Frühere Krautrock-Ikone „Lüül“ stellt mit Kerstin Kaernbach sein neues Album im „Liberty’s“ vor

Subversives aus dem „Fremdenzimmer“

Alltagspoesie trifft auf Avantgarde: Lüül und Kerstin Kaernbach verzückten das Publikum im „Liberty’s“. Foto: Bohlken

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Violinenklänge durchdrangen am Donnerstagabend das „Liberty’s“ in Harpstedt. Dahinter steckte ausnahmsweise mal nicht Geigerin Regina Mudrich. Sondern Kerstin Kaernbach, die mit Volker „Kruisko“ Rettmann, Daniel Cordes und Uwe Langer das 2018 erschienene Album „Fremdenzimmer“ der früheren Krautrock-Ikone Lüül eingespielt hat – übrigens ganz ohne Schlagwerk. In kleiner Besetzung, als Duo, machten der Liedermacher und seine kongeniale Begleiterin mit Kostproben Lust auf die Scheibe, die, wie ihr Urheber findet, besonders politisch geraten sei. Auch kehrt das Songmaterial eine komödiantische Seite des Singer-Songwriters, der mit bürgerlichem Namen Lutz Graf-Ulbrich heißt, nach außen. Besonders in den extrem kurz geratenen Tracks. „Wankelmut“ etwa beschreibt zu 100 Prozent den Inhalt des eben so betitelten Songs. Gleiches gilt für das vom Punkrock inspirierte „Schnauze voll“. An den Dreharbeiten für das dazugehörige Musikvideo hat Lüül nach eigenem Bekunden viel Gefallen gefunden, durfte er doch in einem Crash-Room nach Belieben Mobiliar zerdeppern.

Der feine Zwirn, in dem er im Burger-Imbiss von Metin Kalabalik auftrat, konnte kaum darüber hinwegtäuschen, dass Sex and Drugs and Rock’n’Roll durchaus etwas mit seiner eigenen Biografie zu tun haben. Das lässt im Übrigen schon eine zeitweilige Beziehung mit der Femme Fatale Nico erahnen, die beim ersten Album der legendären Band „The Velvet Underground“ mitmischte. Ansonsten liegen hinter Lüül bewegte Jahre mit den Combos „Agitation Free“ und „Ash Ra Tempel“. Als Mitglied der „17 Hippies“ sowie solo eroberte sich der Ur-Berliner in der Musikszene seiner Heimatstadt endgültig einen festen Platz. „Unser Meer war der Wannsee, unsere Insel West-Berlin. Alles war möglich, wenn die Sonne schien“ – mit diesen Versen setzte er der weltoffenen Metropole musikalisch ein Denkmal. Die Berlin-Hymne brachte er auch in Harpstedt mit rauchiger Stimme zu Gehör. Das „Liberty’s“ kannte er übrigens schon vorher. Als dort Pele Caster auftrat, saß Lüül im Publikum.

Mit „Fremdenzimmer“ entfernt er sich ein Stück weit von seinen im Rock liegenden Wurzeln. Gleichwohl umgibt ihn immer noch ein Hauch des Subversiven – wie Rio Reiser in seiner „Ton Steine Scherben“-Zeit. Unbändige Lust an Wortwitz, Situationskomik und Alltagspoesie gesellen sich hinzu: „Sie nahm, was kam, und das war viel, und das war das, was ihr gefiel“, besingt Lüül eine Frau, die nach wilden Lebensjahren ins Kloster geht, und zwar „einfach so“. Genauso heißt der Titel auch. „Hohe Wellen“ kommt indes als Blick auf das eigene Leben des Liedermachers daher. Auch von durchschrittenen tiefen Tälern ist darin die Rede. „Menschvermesser“, eine sarkastische Betrachtung des Big-Data-Zeitalters, hatte Lüül als Auftragsarbeit für den Safer-Internet-Day geschrieben. „Ich habe den Song von 20 auf sechs Minuten gekürzt“, verriet er in der Konzertpause. Auch Liedgut aus fremder Feder bekam das Harpstedter Publikum zu hören. Besonders amüsierte die Zuhörer das urkomische „Hochzeit bei Zickenschulze“ von Fredy Sieg – mit Berliner Schnauze vorgetragen.

„Lüül“ begleitete sich in Singer-Songwriter-Manier selbst auf der Akustikgitarre. Kerstin Kaernbach bewies indes nicht nur die Pop-Tauglichkeit der Violine, sondern sogar die der Blockflöte. Sphärisch-mystische Klänge entlockte sie zusätzlich ihrem Theremin, einem Instrument, das berührungslos gespielt wird, wobei der menschliche Körper Einfluss auf ein elektromagnetisches Feld nimmt und die Stellung der Hände zwischen zwei Elektroden die Höhe der Töne bestimmt.

Alles in allem gehörte das Konzert zu den extravaganteren „Perlen“ der „Kultur am Donnerstag“-Veranstaltungsreihe. Lüüls Poesie, gepaart mit einer Prise Avantgarde, traf gleichwohl voll ins Schwarze.

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