1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Oldenburg
  4. Harpstedt

Umspannwerk nun in Betrieb: „Wir sind vollgelaufen im Netz“

Erstellt:

Von: Jürgen Bohlken

Kommentare

Inbetriebnahme auf Knopfdruck: Den Button betätigten Yves Nagel, Thomas Hacke, Frank Schwermer, Dr. Osman Kurt (Bereichsleiter Planung und Bau Spezialnetze) und Christian Pundt (von links).
Inbetriebnahme auf Knopfdruck: Den Button betätigten Yves Nagel, Thomas Hacke, Frank Schwermer, Dr. Osman Kurt (Bereichsleiter Planung und Bau Spezialnetze) und Christian Pundt (von links). © Bohlken

Simmerhausen – Kurzes gemeinschaftliches „Hauen“ auf einen Button nach Ablauf eines Countdowns – und schon brummte der 110/20-kV-Trafo mit 63 Megavoltampère Leistung, der die Avacon Netz GmbH rund 1,5 Millionen Euro gekostet hat. Dieses Herzstück gibt es im soeben offiziell in Betrieb genommenen Umspannwerk (UW) Prinzhöfte in Simmerhausen gleich im „Doppelpack“.

Wie so ziemlich alles dort.

Den Grund erläuterte Teamleiter Thorben Fricke während eines Rundgangs durch das mit Technik vollgestopfte Betriebsgebäude. Dort ist auch die Mittelspannungsschaltanlage angesiedelt. „Wir haben hier Steuerungstechnik. Computer, um es platt zu sagen. Die werden elektrisch gesteuert. Fällt der Strom mal aus, müssen wir trotzdem steuern können. Das aber setzt voraus, redundant zu sein. Heißt: Jedes einzelne Bauteil, von der Klemme bis zum Trafo, kommt doppelt vor. Selbst wenn mal alles ausfallen sollte, haben wir immer noch eine Stützbatterie. Und sogar die ist natürlich doppelt ausgelegt“, erläuterte Fricke.

„Ich erlebe heute schon meine fünfte Umspannwerk-Einweihung. Für mich ist das immer ein schöner Tag“, sagte Avacon-Kommunalreferent Hermann Karnebogen. In Richtung Landrat Christian Pundt merkte er an, er habe im Kreishaus kein einziges Mal das Gefühl gehabt, „dass dort jemand dieses Umspannwerk nicht will“. Die „vertrauensvollen, konstruktiven Gespräche“ auf Samtgemeinde- und Gemeindeebene hob Karnebogen ebenso lobend und dankend hervor.

Jedes einzelne Bauteil, von der Klemme bis zum Trafo, kommt doppelt vor. Selbst wenn mal alles ausfallen sollte, haben wir immer noch eine Stützbatterie. Und sogar die ist natürlich doppelt ausgelegt.

Thorben Fricke

Dass Prinzhöftes Bürgermeister Hans-Hermann Lehmkuhl seinen Stellvertreter Thomas Hacke zur UW-Inbetriebnahme schickte, kam nicht von ungefähr. Karnebogen: „Er fährt mit dem Fahrrad nach Mailand, hat er mir erzählt. Auch ‘ne tolle Leistung!“

Mit Blick auf Samtgemeindebürgermeister Yves Nagel verriet der Kommunalreferent, in der Samtgemeinde Harpstedt werde mittlerweile fast viermal so viel Strom regenerativ erzeugt wie vor Ort verbraucht. Aus dem Windpark „Wunderburg 2“ dürften bis Jahresende 17 Megawatt (MW) Anlagenleistung hinzukommen – und mittelfristig aus voraussichtlich zwölf bis 14 Windrädern, die in der Klein Henstedter Heide realisiert werden sollen, weitere rund 50 MW, schätzte Thomas Hacke. Das seien wahrhaft „beeindruckende Dimensionen“. Prinzhöfte habe mit der Energiewende seit über 15 Jahren zu tun. „Damals haben wir unseren ersten Windpark geplant“, erinnerte sich Hacke.

Das neue Umspannwerk soll das UW Bassum entlasten, die Verteilung erwartbar ansteigender Mengen regenerativ erzeugten Stroms gewährleisten und zu noch mehr Versorgungssicherheit beitragen. Die Avacon sieht darin eine Investition in die Zukunft. „Wir haben für dieses Projekt rund elf Millionen Euro ausgegeben. Sechseinhalb Millionen können wir jetzt hier direkt besichtigen“, spielte Frank Schwermer, Geschäftsführer der Avacon Netz GmbH, auf das UW mitsamt Strommast zwecks Anbindung an die 110-kV-Leitung von Ganderkesee nach Wildeshausen an. Die übrigen viereinhalb Millionen Euro flössen in die erforderliche Netzumstrukturierung.

