80 Minuten im kalten Wasser

Taucher im Notfalleinsatz: Verloren geglaubte Babyfotos gerettet

+
Die Mühe war nicht vergebens: Taucher Ulf Malinowski hat das Smartphone aus dem Teich des Wild- und Freizeitparks Ostrittrum „gefischt“.

Harpstedt/Ostrittum- Von Jürgen Bohlken. Es hat etwas von der redensartlichen Nadel im Heuhaufen, die Ulf Malinowski im Teich des Wild- und Freizeitparks Ostrittrum zu finden hofft: In voller Tauchermontur, mit Atemluftflasche, aber ohne Flossen durchkämmt der Harpstedter das stehende Gewässer.

Nach 80-minütigem Tauchgang im rund zehn Grad kalten Wasser reißt er die Arme in Siegerpose nach oben. In einer Hand hält er ein aus dem Modder gefischtes Smartphone mitsamt Speicherkarte und darauf abgespeicherten Familienfotos. Es gehört seinem Arbeitskollegen Ingo Blume. Der atmet auf – vor Erleichterung. 

Noch vor Sonnenaufgang wird in Harpstedt das für die Mission „Nadel im Heuhaufen“ benötigte Equipment verladen. - Foto: boh

Es sei ihm gar nicht so sehr darum gegangen, das beim Anlegen nach einer Tretbootfahrt ins Wasser gefallene Handy zurückzubekommen, sagt der 25-jährige Schlosser. Viel wichtiger seien ihm die Bilder auf der SD-Karte, darunter viele Aufnahmen aus der ersten Lebensphase seines inzwischen gut anderthalb Jahre alten Sohnes Tino. 

Sicherungskopien habe er davon nämlich leider nicht gemacht. Aber das werde er nun tunlichst nachholen, beteuert Blume. Er erzählt von dem Missgeschick, das ihm tags zuvor mit seiner Familie auf dem Teich des Freizeitparks passiert war: „Nach unserer Tretbootfahrt kam ich nicht wieder in meinen Anlegeplatz rein, da sich zwei Boote etwas verschoben hatten. Um sie auseinanderzudrücken, ist meine Frau Jenny auf den Bug gekrochen. 

Nach der Ankunft am Teich im Freizeitpark Ostrittrum: Ingo Blume hilft seinem Arbeitskollegen beim Anlegen der Taucherausrüstung. - Foto: boh

Vorher hatte sie mir Kuscheltier und Smartphone in die Hand gedrückt. Tino saß auf meinem Schoß und wurde ein bisschen unruhig. Während ich mich darauf konzentrierte, ihn festzuhalten, glitt mir das Handy aus der Hand. Ein dumpfer Platscher. Weg war’s! Ich bin dann sofort zum Kiosk gegangen, um dort nach einem Kescher zu fragen, den ich auch bekam. Eine Stunde lang habe ich versucht, das Handy aufzuspüren und aus dem Teich zu fischen. Ohne Erfolg. Stattdessen fand ich eine Sonnenbrille.“

Blume weiß, dass Ulf Malinowski, der – wie er selbst – bei der KS Kran-Technik GmbH in Bremen arbeitet, ein erfahrener Tauchlehrer ist. Der Harpstedter signalisiert seine Bereitschaft, ihm zu helfen und um der Babyfotos willen ins kalte Wasser zu springen. Michaela Stalling, die Chefin, hat ein Herz für die Mission der beiden Männer. Die bekommen frei für das „Tauchunternehmen“.

Eine Unterwasserlampe hat ihren Dienst versagt. Daher muss nun ein weniger lichtstarkes Exemplar als Ersatz herhalten.

Mittwochmorgen – Tag eins nach dem Handyverlust: Um 7.15 Uhr steht Ingo Blume bei seinem Kollegen in Harpstedt auf der Matte. Das Auto wird mit Neoprenanzug und Atemluftflasche beladen. Noch vor Sonnenaufgang machen sich die Männer auf den Weg nach Ostrittrum. Tanja Riesmeier, die an der Kasse des Freizeitparks sitzt, ahnt, dass Ulf Malinowski im Verlauf des Tauchgangs weitere Funde aus dem Teich ziehen könnte. „Da muss viel drin liegen“, sagt sie. „Auch Handys. Dinge gehen zumeist beim Einsteigen in die Tretboote verloren – oder eben beim Aussteigen.“

Immer wieder taucht Ulf Malinowski auf, doch zunächst bleibt die Erfolgsmeldung, die sein Kollege ersehnt, aus. - Fotos: boh

Kaum hat Malinowski seine Montur angelegt, taucht er ab. Quadratmeter um Quadratmeter sondiert er den Boden des nicht sehr tiefen Teichs. Seine Unterwasserlampe versagt den Dienst. Notgedrungen muss ein kleineres, weniger lichtstarkes Exemplar als Ersatz herhalten. 30 Zentimeter – viel weiter kann Malinowski nicht blicken. „Sobald du in den Boden greifst, wirbelst du Schlick auf. Damit das nicht passiert, habe ich auf die Flossen verzichtet. Und ich versuche, die Beine oben zu halten“, erklärt Malinowski. Nach einer ganzen Weile unter Wasser reicht er Blume eine gefundene – angerostete – Casio-Kleinbildkamera. 

Die beiden Fundstücke: Handy und Kleinbildkamera.

Je länger der Tauchgang dauert, desto mehr schwindet die Hoffnung des Bassumers. Mit einem anderen Smartphone wählt Blume die Nummer des versunkenes Handys – in der Hoffnung, Malinowski möge den Klingelton hören. Ein verzweifelter Versuch. Da klingelt gar nichts mehr. Der Akku hat sich kurzschlussbedingt längst entladen.

„Schau doch mal unter die Boote!“, ermuntert Blume den Tauchlehrer. Malinowski rückt näher an die Anlegestellen heran. Mühsam quält er sich unter die festgezurrten Tretboote hindurch. In drei Metern Entfernung vom Ufer wird er endlich fündig. „Erst schickst du mich so weit raus, und dann liegt das Ding hier vorn!“, beschwert er sich im Scherz bei seinem Kollegen. Ob das Smartphone zu retten ist, muss sich erst noch zeigen. Die Bilddateien auf der Speicherkarte zu lesen, dürfte indes nach Einschätzung Blumes ein durchaus lösbares Problem sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Einzelkritik: Mit Bargfrede ist Werder besser

Einzelkritik: Mit Bargfrede ist Werder besser

Bilder der steilsten Standseilbahn der Welt

Bilder der steilsten Standseilbahn der Welt

Palästinenser weisen US-Äußerungen zu Klagemauer zurück

Palästinenser weisen US-Äußerungen zu Klagemauer zurück

Weihnachtskonzert in der Sporthalle der Wiedauschule

Weihnachtskonzert in der Sporthalle der Wiedauschule

Meistgelesene Artikel

Speelkoppel Düngstrup feiert erfolgreich Premiere des Stückes „De Neegste bidde“

Speelkoppel Düngstrup feiert erfolgreich Premiere des Stückes „De Neegste bidde“

Ursache für Brand des Schweinestalls steht fest

Ursache für Brand des Schweinestalls steht fest

Totschlag: Mehr als 13 Jahre Haft für Familienvater

Totschlag: Mehr als 13 Jahre Haft für Familienvater

Telekom und EWE wollen dem Netz im Nordwesten Beine machen

Telekom und EWE wollen dem Netz im Nordwesten Beine machen

Kommentare