SOMMER-SMALLTALK mit Sterbebegleiterin Michaela Jackowski

Wenn Worte die Gefühle blockieren

Gewinnendes Lächeln, sympathisches Auftreten: Wenn es um den Tod geht, offenbart sich bei Michaela Jackowski aber auch eine sehr nachdenkliche Seite.
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Gewinnendes Lächeln, sympathisches Auftreten: Wenn es um den Tod geht, offenbart Michaela Jackowski aber auch eine sehr nachdenkliche Seite.

Harpstedt – An den Tod wollte Michaela Jackowski lange Zeit keinen Gedanken verschwenden. Heute hingegen begleitet sie Sterbende in der Samtgemeinde Harpstedt auf ihrem letzten, allerschwersten Weg. Was die 56-Jährige zu dieser herausfordernden Aufgabe gebracht hat und welche Erfahrungen sie dabei macht, verrät sie im „Sommer-Smalltalk“.

Frage: Wohl niemand beschließt „einfach so“, sich in der Sterbebegleitung zu engagieren. Was hat Sie dazu bewogen?

Jackowski: Die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit.

Frage: In Ihrer Jugend haben Sie darüber vermutlich kein einziges Mal sinniert. Oder doch?

Jackowski: Gar nicht. Obwohl ich Verluste verkraften musste. Ich hatte auch eine Fehlgeburt. Für mich fühlte sich das Thema Sterben gleichwohl lange Zeit sehr fremd an. Das Bedürfnis, mich damit zu befassen, ist ein innerer Prozess gewesen. Daraus resultierte der Wunsch, mein eigenes Leben bewusster zu leben.

Frage: Die meisten Menschen fürchten sich vor dem Tod. Befördert die Aufgabe, die Sie als Sterbebegleiterin übernehmen, diese Angst nicht sogar?

Jackowski: Die toten Menschen, die ich unabhängig von der Hospizarbeit gesehen habe, haben auf mich einen sehr friedlichen Eindruck gemacht. So auch meine Mutter, die 2018 verstarb. Der zufriedene Ausdruck in den Gesichtern der Toten gab mir immer ein beruhigendes Gefühl. Die Erfahrungen aus den Gesprächen mit schwer erkrankten Menschen, die ich begleite, öffnen mich dafür, einfach zu akzeptieren, dass es ein Lebensende gibt, und darauf einen neuen Blick zu werfen. Nein, ich bin nicht frei von Angst. Was mir aber hilft und mich beruhigt, ist mein Glaube, dass es „etwas danach“ gibt. Die Überzeugung, dass nur der Körper stirbt.

Frage: Die Seele lebt weiter?

Jackowski: Ja, daran glaube ich. Bestärkt von beschriebenen Nahtoderfahrungen, von Schilderungen des Lichts, das die Betroffenen sehen, und der alles erfassenden Liebe. Damit erkläre ich mir das menschliche Bestreben – zumindest mein eigenes Bestreben –, wirklich total zu lieben.

Frage: Als Hospizbegleiterin spenden Sie dem Sterbenden Trost. Ist Ihre Arbeit gleichermaßen tröstlich für die Angehörigen?

Jackowski: Der Trost geht auf sie über, weil sie sich entlastet fühlen. Wir, die Sterbebegleitenden, verschaffen ihnen Freiraum. Natürlich gilt unsere Hauptaufmerksamkeit den Sterbenden selbst, die – so mein Eindruck – in Gesprächen mit uns als „fremde Dritte“ leichter artikulieren können, was in ihnen vorgeht, als gegenüber den ihnen sehr nahestehenden Menschen. Das verschafft wiederum den Angehörigen Erleichterung.

In ihrer Jugend tanzte sie oft im „Sonnenstein“

In Harpstedt hat Michaela Jackowski noch nie gewohnt. „Ich habe hier aber sehr viel Zeit verbracht und in meiner Jugend oft im ,Sonnenstein’ getanzt“, erzählt die 56-Jährige. Zur Hospizarbeit in der Samtgemeinde Harpstedt kam sie, nachdem ihre gute Freundin Elke Kopmann-Cordes, Vorsitzende des Hospizvereins, angefragt hatte, „ob ich mir das vorstellen kann“. Michaela Jackowski lebte früher in Wildeshausen. Vor anderthalb Jahren zog sie nach Bremen-Findorff. Den Befähigungskurs zur Sterbebegleiterin absolvierte sie in Herford, wohin es sie aus privaten Gründen zeitweise verschlagen hatte. Dem Hospizverein Samtgemeinde Harpstedt hält sie trotz der Entfernung zu ihrem Wohnort weiterhin gern die Treue. Im Vorstand obliegt ihr die Schriftführung.

Frage: Wie viele Sterbende haben Sie schon begleitet?

Jackowski: Unter zehn. Also noch gar nicht so viele. Aber die Begleitungen erstreckten sich über längere Zeiträume, manchmal über Monate. In einem Fall waren es zwei Jahre.

Frage: Begleiten Sie nur im häuslichen Bereich? Oder nur im Krankenhaus oder Altenheim?

Jackowski: Sowohl als auch. Im Praktikum nach dem Befähigungskurs übernahm ich die erste Begleitung. Die lief komplett nonverbal ab, was ich als große Herausforderung empfand. Der Sterbende konnte nicht mehr sprechen.

Frage: Aber aufschreiben, was er sagen wollte?

Jackowski: Nicht mal das. Er konnte sich auch nicht mehr bewegen.

Frage: Sie mussten ihm also seine Bedürfnisse von den Augen ablesen?

Jackowski: Genau. Ich habe in meinem Tun versucht zu ergründen, was ihn beruhigt, worauf er anspricht, was ihm guttut und was nicht. Das ist ganz ohne Sprache richtig schwierig gewesen, hat aber funktioniert. Mitunter stören Worte, denn sie können Gefühle auch blockieren.

Frage: Was ist den Sterbenden am wichtigsten?

Jackowski: Nach meiner Erfahrung wollen viele noch einmal über ihr Leben sprechen – über die Momente und Stationen, die es ausgemacht haben. Es gibt auch den Wunsch, etwas zu wiederholen, was die Betroffenen immer gern getan haben. Ansonsten aber sind ihre Bedürfnisse so unterschiedlich wie sie selbst.

Frage: Auf welche Eigenschaften und Fähigkeiten kommt es in der Sterbebegleitung besonders an?

Jackowski: Empathie. Zuhören können. Den Menschen so akzeptieren, wie er ist. Wichtig auch: Auf keinen Fall wie ein Missionar auftreten getreu der Devise: „Ich weiß es eh besser als du“!

Frage: Wie wichtig ist die bloße Präsenz, die Anwesenheit?

Jackowski: Am allerwichtigsten. Die Sterbenden brauchen jemanden, der die Situation des Abschiednehmens mitträgt. Es bedarf nicht immer des Gesprächs, des Vorlesens oder gemeinsamen Singens. Manchmal hilft es sogar, überhaupt nichts zu sagen. Das Schweigen ist schon eine Kunst, kann aber bewirken, dass die Gefühle, die im Raum sind, zutage treten: die Ängste, die Sorgen und all das, was vielleicht noch Ausdruck braucht.

Frage: Wie groß ist das Bedürfnis der Sterbenden, sich mit Humor Erleichterung von der Last ihrer Situation zu verschaffen?

Jackowski: Es wird durchaus auch gelacht, zumal der Hospizbegleitung sehr daran liegt, viele schöne Momente mit den Betroffenen zu kreieren.

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