Wettbewerbsbeitrag um ein lebendes „Donnerwetter“

Eine Geschichte, die zu guten Vorsätzen passt

Im Unterschied zum raubeinigen Protagonisten Karl Wetter in seiner Geschichte „Wetteränderung“ gilt Steffen Akkermann als zuvorkommender Menschenfreund.
+
Im Unterschied zum raubeinigen Protagonisten Karl Wetter in seiner Geschichte „Wetteränderung“ gilt Steffen Akkermann als zuvorkommender Menschenfreund.

Harpstedt – Am Geschichtenwettbewerb „Vertell doch mal!“ zum Thema „Allens anners“ hat sich Steffen Akkermann aus Harpstedt beteiligt – mit seinem Text „Wetteränderung“. Unsere Zeitung veröffentlicht mit seiner Zustimmung die hochdeutsche Fassung als Gastbeitrag, weil sie zu den guten Vorsätzen für das neue Jahr passt.

Rumms! Man kann eine Autotür auch leiser schließen, aber Karl Wetter, Chef der Firma „Wetter Beschriftungen aller Art“, kann nicht anders – immer raubeinig, böse, laut und verletzend. „Donnerwetter“ nannte man ihn.

An der großen Eingangstür steht Hans Breiter, „Mädchen für alles“, und spricht mit Jan Ollers, Aufsicht und Hausmeister schon bei Wetters Großvater. „Breiter, haben sie nichts zu tun?“, blafft der Chef Hans Breiter an, „da muss noch gefegt werden. Und sie Oller: Nicht die Leute von der Arbeit abhalten!“

Er stürmt in die große Empfangshalle, wo Frau Winterborg seit Jahr und Tag für einen geordneten Betrieb sorgt. „Winterborg, Tee, zwei halbe Brötchen mit Wurst und Käse, aber dalli dalli!“, brüllt er ihr entgegen.

In seinem Büro sieht er Heike Bannduun nebenan, zuständig für EDV, die dem Betrieb das Überleben mit ihren Ideen gesichert hatte, mit ihrem kleinen fünfjährigen Jungen. „Wer ist das, Bann-duun? Was soll das Kind hier?“, ruft Wetter durch die geöffnete Tür. „Das ist Jörg, mein Sohn“, stammelt Frau Bannduun, „seine Tagesmutter ist krank, und meine Mutter kann erst übermorgen kommen, um ihn zu betreuen.“

Das Texten und Reimen ist ihm nicht fremd

Schon sechsmal hat Steffen Akkermann mit eigenen Geschichten im Wettbewerb „Vertell doch mal!“ von Radio Bremen und dem Norddeutschen Rundfunk mitgemischt, so auch – nach zehnjähriger Pause – 2021. Die Chancen, einen Preis zu gewinnen, seien bei mehreren tausend Einsendungen sehr gering, weiß der 76-Jährige. Die 25 von den Juroren als beste Geschichten eingestuften Beiträge werden in Buchform veröffentlicht, aber nur die fünf besten mit Preisen bedacht. Akkermann hat selbst noch nicht zu diesem erlauchten Kreis gehört. Allerdings wohnte er mal einer Preisverleihung im Hamburger Ohnsorg-Theater bei. Vom Hocker gehauen haben ihn die preisgekrönten Geschichten nicht. „Meine eigene fand ich genauso gut“, sagt er schmunzelnd mit einem Augenzwinkern. Akkermann ist Pensionär. Von 1994 bis 2010 leitete er als Rektor die Realschule Wildeshausen. Das Schreiben und Reimen ist ihm keineswegs fremd. Als langjähriger Leiter des Gemischten Chors Harpstedt hat er viele Lieder selbst getextet und auch komponiert. Fast schon Kultstatus unter den Sangesfreunden genießen mit Ironie und „Spitzen“ gewürzte Texte, mit denen Akkermann früher die legendären „Sängerfeste“ belebte.

„Das Kind kann nicht hierbleiben. Am Nachmittag ist es weg“, brummt Wetter, „sonst können Sie gleich mitgehen und zu Hause bleiben. Ich will Sie hier dann nicht mehr wiedersehen.“ Er wirft die Tür zu, sodass die Fensterscheiben zittern und sich die Tür durch den harten Rumms wieder leicht öffnet.

