Verbale Klippen mit Feingefühl umschifft

Michael Lührs gestaltet als „Freier Redner“ Zeremonien für Brautpaare oder Trauernde

Michael Lührs (Mitte) begleitet als „Freier Redner“ ganz besondere Momente im Leben von Menschen – so wie hier anlässlich der Wiederholung des Eheversprechens von Sabine und Klaus Budzin aus Harpstedt nach 25 Ehejahren. Die „Silber-Braut“ trug übrigens bis zur Ankunft an der Mooshütte eine Augenbinde. Ihr Mann hatte sie mit dem romantischen Ritual völlig überrascht. Foto: Bohlken
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Michael Lührs (Mitte) begleitet als „Freier Redner“ ganz besondere Momente im Leben von Menschen – so wie hier anlässlich der Wiederholung des Eheversprechens von Sabine und Klaus Budzin aus Harpstedt nach 25 Ehejahren. Die „Silber-Braut“ trug übrigens bis zur Ankunft an der Mooshütte eine Augenbinde. Ihr Mann hatte sie mit dem romantischen Ritual völlig überrascht.

Harpstedt - Fast fühlen sich Sabine und Klaus Budzin wie vor 25 Jahren. Wie am 19. Juli 1994, als sie – exakt zehn Jahre nach dem Kennenlernen – im Harpstedter Standesamt versprachen, einander in guten und schlechten Zeiten beizustehen. Anlässlich der Silberhochzeit wiederholt und bekräftigt das Paar aus Harpstedt das Jawort mit viel Gefühl. Er rührt sie sogar mit einer Liebeserklärung zu Tränen.

Dieses romantisch erneuerte Eheversprechen geht sogar denen nahe, die bei der Trauung noch gar nicht geboren waren: den eigenen Töchter Elena (18) und Malin (14). Noch etwas unterscheidet sich, mal  abgesehen von dem idyllischen Ambiente am Busen der Natur in der Harpstedter Mooshütte, vom Tag der grünen Hochzeit: Die Zeremonie gestaltet zwar wie vor einem Vierteljahrhundert ein Standesbeamter, aber in einer anderen Funktion: Die Aufgabe von Michael Lührs besteht darin, als „Freier Redner“ den Anlass und den Augenblick einfühlsam mit rhetorischem Geschick zu krönen. Das gelinge ihm voll und ganz, bekräftigen die Ehejubilare im Anschluss an das emotionale Ritual.

„Es ist nicht immer einfach, in ganz besonderen Momenten im Leben von Menschen wie Hochzeiten, Jubiläen oder beim endgültigen Abschied eines Angehörigen die richtigen Worte zu finden“, weiß Lührs. Gerade in emotionsgeladenen Situationen kann sich schon ein kleinster verbaler Ausrutscher oder eine unglückliche Betonung als Fettnäpfchen und Bumerang erweisen.

Dass Lührs alle erdenklichen verbalen Klippen sicher umschifft, verdankt er zu einem guten Teil seiner hauptberuflichen Erfahrung als Standesbeamter bei der Samtgemeinde Harpstedt: In den zurückliegenden 15 Jahren hat er rund 950 Traureden gehalten. „Halten dürfen!“, betont er. Die Übung, die bekanntlich den Meister macht, verleiht ihm Sicherheit im Auftreten.

