SERIE Fluchtodyssee endet in Sürstedt – Teil neun

Von einer wirksamen Lektion – hin zur Normalität

Hier ist die Familie noch vollständig: Das Bild zeigt Lina und Fritz Ewert mit ihren acht Kindern.
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Hier ist die Familie noch vollständig: Das Bild zeigt Lina und Fritz Ewert mit ihren acht Kindern.

Sürstedt/Bartenstein – Das letzte Kapitel einer langen Geschichte von Flucht und Vertreibung bricht an, als die Ewerts in einem alten „Klapperbus“ Groß Köhren erreichen. Rund drei Jahre sind vergangen, seit Lina Ewert, die Mutter, mit fünf ihrer acht Kinder aus Angst vor der anrückenden Roten Armee die alte Heimat Bartenstein in Ostpreußen verlassen hat.

In Groß Köhren angekommen, bringt der Bürgermeister, von Beruf Bauer, die Ewerts vor die Kate eines seiner Landarbeiter. Ihm gibt er zu verstehen: „Kammer und Kök bekommt die Lüüt.“

Die Landarbeiterfamilie, bei der die Geflüchteten unterkommen, heißt Dunekacke. Dazu gehört auch eine zwölfjährige Tochter. Nach anfänglichen Kämpfen um knappen Wohnraum normalisiert sich das Miteinander.

Schon sehr bald nimmt die Sürstedter Familie Rohlfs die Ankömmlinge „in Vollkost“, geht aus den Erinnerungen von Lina Ewerts Sohn Siegfried hervor. Die lange Zeit des Hungerns ist vorbei, und zwar schlagartig. Die vormaligen Ostpreußen freuen sich darüber, dass sie gemeinsam mit den Bediensteten und der Familie Rohlfs an einem Tisch sitzend „regelmäßig herrlich essen“ dürfen.

Siegfrieds Schwestern helfen in der Hauswirtschaft. Seine Mutter geht derweil der Bäuerin im Garten und bei der Geflügelhaltung zur Hand.

Als persönliches Erfolgserlebnis wertet Siegfried die Entscheidung des „Großbauern Bernhard Rohlfs“, ihn zu seinem „Begleiter“ zu machen: Alsbald fahren beide mit dem Hanomag-Trecker nach Bremen und verkaufen dort Kartoffeln. Auf einer NSU Fox geht es indes auf die Felder zu den Arbeitern.

Brüder zurück aus Gefangenschaft

In dieser Umgebung fühlt sich Siegfried nach einer gefühlten Ewigkeit erstmals wieder wohl. In seinen schriftlich fixierten Nachkriegserinnerungen spricht er von einer „herrlichen Zeit“. Er verschweigt nicht eine begangene Sünde, mit der er sich vieles hätte verscherzen können. „Das kam so: Auf dem Nachhauseweg zu dem Haus Dunekacke hatte ich Steckrüben vom Feld eines Bauern mitgenommen. Der erwischte mich auf frischer Tat. Er erklärte mir, wenn ich es wünsche und ihn bitte, würde er mir sofort eine Fuhre vor unsere Haustür fahren. Im Übrigen bräuchte ich nie wieder organisieren, und es sei Diebstahl, den ich nun nicht mehr begehen dürfe. Das hatte gesessen. Ich schämte mich, und Herr Rohlfs tat so, als sei nichts gewesen.“ In seinen persönlichen Aufzeichnungen nennt Siegfried diese denkwürdige Begebenheit „eine wirksame Lektion – hin zur Normalität“. Im Verlauf des Jahres 1948 ziehen die Ewerts „in ein notdürftig umgebautes Nebengebäude“. Wenig später kehren zwei von Siegfrieds Brüdern aus der Kriegsgefangenschaft zurück: Willi hat eine Zuzugsgenehmigung für Hermannsburg erhalten. Gerhard, der andere Bruder, bleibt bei seinen Angehörigen und verliebt sich in eine Bedienstete des Hofes Rohlfs: Wilma, die Herzdame, wird seine Frau und schenkt später vier Kindern das Leben.

Privatunterricht für Geschwister

Siegfried hat bis zu seinem 15. Lebensjahr kaum eine Schule besucht. Wegen der Wirren der Zeit liegen gerade mal vier Kriegsschuljahre hinter ihm. „Mit dem Einverständnis des Dorfschullehrers“ vereinbart einer seiner Brüder, dass der seinen jüngeren Geschwistern Unterricht auf privater Basis erteilen darf. Siegfried braucht besondere Aufmerksamkeit, soll er doch nach nur einigen Wochen regulärer Schulteilnahme den Abschluss der achten Klasse erhalten! Viel später, als er noch einmal einen Blick auf das Abgangszeugnis wirft, zieht er nüchtern Bilanz: „Ich vermute, dass mit einer Portion Wohlwollen seitens der Schulleitung mein Anschub in die Zukunft erleichtert werden sollte. Ich freute mich darüber, dass meine Leistung in den Wochen des Schulbesuches ab und an Anerkennung fand.“ boh Fortsetzung folgt .

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