„Und Bannduun“, ruft er durch die halbgeöffnete Tür, „holen Sie mir Werkmeister Möller in mein Büro – mit den neuen Aufträgen, aber Tempo!“

Frau Bannduun stürmt los und lässt ihren Sohn alleine im Büro. Der spielt mit seinem Teddy und spricht mit ihm. Das heißt: Er schimpft laut mit ihm.

Karl Wetter hört das und läuft stocksauer auf die geöffnete Tür zu. „Stummel“, so nennt Jörg seinen Teddy, „Stummel, hast du dich wieder beim Essen bekleckert! Pass auf, ich sage das Herrn Wetter, dann kannst du was erleben. Herr Wetter wird mit dir schimpfen und dich anbrüllen. Leute, die so schimpfen wie Herr Wetter, die sind ganz böse, und keiner mag sie.“

Karl Wetter bleibt erstaunt an der Tür stehen. Was sagt der Junge da? Und was denkt er von ihm? Langsam geht er nachdenklich mit krauser Stirn zurück an seinen Tisch: „Was denkt denn der kleine Junge von mir?“

Drei Fragen an... Steffen Akkermann

Der „Kotzbrocken“, der sich durch Läuterung bessert, gilt als ein in der Literatur durchaus recht populäres Motiv. Auch die Geschichte „Wetteränderung“ handelt von einem unangenehmen Zeitgenossen, der den Spiegel vorgehalten bekommt. Steffen Akkermann aus Harpstedt, der Verfasser, hat dazu drei Fragen unserer Zeitung beantwortet.

Frage: Herr Akkermann, Ihre Geschichte erinnert ein wenig an Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens’ berühmter Novelle „A Christmas Carol“ von 1843. Diesen Geizhals konfrontieren drei Geister mit seinem eigenen menschenverachtenden Verhalten. Der von Ihnen beschriebene raubeinige Karl Wetter ist aus einem ähnlichen Holz. Auch er wird geläutert, und zwar von einem Kind. Hat Dickens Sie ein wenig inspiriert, als Sie Ihre Geschichte niederschrieben?

Akkermann: Nein, überhaupt nicht. Ich weiß von Charles Dickens' Novelle, habe sie aber selbst nie gelesen. Meine Geschichte habe ich mir komplett selbst ausgedacht. Sie passt, wie ich finde, zu den guten Vorsätzen für das neue Jahr, die viele Menschen haben. Sie liefert ja ein Beispiel dafür, wie Raubeinigkeit überwunden wird – zugunsten von Verständnis für die Mitmenschen im Interesse eines guten, freundlichen und liebevolleren Miteinanders. Für meine diesjährige Teilnahme am Wettbewerb „Vertell doch mal!“ von Radio Bremen und dem Norddeutschen Rundfunk habe ich natürlich eine plattdeutsche Fassung eingereicht.

Frage: Mussten Sie in Ihrem eigenen Leben schlechte Erfahrungen mit Menschen vom Schlage eines Karl Wetter machen?

Akkermann: Während meiner Zeit als Realschulleiter bekam ich es mit gelegentlich etwas ruppigen Elternteilen zu tun. Aber insgesamt sind mir solch unangenehme Menschen zum Glück erspart geblieben. Ich bin also sozusagen nicht „vorgeschädigt“.

Frage: Aus Ihrer Geschichte ließe sich vielleicht sogar Sehnsucht nach mehr Harmonie herauslesen. Allzu verständlich in einer Zeit, da sich die Menschen zu entzweien scheinen, teils bis in die eigene Familie hinein. Aktuell erleben wir ja genau das im Zusammenhang mit der Frage einer etwaigen allgemeinen Impfpflicht gegen Corona. Haben Sie eine Idee, wie sich die „Grabenkämpfe“ innerhalb der Gesellschaft überwinden ließen?

