Die Luftmunitionsanstalt nach dem Krieg

Unternehmer nutzten die Chance auf einen Neuanfang

Die ehemalige Kommandantur. Dort befand sich von 1946 bis 1958 die Altersheim-Verwaltung.

Dünsen - Neues Leben kam 1946/47 in die ehemalige Luftmunitionsanstalt (Muna), als neben den Flüchtlingen aus Ost- und Westpreußen in großer Zahl Heimatvertriebene aus Schlesien und Pommern eintrafen. In der Muna wagten ostdeutsche Unternehmer und Handwerker den Neuanfang. Weitere Erinnerungen an diese Zeit hat Hermann Bokelmann, der 1946 bei der Post als Zusteller für Dünsen und Klosterseelte begann und 1948/49 in der Telefon-Hand-Vermittlung in der Poststelle in der Muna tätig war, niedergeschrieben. Hier sein Bericht.

Das DRK-Altersheim übernahm die ehemalige Kommandantur, die gegenüberliegende große Kaserne, die Casino-Küche (beide Gebäude sind inzwischen abgerissen), die kleine Kaserne (das jetztige Sportfunktionsgebäude des SC Dünsen) sowie die ersten beiden Offiziershäuser am heutigen „Im Waldeck“.

Bis zu 240 Vertriebene, vorrangig aus Schlesien, wurden dort betreut. Fritz Gerlach und Oberschwester Helene leiteten das Heim. Die Unterbringung lässt sich mit heutigen Ansprüchen nicht vergleichen. Es gab keine Zimmer mit Nasszelle. Zwischen den Betten verliefen nur schmale Gänge. Die Heizung fiel in dem kalten Winter manchmal aus; da half es wenig, die Ritzen der Fenster mit Moos zuzustopfen.

Lina Melzer, die schon in Schlesien Posthalterin war, übernahm die Poststelle.

Die Alten verstanden ihr Schicksal nicht. Oft haben sie mich gefragt: „Wann können wir denn wieder zurück in die Heemte?“. Als junger Einheimischer habe ich damals begriffen, was Heemte, also Heimat, bedeutet. Bei Treffen der Vertriebenen versuchte ich eine Deutung: „Die alten Menschen konnten nicht sterben, weil sie nicht in fremder, sondern in der Heimaterde beerdigt werden wollten.“ Als 1958 die Bundeswehr das Munagelände wieder übernahm, errichtete das DRK in Bruchhausen-Vilsen ein modernes Heim, das noch heute besteht.

Die Post richtete 1947 im Ex-Sanitätsgebäude der Muna eine Poststelle und eine kleine Telefon-Handvermittlung ein. Die Anlage in Harpstedt und die Kabel für die vielen neuen Telefonanschlüsse reichten nicht aus. Lina Melzer, die schon in Berna im schlesischen Kreis Lauban Posthalterin war, übernahm die Poststelle.

Die Telefonvermittlung war nur von 8 bis 20 Uhr besetzt. Dünsen und Klosterseelte konnten nachts nicht telefonieren; nur die beiden Polizeistationen wurden nach Harpstedt durchgeschaltet. Heute wäre so etwas unvorstellbar. Die Telefone stammten aus der Kaiserzeit, oder aber es handelte sich um Wehrmacht-Geräte. Im selben Gebäude wohnten noch drei Familien: Elektromeister Erich Kelm aus Pommern wurde später Bürgermeister.

Die diversen großen Lagerhallen, die zum Teil heute noch stehen, boten vielen Betrieben gute Möglichkeiten. Schlossermeister Bartz eröffnete dort eine Werkstatt. Emil Genuhn etablierte dort mit einem alten Lkw mit Holzgasantrieb eine Spedition. Da seine Frau Jüdin und sein Sohn Ulrich Halbjude war, hatte die Familie in der Nazizeit gelitten. In der Muna fasste sie neuen Mut.

Der Schlesier Fritz Baumgarten fertigte mit den Erfahrungen seiner „Hausdorfer Holzwollefabrik“ wieder Bauplatten. Seilermeister Fritz Gehrke aus Pommern drehte wieder Seile und Taue. Gehrke blieb vielen als Betreuer der Leichtathleten des Harpstedter Turnerbundes in Erinnerung. Eberhard Fischer gründete die „Norddeutsche Matratzenfabrik“.

Sonnenschutzöl gegen quietschende Türen

Vor der ehemaligen Poststelle: Zusteller Kurt Pätzold, der auch die Botenpost (mit Pudenz-Paketen) nach Harpstedt fuhr, Posthalterin Lina Melzer und Hermann Bokelmann (von links), der damals, 1948/49, die kleine Telefon-Handvermittlung in der Muna bediente.

Dieses Unternehmen „überlebte“ die Währungsreform 1948 nicht lange. Gleiches gilt für die „Prosalo-Arzneimittelfabrik“. Da half auch die Umwandlung in „Chemisch Pharmazeutische Fabrik Wolfgang Freiherr von Bernewitz“ nicht. Erna Gehrke-Ripken, damals als Sprechstundenhilfe von Doktor Maier bekannt, fand das Sonnenschutzöl des Unternehmens aber gut; allerdings zweckentfremdete sie es zum Ölen „quietschender Türen“. 

Bäcker Hirdler aus Schlesien versorgte die Vertriebenen mit Schlesier-Brot. Tischlermeister Hans Kraus begann seine Werkstatt in der alten Wache. Der Oberschlesier Nowack eröffnete die „Waldschänke“ – und seine Tochter im selben Gebäude ein Lebensmittelgeschäft.

Ein Betrieb überstand alle Wirren der Nachkriegszeit: Oberingenieur Oskar Ackermann eröffnete in Dünsen die in Wuppertal ausgebombte und nach Schlesien verlagerte Fabrik für Spezialsicherungen, die Wilhelm Pudenz KG. „Ich benötige keine Kredite. Ich muss nur meine alten Kunden wieder haben“, lautete sein Wahlspruch. Das gelang ihm sehr schnell. Postbote Kurt Pätzold beförderte viele Pudenz-Pakete von der Poststelle Dünsen mit dem Lieferfahrrad mit Hilfsmotor zum Postamt Harpstedt.

Hochkant gestellte Bombenkisten dienten bei Pudenz anfangs als Aktenschränke. Am Tage arbeitete Ackermann in der Firma; am Abend und in der Nacht baute er sich ein kleines Gebäude zur Wohnung aus. Später errichtete die Firma Pudenz an der Klosterseelter Straße einen modernen Betrieb.

Unterschiedliche Schicksale sind mir im Gedächtnis geblieben: Der pensionierte Reichsbahn-Oberinspektor Schormann bekam gleich nach der Währungsreform seine Pension in D-Mark und leistete sich schon „Die Welt“ als Tageszeitung. Kaufhausbesitzer Hasse aus Königsberg hatte hingegen kein Geld und kaum Bekleidung; als Jackett trug er eine Nazi-BDM-Mädchen-Weste. Er besaß aber Aktien und wartete auf die Aufwertung. Die Bitte um einen Blick in Schormanns Zeitung ließ sein Stolz nicht zu. Hasse hat die Aufwertung der Aktien nicht mehr erlebt.

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