Aus meiner Sicht ist es genau richtig, hier zu investieren. Gerade in Anbetracht der aktuellen Krisen in der Welt wird es immer wichtiger, eine autarke Energieversorgung zu haben.

Christian Pundt

Nötige Baumaßnahmen im Mittel- und Niederspannungsnetz streifte Hermann Karnebogen: „Unser Projektleiter Florian Plate hat mir heute früh versichert, am 16. Mai beginne die Verlegung des Erdkabels nach Stiftenhöfte. Allein hinter diesen rund fünfeinhalb Kilometern verbirgt sich ein riesiges Investitionsvolumen. Danach krempeln wir sozusagen Harpstedt um.“

„Luft nach oben“ eingeplant

„Wir sind vollgelaufen im Netz“, begründete Frank Schwermer das Erfordernis des neuen Umspannwerks. Er meinte: vollgelaufen mit eingespeistem Strom. „Größer gedacht“, deutlich über die Grenzen der Samtgemeinde hinaus, komme aktuell auf eine Last von ungefähr fünf MW das fünf- bis sechsfache Einspeisevolumen. „Luft nach oben“ sei im Zuge der Realisierung des UW Prinzhöfte natürlich eingeplant worden.

Neben „Wachstum“ hätten in diesem Projekt weitere Komponenten Berücksichtigung gefunden, erläuterte Schwermer: „Nachhaltigkeit“ und „Digitalisierung“. Mangels anderer Alternativen kam der für die Bauarbeiten benötigte „Saft“ aus Fotovoltaikmodulen vor Ort, also aus autarker Quelle. „Das haben wir hier zum ersten Mal gemacht. Das hätten wir uns vor zehn Jahren nicht getraut, aber es hat funktioniert, wie man sieht“, untermauerte der Geschäftsführer.

„Destillierte Luft“ als Isolationsmedium

In Sachen Nachhaltigkeit habe die Avacon Netz GmbH zudem erstmals ein Gemisch aus 80 Prozent Stickstoff und 20 Prozent Sauerstoff als Isolationsmedium eingesetzt (eine umweltfreundliche Alternative zu Schwefelhexafluorid, dem stärksten bekannten Treibhausgas). Das sei letztlich nichts anderes als „destillierte Luft“, sagte Schwermer in Anspielung auf das „Clean Air“-Verfahren der Siemens AG: Für das Löschen des beim Trennen der Schaltkontakte entstehenden Lichtbogens entwickelten Ingenieure eine Vakuumschaltröhre. Die Nutzung dieser Technologie gehe sogar mit einer besonders kompakten Bauweise einher, so Schwermer.

Das hätten wir uns vor zehn Jahren nicht getraut, aber es hat funktioniert, wie man sieht.

Frank Schwermer

Der Digitalisierung sei indes durch Anbindung des UW „an unser Lichtwellenleitersystem“ Rechnung getragen worden. Das hat wiederum mit der „Fernsteuerung“ der Technik durch die Netzleitstelle in Salzgitter zu tun. Über unternehmenseigene Glasfaserleitungen werden Steuersignale, aber auch Messdaten übermittelt.

„Ansprechpartner vor Ort“

„Wir benötigen solche Umspannwerke, um die regenerativ erzeugte Energie in die Netze zu bekommen. Der ländliche Raum wird weiter für die Energiegewinnung gebraucht werden“, zeigte sich Christian Pundt vor dem Hintergrund des absehbar wachsenden Zubaus von Windkraft und Fotovoltaik überzeugt. „Aus meiner Sicht ist es genau richtig, hier zu investieren. Gerade in Anbetracht der aktuellen Krisen in der Welt wird es immer wichtiger, eine autarke Energieversorgung zu haben“, bekräftigte der Landrat.

Yves Nagel pflichtete bei. Besonders zu begrüßen sei es im Interesse einer guten Kooperation, Ansprechpartner „vor Ort“ – wie seitens der Avacon – zu haben. Das sei aber leider nicht für alle Netze gewährleistet, bedauerte der Verwaltungschef.

Auch interessant

Kommentare