Akkermann: Ich selbst bin sehr harmoniebetont. Ich erinnere mich an eine Vorgesetzten-Äußerung, die da lautete: „Sie wollen Schulleiter werden, Herr Akkermann, und nicht den ersten Preis in Harmonie gewinnen.“ Der Hinweis zielte darauf, auch mal hart durchgreifen zu müssen. Ich war damals einen Tag lang auf meine Eignung als Schulleiter geprüft worden. Was das Impfen angeht, so glaube ich, dass die Verweigerungshaltung einiger Leute die Gesellschaft spaltet. Ich persönlich habe kein Verständnis dafür; die Begründungen der Impfgegner kann ich nicht nachvollziehen. Letztlich kann man aber nur mit Überzeugungs- und Beweiskraft aufklären, aufklären und nochmals aufklären, um Menschen zu bewegen, sich impfen zu lassen, damit sie sich selbst und uns alle schützen. Wir haben ja gesehen, dass überall dort, wo die Impfquoten niedrig sind, die Zahl der schweren Krankheitsverläufe hoch ist. Eine allgemeine Impfpflicht hätte aus meiner Sicht nur einen Sinn, wenn sie sich auch durchsetzen ließe, was fraglich ist. Natürlich wünsche ich mir für das neue Jahr, dass unsere Gesellschaft nicht noch zerstrittener wird. Die Aggressivität, mit der Querdenker durch die Lande ziehen, finde ich jedenfalls sehr beängstigend.

Werkmeister Möller kommt mit Frau Bannduun außer Atem ins Büro gestürmt: „Hier sind die neuen Aufträge. Frau Bannduun hat die Computer schon eingerichtet, und wir können auf den Schlag produzieren.“ Werkmeister Möller legt vorsichtig zwei Büroordner auf den Bürotisch und geht einen Schritt zurück, denn meistens kommt da noch was hinterher. „Ja, hm, besten Dank, Herr Möller, und besten Dank, Frau Bannduun, dass Sie das alles schon bewerkstelligt haben. Setzen Sie sich doch bitte eben hin!“

Frau Bannduun und Herr Möller schauen sich an, als wüssten sie nicht, was hier los ist. Sie setzen sich vorsichtig auf die Vorderkante vom Bürostuhl. „Ja, Frau Bann-duun. Also, wenn Sie keinen für Jörg haben, dann können Sie nachher mit ihm nach Hause gehen. Und nehmen Sie sich morgen einen Tag bezahlten Urlaub!“ Wetter schaut zur Tür: „Jörg, kannst du mal eben kommen? Und bringe deinen Teddy mit!“ Der Junge kommt vorsichtig ins Büro und setzt sich auf den Schoß seiner Mutter. „Jörg, du musst mit deinem Teddy nicht so schimpfen. Ich“ – er schluckt zweimal – „ich tue das auch nicht mehr. Versprochen. Alles wird jetzt anders.“

Und als er abends nach Hause geht, spricht er noch eben mit Frau Winterborg, fragt nach ihren Kindern und wünscht auch Jan Ollers, seinem „Mädchen für alles“, und seinem Hausmeister Hans Breiter einen schönen Abend. Nur ein leises Klick hört man, als Karl Wetter die Autotür vorsichtig schließt.

„Kinder können uns bewegen“

Es ist ein Junge, der in Steffen Akkermanns Geschichte „Wetteränderung“ dem ewig griesgrämig polternden Karl Wetter den Spiegel vorhält. Was Kinder mit ihrer ehrlichen, unbefangenen Art zu bewirken vermögen, hat der Harpstedter in nachfolgendem Gedicht aus eigener Feder in Verse gekleidet.

Kinder können uns bewegen,

Kinder geben guten Rat.

Können neue Wege legen,

sie sind Freude uns und Segen,

hilfreich manche Kindestat.

Denn sie handeln ohne Häme,

was sie tun, führt nicht zu Streit.

Nichts, für dessen man sich schäme

oder sich im Dasein gräme.

Neid und Missgunst sind sehr weit.

Ach, wenn wir uns doch bewahren

Kindesart ohn’ Lug und Trug.

Von der Weisheit klug getragen

wird kein Böses mit uns fahren

auf dem eig’nen Lebenszug.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

„Impfpflichtgegner fast wie Schweine durchs Dorf getrieben“

„Impfpflichtgegner fast wie Schweine durchs Dorf getrieben“

„Impfpflichtgegner fast wie Schweine durchs Dorf getrieben“
Auto schleudert gegen Baum: 27-jähriger Wildeshauser stirbt bei Unfall

Auto schleudert gegen Baum: 27-jähriger Wildeshauser stirbt bei Unfall

Auto schleudert gegen Baum: 27-jähriger Wildeshauser stirbt bei Unfall
Auto schleudert und kippt auf die Seite

Auto schleudert und kippt auf die Seite

Auto schleudert und kippt auf die Seite
Corona-Inzidenz: Landkreis Oldenburg bei 995,5

Corona-Inzidenz: Landkreis Oldenburg bei 995,5

Corona-Inzidenz: Landkreis Oldenburg bei 995,5

Kommentare