ihr Vater Dietrich Kappher damals Zugschaffner bei der Kleinbahn Delmenhorst–Harpstedt war. Von dem Munitionszug waren nur auf vier Waggons die Bomben explodiert; die anderen standen noch voller Bomben in unmittelbarer Nähe, während es rings umher brannte und schwelte. Dietrich Kappher und Adolf Bramkamp, der Großvater von Manfred Bramkamp und Führer der Munalok, haben diese Waggons mit der kleinen Diesellok aus dem Gefahrenbereich gezogen. Das war keine ganz ungefährliche Sache. Oberstleutnant von Hippel, der Leiter der Munitionsanstalt (Muna), und ein weiterer Wehrmachtsangehöriger waren in einem Graben in Deckung gegangen und riefen den beiden Männern zu, sie sollten das Manöver unterlassen; es sei zu gefährlich. Bramkamp und Kappher verhinderten Schlimmeres – und erhielten dann sogar eine Auszeichnung für ihren mutigen Einsatz.

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