Sympathischer Skandinavier entpuppt sich als „Eisbrecher“

Singer-Songwriter Bent Ivar Depui Tversland bringt das „Liberty’s“ zum Kochen

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Die Musiker Regina Mudrich, Bent Ivar Depui Tversland, Martin Zemke und Tjard Cassens (von links) geben hier richtig Gas, um das Publikum im „Liberty’s“ im Rahmen der Reihe „Kultur am Donnerstag“ in Entzücken zu versetzen.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Mit seiner charakteristischen rauchigen Stimme und Songs aus eigener Feder, die vielfach schon nach dem ersten Hören im Gedächtnis haften bleiben, bricht Bent Ivar Depui Tversland nach wie vor jedes noch so dicke Eis. Und doch wirkt der Norweger bei seinem zweiten Gastspiel im „Liberty’s“ in Harpstedt verändert. Stiller. Introvertierter. Er sitzt, während er singt und Gitarre spielt.

Eine seltene Muskelkrankheit bereitet dem Songwriter seit etwa anderthalb Jahren zunehmend Probleme. „Bei ihm können die Synapsen die Muskeln in den Beinen nicht mehr richtig ansteuern. Er ist schon mehrfach operiert worden. Beim Stehen und Gehen muss er sich sehr konzentrieren. Seine Beine fühlen sich für ihn an, als seien sie ständig eingeschlafen“, verrät die Violinistin Regina Mudrich in einem kurzen Interview.

Zusammen mit Martin Zemke (Bass) und Tjard Cassens (Percussion) begleitet sie „Depui“ auf der aktuellen „Start Healing“-Tour, die unter anderem auch Auftritte in Kirchen beinhaltet. Eigentlich habe der Singer-Songwriter wegen seiner krankheitsbedingten Mobilitätseinschränkung gar nicht touren wollen, verrät Mudrich dem Harpstedter Publikum. „Wir haben ihn dazu überredet und ihm gesagt, er könne ja auf der Bühne durchaus sitzen. Da seine Stimme nicht beeinträchtigt sei, spreche doch überhaupt nichts dagegen, Konzerte zu geben.“

Die wahrlich markante „Röhre“ hat in der Tat in keiner Weise gelitten, wenngleich sie, wie ein Zuhörer hinter vorgehaltener Hand ulkt, „irgendwie nicht zu seinem Gesicht passt“. Stimmlich kommt „Depui“ dem US-amerikanischen Sänger Tom Waits ziemlich nahe, optisch aber – zu seinem eigenen großen Glück – so gar nicht.

Vom Wunsch, ein gerechter König zu sein

Das „Liberty’s“ erlebt ein kleines Déjà-vu. Titel wie das schnelle Eröffnungsstück „Rearranged“ oder das nicht minder rasant nach vorn preschende „Baby Jane“ hat der Singer-Songwriter auch schon 2015 bei seiner Harpstedt-Premiere zu Gehör gebracht. Das aber mindert den Genuss kein bisschen. Die Mischung aus Balladen und Up-Tempo-Titeln stimmt. Das beschwingte „My faults“ kommt in leichtfüßigem Reggae-Sound daher. Das Lied „King“ erzähle, so Regina Mudrich, wahrscheinlich „am innigsten“ von „Depuis“ eigener Geschichte. Es beschreibe, dass „mit der Veränderung durch die Krankheit vieles im Leben schwieriger“ werde. „Das fängt bei Beziehungen an und hört bei Ängsten auf. Was bleibt, ist der Wunsch, ein König zu sein, der gerecht regiert und danach trachtet, das Leid der Welt zu beenden.“

Die Texte des norwegischen Künstlers erzählen für gewöhnlich keine „straighten“ Geschichten, sondern enthalten eher Botschaften, die entschlüsselt werden wollen. Damit kontrastiert durchaus sehr reizvoll die ausgesprochen melodiöse Musik, die folkloristische und chansonhafte Elemente zusammenfügt und unterschiedliche Stimmungen transportiert – von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt, von melancholisch über anrührend bis hin zu temperamentvoll oder gar furios. Stimmungen, die auf der Bühne Regina Mudrich in jeder Sekunde mit ihrem Geigenspiel trifft und unterstreicht. So punktgenau, dass auch dem Sänger bisweilen ein Lächeln über die Lippen huscht, aus dem Dankbarkeit zu sprechen scheint.

Bass und Percussion halten sich zumeist dezent im Hintergrund. Hier und da kehrt Bassmann Zemke allerdings – sehr zur Freude der Zuhörer – seine „funky groovende“ Seite nach außen.

Ein Holzbein, das Kannibalen überlistet

Von einer Seemannslist in Gestalt eines Holzbeins, das Kannibalen glauben lässt, der Norweger schmecke generell nach Holz, handelt das einzige Lied, das „Depui“ nicht auf Englisch, sondern in seiner Landessprache singt. Der nicht von ihm stammende – über 300 Jahre alte – Text des Shantys klingt für deutsche Ohren schon witzig und zieht unwillkürlich „Songverhörer“ nach sich. Ein Zuhörer glaubt sogar, das Wort „Kohlrabi“ vernommen zu haben. Die swingende Melodie animiert indes zum „Mitschnippen“ mit den Fingern.

Material für das geplante neue Album, für das eine Crowdfunding-Aktion läuft, spart der Singer-Songwriter aus. Gleichwohl beschert er dem Publikum einen höchst genussvollen Abend. Und mit dem Rock’n’Roll-angehauchten „Redneck“ im Zugabeteil beweist der Skandinavier endgültig, dass ein lupenreiner „Eisbrecher“ in ihm steckt, der einen Saal zum Kochen bringen kann.

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