„Echo“-Preisträgerin Hille Perl aus Winkelsett

Sie verblüfft ihre Fans, erfindet sich immer wieder neu

Die Liebe zur Gambe währt seit ihrer Kindheit: Heute ist Hille Perl eine international gefeierte Musikerin.

Winkelsett - Von Jürgen Bohlken. Europaweit und darüber hinaus hat Hille Perl mit ihren Interpretationen von Alter Musik, insbesondere „vergessenen“ Werken, der Viola da Gamba neues Leben eingehaucht. Die „Wiederbelebung“ der Gambe, so sagt sie mit Recht, habe viel mit ihrem eigenen Leben zu tun. Schon dreimal bekam die im beschaulichen Winkelsett lebende Künstlerin den Klassik-„Echo“ verliehen. Am 19. März bereichert sie mit dem Ensemble „La Ninfea“ das renommierte Bach-Festival im thüringischen Arnstadt mit Werken von „Bach bis Telemann“.

Die Musik ist der 1965 in Bremen geborenen Gambistin gewissermaßen in die Wiege gelegt worden. Ihr Vater Helmut, ein geachteter Musikwissenschaftler, dessen Augenmerk besonders Wolfgang Amadeus Mozart galt, legte für ihre Karriere früh den Grundstein – mit einem Präsent: Als Hille Perl, die eigentlich Hildegard heißt, gerade mal fünf war, bekam sie von ihm eine kleine Gambe geschenkt. Die Liebe zu diesem Instrument wuchs stetig. Sie zog sich auch durch das Studium an der Akademie für Alte Musik in Bremen bei Jaap ter Linden und Sarah Cunningham, das Hille Perl 1990 abschloss. Seit 2002 unterrichtet sie selbst an der Hochschule für Künste Bremen Studenten in Instrumenten der Gambenfamilie. Sie gilt als leidenschaftliche Professorin. Sie lehrt ihre Studenten auch, sich von Neid und Eifersucht auf etwaige besser spielende Kommilitonen freizumachen.

Die Leidenschaft für die Viola da Gamba hat sich in ihrer Familie längst auf die nächste Generation übertragen. Marthe, ihre Tochter, ebenfalls Gambistin, wirkt unter anderem an der Seite ihrer Mutter sowie von deren Mann Lee Santana und weiteren Musikern in dem Ensemble „Sirius Viols“ mit, das mehrere CDs veröffentlicht hat. Dazu zählt der Tonträger „The Four Seasons“, der sich einer Komposition des Briten Christopher Simpson (*um 1605, †1669) widmet.

Hille Perl sieht in der Musik, die sie für „präziser, unmissverständlicher und intensiver“ hält als alle Sprachen dieser Welt und der sie „mit Ausnahme der Liebe“ eine „größere emotionale Signifikanz“ als andere Erfahrungen zugesteht, „das vorrangige Medium zwischenmenschlicher Kommunikation“. Ebenso eine Methode zur Verbindung der Vergangenheit mit der Zukunft und der Vereinigung „sich widersprechender Aspekte menschlicher Existenz“. Die Wahl-Winkelsetterin bereiste alle erdenklichen Ecken der Welt, profilierte sich nicht nur als Solistin, sondern ebenso als Teil unterschiedlich gearteter Ensembles und als Duopartner von Lee Santana (Laute).

Immer wieder hat sie ihre Fans überrascht, nicht selten sogar verblüfft. Etwa 2014, als sie mit dem Album „Born to be mild“ das Feld der Alten Musik verließ, „um andere Wege zu beschreiten“, und erstmals eine halbakustische, elektrisch verstärkte Gambe an der Seite ihrer Tochter zu E-Gitarren-Begleitung von Lee Santana spielte. Die Idee war letztlich aus der Vergangenheit heraus erwachsen. Hobbymäßig hatte die Künstlerin lange zuvor mit Freunden in einer Band Rockmusik gemacht. Dabei stieß sie allerdings bei der Verstärkung ihrer historischen Gambe an Grenzen. Die halbakustische Variante dieses Instruments eignete sich hingegen, wie „Born to be mild“ bewies, hervorragend dafür. Der warme, weiche Klang ging nicht verloren. Anders ausgedrückt: Die Milde blieb gewahrt. Jazz, Folk, Rock, Barock und Musik aus dem arabisch-türkischen Raum gehen auf der CD eine reizvolle Verbindung ein und ergeben, wie Hille Perl findet, „eine sehr wilde und sehr milde bunte Mischung“. Immer wieder erfindet sich die Künstlerin neu: Ganz anders als „Sirius Viols“ oder die Gruppe „Los Otros“, die den Fokus auf italienische und spanische Tanzmusik aus dem 17. und 18. Jahrhundert legte, klingt „La Ninfea“, was – ins Deutsche übersetzt – „die Seerose“ bedeutet. Dieses auf dem Bach-Festival in Arnstadt zu erlebende Kammermusik-Ensemble aus mehrfach preisgekrönten Musikern hat sich besonders der Wiederentdeckung besonders unbekannter Werke aus dem 17. und 18. Jahrhundert verschrieben. Im Oktober 2011 spielte es mit der Sopranistin Ulrike Hofbauer seine Debüt-CD „Sono amante“ ein – mit Kantaten und Kammermusik der Brüder Bononcini. Die Fachpresse reagierte begeistert. Seither hat „La Ninfea“ auf renommierten Festivals gespielt, etwa bei den „Tagen Alter Musik“ in Berlin oder auf dem „Trigonale Festival der Alten Musik“.

Wandlungsfähig, neugierig, experimentierfreudig, ideenreich in der Improvisation, leidenschaftlich und virtuos – Gambistin Hille Perl bleibt ein Phänomen. Ein Geheimnis ihres Erfolges besteht darin, Alter Musik so viel Frische und Modernität einzuhauchen, dass sie zeitgenössisch zu werden scheint.

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