Karl Neukauf im „Liberty’s“

Musik bis in tiefste Sphären

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Mal dröhnend zum Mitrocken, mal sanft einlullend mit melancholischem Timbre: Stimmlich zieht Karl Neukauf aus Berlin alle Register.

Harpstedt - Von Anja Nosthoff. Sich hinwegträumen – dazu animiert Karl Neukaufs Musik durchaus. Da es ein Genuss ist, der charakteristischen Stimme des Berliner Chansonniers zu lauschen, spitzt das Publikum im „Liberty’s“ während der diesmal auf einen Dienstag fallenden „Kultur am Donnerstag“ die Ohren und taucht unbeschwert auch tief in die Texte des Liedermachers ein, dessen Stimme mühelos selbst tiefste Basstöne erreicht.

Der Wahl-Berliner überzeugt sein Harpstedter Publikum mit einem humorvoll-melancholisch-rockigen Konzert. Seine Geschichten laden zum Lachen, Mitwiegen, Mitdenken und Mitrocken ein. Sie leben oft von der Kombination von Dingen, die eigentlich nicht zusammengehören, auf eine absurd-stimmige Art bei ihm aber zusammenzupassen scheinen. Ebenso von Überraschungsmomenten, die den Songs Suchtpotenzial verleihen.

Obwohl der Bariton stets vorrangig erzählend klingt, verfließt er mit Rhythmus und Instrumentenklang zu einem berührenden Musikerlebnis. Der Chansonnier ist übrigens multiinstrumental: Er spielt Klavier und singt, spielt aber auch Gitarre, Schlagzeug, Bass und Sitar. Das Publikum im „Liberty’s“ findet ihn hinter dem Keyboard sitzend vor. Von dort aus nutzt er nicht nur das Mikrofon, um seinen unverwechselbaren Bariton erklingen zu lassen. 

Er sorgt mitunter per „Fußarbeit“ gleichzeitig für „Kraftwerk-Rhythmus“ – etwa bei seinem Track „Stuck und hohe Decken“, der, wie der gebürtige Kasseler selbst beschreibt, ein wenig an die Musik der früheren Avantgarde-Elektropop-Band Kraftwerk erinnert. Der Text ist inspiriert von einer nie vergessenen Wohnungssuche in Berlin. „Die Zahnbürste des Vormieters stand noch im Becher“, beschreibt Neukauf die Eile des Maklers, die kleine Stadtwohnung in Bestlage ohne Zeitverlust weiterzuvermitteln. 

Düster monoton startet der Song mit dröhnendem Rhythmus und gebrummtem Intro: „Dielenabschleif-Maschinengeräusch, Dielenabschleif-Maschinengeräusch...“ Erheiternde und fast gruselige Momente wechseln sich ab, denn die Atmosphäre in der Wohnung erinnert die Besichtiger an die berüchtigte Bremer Giftmörderin Gesche Gottfried aus dem 18. und 19. Jahrhundert. „Gesche, warst du hier, getarnt als Pizzakurier?“, fragt Neukauf und zieht Parallelen von Berlin über Hamburg und Bremen bis nach Köln, die das Großstadtleben beschreiben.

Den November als Monat des Abschiednehmens vom Jahr feiert der Chansonnier mit einem Song über die „Unwahrscheinlichkeit des Wiedersehens“ bei einem Auszug aus einer Studenten-WG. „Wenn Schwalben rückwärts fliegen… ja dann vielleicht“, überlegt der Bariton melancholisch vibrierend. 

„Jetzt trennen uns nur 20 Zentimeter Wand, doch bald schon ein halbes Land.“ Mit Schalk im Nacken lädt Neukauf zu einer Herausforderung sprachlicher Art ein: Deutsche Wörter, so schön und einmalig, dass man sie nicht übersetzen will, formen als Bausteine den Text seines Liedes „Deine Welt durch meine Augen“, das den Pantoffelheld, das Honigkuchenpferd, die Schnapsidee, das Luftschloss, das Wunderkind und die Frühjahrsmüdigkeit in ganz neue – absurde – Zusammenhänge setzt.

Das sanfte „Herbst über Dächern“ könnte als Lullaby oder auch als Liebessong durchgehen – ein weiteres Highlight eines höchst unterhaltsamen Konzertabends mit einem immer wieder gern gesehenen Gast, über den sich wohl sagen lässt, dass ein weiteres Wiedersehen in Harpstedt alles andere als unwahrscheinlich ist.

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