SERIE Fluchtodyssee endet in Sürstedt – Teil elf

Auf eigenen Füßen: Abschied vom Land, Arbeit im Ruhrpott

Noch in der ostpreußischen Heimat: Die Eltern Lina und Fritz Ewert mit den acht Kindern.
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Noch in der ostpreußischen Heimat: Die Eltern Lina und Fritz Ewert mit den acht Kindern.

Sürstedt/Bartenstein – Vier Jahre nach der Flucht aus Bartenstein in Ostpreußen mit seiner Mutter und vier Geschwistern nimmt Siegfried Ewert bei der Familie Rohlfs in Sürstedt zur Kenntnis, dass sich das Leben für ihn und seine Angehörigen normalisiert hat. Er ist bereits konfirmiert, als für ihn Bruder Gerhard den Start ins Berufsleben anbahnt und einen potenziellen Lehrherrn ausfindig macht.

Siegfried soll sich zum Maler ausbilden lassen.

Ehe es allerdings zum Vorstellungsgespräch geht, bekommt er vom Bruderherz „gute Manieren“ sowie ein zackiges Auftreten eingeimpft. Nicht ohne Grund: Sowohl Gerhard als auch der Malermeister haben eine Unteroffizierslaufbahn hinter sich – der eine bei der Marine, der andere beim Heer.

Das Bewerbungsgespräch läuft nach Plan. Auf jede Frage hin steht Siegfried auf und antwortet laut, ohne zu stottern. Das forsche Auftreten amüsiert den Meister zwar genauso wie den Bruder, führt aber zum Erfolg: Außerplanmäßig zum 1. Mai 1949 tritt Siegfried seine Lehre an. Kost und Logis sind inbegriffen in der äußerst bescheidenen Ausbildungsvergütung von gerade mal vier Mark monatlich im ersten, sechs Mark im zweiten und acht Mark im dritten Lehrjahr.

Siegfried freut sich darüber, dass seine ausgesprochen rudimentäre Schulbildung für die Handwerkslehre ausreicht. Mit Stolz registriert er: In der Berufsschule zählt man ihn sogar „zu den Guten“. Als Kleinster und – gewichtsmäßig – Leichtester seiner Klasse fällt ihm die körperliche Arbeit allerdings schwer. Auf dem Weg über Land zur Kundschaft bleibt er mit der großen beladenen Malerkarre oft in Sandwegen stecken.

„Dat du groot un stark warst!“

Dass Handwerker Frühstück und Mittagessen bei den Bauern bekommen, ist zu jener Zeit nicht ungewöhnlich. „Du lüttje Spiddel, muss düchtig toolangen, dat du groot un stark warst!“, bekommt Siegfried immer wieder zu hören. Er erlebt nach eigener Beobachtung „gute Jahre“ für die Bauern.

Die Lehre bringt er zum Abschluss. Am 26. März 1952 besteht er die Gesellenprüfung vor der Malerinnung des Kreises Grafschaft Hoya mit den Noten „Gut“ und „Befriedigend“. Sein Ausbildungsbetrieb lässt 50 DM springen. Siegfried radelt nach Harpstedt, um in eine Armbanduhr zu investieren.

Die bestandene Gesellenprüfung feiert er zusammen mit den Angehörigen, und sein Selbstbewusstsein macht „Bocksprünge“.

Doch die Ernüchterung folgt: Mit dem Ende der Lehre geht der mittlerweile 18-Jährige in die Arbeitslosigkeit. Das will er keineswegs schicksalsergeben hinnehmen. Er bemüht sich um einen Job, zunächst aber ohne Erfolg: „20 DM wöchentlich vom Arbeitsamt, im Forst etwas dazuverdient, immer wieder auf Arbeitssuche. Vergeblich“, notiert er seine Erfahrungen.

Sein Bruder Benno zieht nach Bochum und arbeitet dort fortan in einem großen Stahlwerk. Er bietet Siegfried an, für einige Tage in einem Zimmer zu übernachten, das er sich mit einem Kollegen teilt. Aus diesem Besuch ergibt sich tatsächlich eine Anstellung. Der Sachbearbeiter beim Arbeitsamt in Bochum mustert Siegfried und fragt ihn: „Willste nicht erst mal ‘ne Lehre machen?“

Kleiner Krauter oder Industrie?

Der Geselle zückt daraufhin seinen Gesellenbrief. Nachdem man ihm endlich abnimmt, dass er bereits eine Ausbildung absolviert hat, kommt die Frage nach dem erhofften Verdienst. Antwort: „So gut wie möglich.“ Siegfried hat die Wahl: Entweder geht er als Malergeselle zu einem kleinen Krauter mit Bezahlung nach Tarif oder in die Industrielackierung der „O & K Lübecker Maschinenbau“ in Bochum mit ungleich höherem Einkommen.

Die Industrie-Option sagt Siegfried auf Anhieb deutlich mehr zu, und tatsächlich findet er eine Anstellung.

Mit seinem Bruder Benno, dessen Stubenkumpel und einem Freund wird der „ostpreußische Jubeltag“ ausgiebig gefeiert.  boh

Fortsetzung folgt

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