Ursache des Absturzes der von Walter Raem geflogenen Cessna steht fest

Verhängnisvoller Verzicht auf den Sitzgurt

Zwischen Absturzstelle und Startpiste liegen nur rund 1 440 Meter Luftlinie. Der Unfall mit einer Cessna kostete Pilot Walter Raem (kleines Bild) am 12. April 2015 das Leben. Drei Passagiere erlitten schwere Verletzungen. - Luftfoto: BFU (Braunschweig), Montage: Bohlken

Kirchseelte/Hatten - Von Jürgen Bohlken. Die Ursache des Absturzes der von dem damaligen Kirchseelter Bürgermeister Walter Raem gelenkten Cessna F  172  N vom 12. April 2015 an der A  28 in etwa 1 440 Metern Entfernung zum Flugplatz Hatten, bei dem der Pilot tödlich verunglückt war, ist nunmehr, nach über einem Jahr, geklärt.

Nach Einschätzung der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig war die Maschine im Startsteigflug mit Bäumen und Buschwerk kollidiert und nach einer 30-Grad-Drehung um die Hochachse nahezu senkrecht in den Hang gekracht. Die Absturzstelle befand sich am südlichen autobahnseitigen Damm eines mit bis zu 15 Meter hohen Bäumen und Büschen bewachsenen Wassergrabens – unmittelbar am Standstreifen in Fahrtrichtung Bremen.

Der Verzicht auf das Anlegen des Sitzgurtes erwies sich für den Piloten als verhängnisvoller Fehler. Die schweren Aufprallverletzungen seien für den 69-Jährigen „nicht überlebbar“ gewesen, resümiert die BFU. Als Todesursache gibt die Bundesstelle „ein Polytrauma mit mindestens vier für sich genommen bereits tödlichen Verletzungen“ an. Raem hatte multiple Blessuren an Schädel, Halswirbelsäule, Abdomen, Becken und den unteren Extremitäten erlitten.

Mitverantwortlich für den Unfall macht die Bundesstelle die Flügelklappenstellung im Steigflug, die sich mit 17 Grad deutlich über zehn Grad bewegte. Die BFU führt dies auf einen „unbewussten Bedienfehler“ zurück.

„Normale Starts“ würden, so heißt es im Bericht, mit einer Flügelklappenstellung bis maximal zehn Grad durchgeführt. Klappenstellungen von über zehn Grad seien in der Roll- und Abhebphase „nicht zulässig“.

Das Wetter muss nicht, aber kann im Zusammenhang mit dem Unfall eine Rolle gespielt haben. Laut Deutschem Wetterdienst (DWD) erreichten Windböen am gut 30 Kilometer östlich der Absturzstelle gelegenen Flughafen Bremen eine Stärke von 27 Knoten. Der Flugleiter in Hatten hatte indes kurz vor dem Start Windstille konstatiert. Die BFU folgt in ihrem Abschlussbericht allerdings der Einschätzung der DWD-Meteorologen.

Sowohl die Prognose, aktuelle Wetterdaten als auch Beobachtungen sprächen dafür, dass lebhafter Südwestwind geherrscht habe. Raem selbst soll vorm Abheben geäußert haben: „Er hat sich schon wieder geändert“. Mit „er“ war in diesem Fall der Wind gemeint. Die BFU wertet dies als Indiz für möglichen Rückenwind in der Startrollphase. Dafür spreche in besonderem Maße die Startrollstrecke von etwa 520 Metern.

Es sei nicht auszuschließen, „dass nach dem Abheben, insbesondere nach dem Überflug der Flugplatzgrenze, zusätzlich bodennahe Verwirbelungen und LeeEffekte, verursacht durch etwa 20 Meter hohe Bäume links der Abfluggrundlinie, negativen Einfluss auf den Höhengewinn hatten“. Die Flügelklappenstellung von 17 Grad habe die Steigleistung der Cessna jedenfalls zusätzlich verschlechtert.

Erwähnung finden im Abschlussbericht zudem – allerdings als Feststellung ohne jegliche Wertung – der zum Zeitpunkt des Flugunfalls „geringe Trainingsstand“ des Piloten und mehrmonatige Flugpausen. Raems Gesamtflugerfahrung von 441 Stunden stelle grundsätzlich „eine gute fliegerische Basis“ dar. In „den letzten fünf Jahren“ sei der Kirchseelter aber nur 35 Stunden geflogen – und in den zwölf Monaten vor dem Absturz nur neun „bei 15 Starts und Landungen“. Den letzten Übungsflug mit einem Fluglehrer habe er am 5. Mai 2014 absolviert.

An der 1980 erbauten Cessna wurden keine technischen Mängel festgestellt. Auch Hinweise auf einen etwaigen Motorausfall fanden sich nicht. Die Maschine war laut Bordbuch zuletzt am 28. März vollgetankt worden und hatte danach bis zu dem tragischen Flug sechs Starts und Landungen sowie eine Gesamtflugzeit von gut zweieinhalb Stunden absolviert. Raem und seine drei Fluggäste müssen laut Berechnungen mit mindestens 80 Litern Treibstoff gestartet sein.

Die Schäden an dem Flugzeugwrack listet der BFU-Abschlussbericht im Detail auf – von der gestauchten Zelle der Cessna über die im Nasenbereich deformierten Tragflächen, eine abgerissene Flügelstrebe und den nach hinten weggeknickten Hauptfahrwerken sowie das abgerissene Bugfahrwerk bis hin zum teils konkav verformten und teils zerstörten Instrumentenbrett. Beide Steuerhörner waren abgebrochen. Der Rahmen unterhalb des Pilotensitzes sei an allen vier Stegen durchgebrochen gewesen – und das Triebwerk inklusive Träger „aus dem Brandschott gerissen“, sodass es „in den vorderen Kabinenbereich“ ragte.

Auch die Schäden an Kurbelwelle, Ölkühler, Ventildeckel, Leitblechen und Saugrohren seien allesamt „Folgeerscheinungen des Unfalls“ gewesen, so die BFU.

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