Zunehmend findet der Harpstedter Gefallen daran, sehr persönliche, frei geschriebene Reden zu feierlichen Anlässen vorzutragen. Diese Möglichkeit habe er allerdings nur als „Freier Redner“. Seit Anfang des Jahres übt er die freiberufliche Tätigkeit nun zusätzlich aus – auf der Basis einer guten Schulung, versteht sich: Lührs hat mehrere Seminare besucht, die speziell auf Trau- und Trauerredner zugeschnitten sind. Es sei auch möglich, eine Prüfung abzulegen. „Das habe ich zwar nicht gemacht“, so Lührs, „aber ich denke, meine Routine und meine Lebenserfahrung unterstützen mich in der Ausübung der freiberuflichen Tätigkeit.“

Zu den „Freien Rednern“, die es heute in großer Zahl gibt, zählen pensionierte Pastoren und Bestatter. Manche Menschen entscheiden sich aber auch einfach nur für diese Aufgabe, weil sie eine Neigung sowie das Talent zum freien Reden haben und das nötige Feingefühl mitbringen. Ihre Dienste und rhetorischen Qualitäten werden immer stärker nachgefragt.

Michael Lührs erkennt einen „ganz deutlichen Trend“ hin zu freien Reden, und zwar sowohl anlässlich von Trauungen als auch auf Trauerfeiern und zu anderen Anlässen. Diese Tendenz wird sich nach seiner Überzeugung fortsetzen. Auch weil „sich immer mehr Menschen, vor allem jüngere, von der Kirche abwenden“. Für die Betreffenden sei eine freie Trauung oder eine Trauerfeier ohne Pastor oft eine willkommene Alternative. Diese Option ohne „geistlichen Beistand“ findet im Übrigen längst reichlich Wertschätzung. Michael Lührs weiß um die Vorteile: „Durch die Freiheit der Gestaltung solcher Feiern sowie bei der Wahl der Location, etwa für eine freie Hochzeit, bleibt sehr viel Spielraum für Persönliches.“ Freie Reden hat der Harpstedter bislang vornehmlich für Trauerfeiern verfasst. Sein eigener Anspruch: „Die Worte müssen so persönlich sein, wie die Hinterbliebenen ihre verstorbenen Angehörigen in Erinnerung behalten haben und behalten sollen.“

Generell spiegelt eine gute freie Rede nach Ansicht des 52-Jährigen ein Bild der Lebens-, Liebes- oder sonstigen Geschichte jeder zu erwähnenden Lebensstation wider. Diesen Grundsatz beherzigt Lührs auch bei Anlässen wie der Erneuerung eines Eheversprechens: „Nur so kann das Ja zur Liebe, ganz individuell auf ein Paar angepasst, zelebriert werden.“

In die jeweilige Zeremonie lassen sich besondere Rituale einbinden, die einem Brautpaar oder – bei Trauerfeiern – den Hinterbliebenen am Herzen liegen. Je persönlicher der Ablauf sein solle, desto intensiver müssten allerdings die erforderlichen Vorgespräche geführt werden, bekräftigt Michael Lührs. „Oft kommen dabei die überraschendsten, spannendsten und emotionalsten Momente zum Vorschein. Die finden dann selbstverständlich ihren Platz in der Rede.“ Sehr persönlich gestaltete Zeremonien seien natürlich auch für die Gäste besonders interessant. Schon jetzt möchte der Harpstedter seine zusätzliche freiberufliche Tätigkeit nicht mehr missen. Menschen und deren Lebensgeschichten kennenzulernen, „mit diesem Schatz an Wissen eine freie Rede zu schreiben“ und so die Betroffenen – entweder an ihrem großen Tag oder aber in der Trauer – durch die Zeremonie zu leiten, sei ihm ein persönliches Anliegen: „Ich bin froh, diese Aufgabe für mich entdeckt zu haben und sie mit Leben füllen zu dürfen.“

Einen wichtigen Hinweis muss Lührs am Rande unbedingt loswerden; dabei wiederum spricht ganz der Standesbeamte aus ihm: Nach einer freien Trauung sei ein Brautpaar natürlich nicht im Sinne des Gesetzes verheiratet. Rechtsgültig sei der „Bund fürs Leben“ nur nach einer standesamtlichen Eheschließung.

Für seine Tätigkeit als „Freier Redner“ hat der 52-Jährige eine eigene Website gestaltet. Weitere Infos online: www.freier-redner-harpstedt.de

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