Leidensweg eines jüdischen Jungen bewegt Schüler tief

Ein Überlebender der Shoa schildert das Unfassbare

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Ihre musikalisch untermalte Lesung dürfte den Schülern noch lange im Gedächtnis haften bleiben: Vibrafonist Wolfgang Lackerschmid und Schauspieler Thomas Darchinger. 

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Seine Kindheit endete mit 13 Jahren. Als einer von wenigen 1000 europäischen Juden überlebte Solly Ganor die Shoa. Sein Martyrium unter dem NS-Rassenwahn bis zur Befreiung durch amerikanische Streitkräfte Anfang Mai 1945 hat er in klare, eindringliche, berührende Worte gekleidet. Aus seiner erst 1995 erschienenen Autobiografie „Das andere Leben“ las am Dienstag der Schauspieler Thomas Darchinger vor den Acht-, Neunt- und Zehntklässlern der Oberschule Harpstedt. Wolfgang Lackerschmid untermalte das Grauen mit teils surreal anmutenden Vibrafon-Klängen.

Von tiefer Betroffenheit zeugende Stille herrschte in der Pausenhalle. Die Geschichte des jüdischen Jungen, der Opfer einer unfassbaren Menschenjagd wird, ging den Schülern nahe: Solly Ganor lebt mit seiner Familie im litauischen Kovno, als die NS-Besatzer alle Juden der Stadt in ein Ghetto zwingen. Drangvolle Enge, Hunger, die Unberechenbarkeit der Machthaber, Selektionen und allgegenwärtige Todesangst bestimmen fortan das Dasein von rund 30.000 Eingepferchten. 

Nur 5000 überleben das Ghetto. Für sie aber geht das Leiden weiter. Solly Ganor kommt zunächst in das Lager in Stutthof bei Danzig. Dann verschleppen die Nazis ihn und seinen Vater in ein Außenlager des KZ Dachau bei Landsberg. Die Aufseher zwingen die Insassen zu Sklavenarbeit für die Rüstungsindustrie, betreiben im Sinne der menschenverachtenden NS-Ideologie „Vernichtung durch Arbeit“. Nur die Hälfte der 30.000 Gepeinigten entkommt dieser neunmonatigen Hölle lebend.

Dann räumt die SS das Lager aus Angst vor den näher rückenden Alliierten. Die Schrecken für ihre Opfer aber gehen weiter; das letzte Kapitel nimmt seinen Lauf: Auf einem der berüchtigten Todesmärsche „durch die bayerische Bilderbuchlandschaft“ verliert Solly Ganor weitere ihm nahestehende Menschen. Später wird er sich an die endlose Kolonne erinnern – an ein „langes Band“ aus „schlurfenden, hinkenden, vorantaumelnden“ Gestalten, entmenschlicht unter unsäglichen Strapazen. Wer entkräftet zusammenbricht, den erschießen die SS-Schergen, oder die Hunde der Wachen setzen seinem Leben unbarmherzig ein Ende. So ergeht es etwa dem Leidensgenossen Berthold. Als er stolpert und nicht wieder aus eigener Kraft auf die Beine kommt, springt ein Dobermann ihm an den Hals und reißt ihm die Kehle heraus.

Das „Strahlen der Seele“ in toten Augen

Das „schreckliche Geräusch“, das Solly Ganor vernimmt und die zurückbleibende riesige Blutlache brennen sich in sein Gedächtnis. Ebenso das Bild von Jakob, der es – wie so viele andere – auch nicht schafft. Das „sonderbare Leuchten“ in seinen Augen im Moment des Todes interpretiert der Autobiograf als „Strahlen der Seele.“

Jahre nach seiner eigenen Rettung durch die Amerikaner gelingt Solly Ganor in Israel die Rückkehr in ein normales Leben. Er heiratet, wird Vater zweier Kinder, später Opa dreier Enkel. Sein persönliches Happy End aber bleibt die große Ausnahme. Für sechs Millionen von den Nazis ermordete Juden kommt die Befreiung durch die Alliierten zu spät.

Darchinger und Lackerschmid geht es nicht nur darum, den Terror des NS-Regimes am Beispiel des jüdischen Jungen aus Litauen aufzuzeigen. Am Herzen liegt ihnen der Bogen in die Gegenwart, die Mahnung, Toleranz zu leben, damit sich Geschichte nicht wiederholt, das Werben für eine offene, plurale Gesellschaft. „Manchmal nörgeln wir, weil Dinge in unserer Demokratie nicht so sind, wie sie sein sollten, aber im Großen und Ganzen ist es ein Geschenk, dass wir in einem solchen Gesellschaftssystem leben dürfen. Zuweilen vergessen wir uns zu bedanken und darüber nachzudenken, was dieses Geschenk eigentlich bedeutet. In einer Demokratie laufen wir Gefahr zu denken, dass irgendwer sich schon um sie kümmern werde. 

Aber so funktioniert sie nicht. So läuft es in einer Diktatur. Da gibt es wenige, die bestimmen, wo’s lang geht, und alle anderen müssen folgen wie Schafe“, verdeutlichte Darchinger in der Pausenhalle der Oberschule Harpstedt. Sein Appell an die Schülerschaft: „Seht euch alle als Bausteine dieser Demokratie! Verteidigt sie – und auch die Freiheit! Seht die Vielfalt, die es jedem von uns gestattet, so zu sein, wie er ist, als Geschenk an!“

Mit den Aufführungen will das Land Niedersachsen das demokratische Bewusstsein fördern. Welche Schulen in den Genuss der Lesung kommen, sei im „Windhundverfahren“ entschieden worden, verriet Lehrerin Nadine Hellmich auf Nachfrage unserer Zeitung.

Die Harpstedter Schüler zeigten sich tief bewegt von dem Gehörten. „Ich wusste schon etwas über Konzentrationslager und den Holocaust, aber nicht so viel, wie ich jetzt erfahren habe“, gestand Finja Dressel (13) aus der R 8a. Bewegend an der Autobiografie sei vor allem, dass sie das Leiden und Sterben der Verfolgten und den grausamen Verlust von Freunden und Angehörigen in Zeiten des Terrors sehr deutlich beschreibe. Leonie Claußen konnte sich, wie sie verriet, „hineinversetzen“ in die verzweifelte Lage des jüdischen Jungen. Sie fand es wichtig, die Geschichte aus erster Hand, aus Sicht eines NS-Opfers, erzählt zu bekommen, „weil es heute ja nicht mehr viele Zeitzeugen gibt, die davon berichten können“.

Begleitende Ausstellung

Die Lesung passte zum Selbstverständnis der Oberschule Harpstedt als Schule ohne Rassismus und mit Courage. Die erklärte Haltung gegen Ausgrenzung und Fremdenhass manifestiert sich aktuell in einem Wahlpflichtkurs, den Lehrer Eike Harnisch leitet. 

Mit Themen rund um Rassismus und Fremdenfeindlichkeit beschäftigt sich ein Wahlpflichtkurs unter der Leitung von Lehrer Eike Harnisch (links). Die WPK-Schüler begleiteten die Lesung in der Pausenhalle mit einer kleinen Ausstellung. 

Die WPK-Schüler begleiteten die Lesung mit einer Ausstellung. Auf Stellwänden trugen sie Arbeitsergebnisse zusammen – zur Auseinandersetzung mit Antirassismuskampagnen von Fußballvereinen, zu versteckten Nazisymbolen oder zu musikalischen Plädoyers für ein Miteinander von Menschen aller Rassen wie Stevie Wonders und Paul McCartneys „Ebony and Ivory“.

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