Vom Schrott zum fahrfähigen „Juwel“

Lok 222 startet in ihr „drittes Leben“

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Zugführer Torben Kluwe gab das Signal für die Sonderfahrt gen Heiligenrode und zurück.

Harpstedt - Von Rainer Jysch. Endlich! Aufatmen bei den Delmenhorst-Harpstedter Eisenbahnfreunden (DHEF): Nach vielen Mühen im Zusammenhang mit der Beschaffung und Renovierung der Diesellok 222 vom Typ Kö II konnten die Museumsbahner die knallrote Zugmaschine mit der Schnapszahl am Sonntag offiziell wieder in Dienst stellen.

Rund 60 Gäste hatten sich am frühen Nachmittag auf dem Harpstedter Bahnhof versammelt, weil sie der kleinen Feierstunde beiwohnen wollten. Eine halbe Stunde später stiegen Besucher in den „Sonderzug“ und genossen eine Fahrt nach Heiligenrode und zurück. Zwei Personenwaggons sowie einen Post- und Packwagen hatte die kleine Diesellok, die auch schon mal mit einem Kohlfahrtzug unterwegs war, auf der zwölf Kilometer langen Strecke im Schlepp. Maximal 30 Stundenkilometer bringt die Maschine auf die Gleise. Das verrät ein Schild im Führerstand, den anlässlich der Einweihungsfahrt Lokführer Henning Dierks sowie Thorsten Bächler als Beimann und Rangierer besetzten.

Schon seit 1994 ist die 1935 gebaute Rangierlok im Besitz der DHEF. „Zwischen 2013 und 2018 haben technisch versierte Ehrenamtliche unseres Vereins alles daran gesetzt, sie wieder fahrfähig zu machen. Vieles mussten sie in Ermangelung von Originalbauteilen von Hand anpassen. Und oft gab es Wichtigeres am Wagenpark oder an der Dampflok zu tun, weshalb es immer wieder zu längeren Arbeitspausen kam“, berichtete DHEF-Pressesprecher Joachim Kothe.

Im Krieg hatte die Lok im Dienst der Munitionsanstalt der Wehrmacht (Muna) in Dünsen gestanden. „Sie gehört einfach hierher, denn sie war hier ja schon früher im Einsatz“, erläuterte Kothe. „Sie wird künftig auf Kurzstrecken sowie vor allem zum Rangieren auf dem Harpstedter Bahnhof zum Einsatz kommen. Sie soll die bisherige schwarze Rangierlok Nummer sieben entlasten, für die es kaum noch Ersatzteile gibt.“

Einen „großen Bahnhof“ gab es am Sonntag auf dem Harpstedter Bahnhofsgelände anlässlich der Wiederindienststellung der Lok 222. 

Die Nummer 222 erhielt das wieder fahrfähig gemachte Schienenfahrzeug in den 1950er-Jahren vom Niedersächsischen Landeseisenbahnamt, das alle Kleinbahnen im Lande durchnummeriert hatte, teilte DHEF-Werkstattleiter Torben Kluwe mit. Ihm oblag die Federführung bei der Aufarbeitung.

In Anwesenheit der stellvertretenden Bürgermeisterin der Gemeinde Stuhr, Sigrid Rother, und des Delmenhorster Oberbürgermeisters Axel Jahnz begrüßte die stellvertretende DHEF-Vorsitzende Sabine Dube die Gäste am Sonntag. Auch Harpstedts Bürgermeister Stefan Wachholder stieß nach staubedingter Verzögerung dazu.

„Eine kleine Lokomotive startet in ihr drittes Leben“, resümierte Torben Kluwe in seiner Rede zur Einweihung. „Die Lok ist für sich schon etwas Besonderes“, sagte er.

Kurz vor Kriegsende beschädigte eine Sprengung sie schwer. Nach erfolgreicher Reparatur Anfang der 1950er-Jahre war die Lok zunächst bei der Ankum-Bersenbrücker Eisenbahn und dann bis 1979 bei der Firma Rethe-Speicher im Hamburger Hafen im Einsatz. Im weiteren Verlauf landete sie als Denkmal- und Spielplatzlok des Fußballklubs Hamburg-Wilhelmsburg auf einem Gleisbett der Wilhelmsburger Industriebahn.

Zug im Tauschhandel erstanden

1994 erwarben sie die DHEF im Zuge eines Tauschhandels. „Aber erst 2007 konnten wir mithilfe der Delmenhorster Beschäftigungsfirma Neue Arbeit gGmbH die äußerliche Renovierung der bereits mit Brombeeren zugewachsenen und ziemlich schrottigen Lok in Angriff nehmen“, erzählte Kluwe. 2009 kam sie als glänzendes, aber noch „antriebsloses“ Denkmal zurück nach Harpstedt. Im Rahmen einer abenteuerlichen Ringtauschaktion konnten Motor und Getriebe als Ersatzteile beschafft werden.

„Ende 2016 lief der Motor. Die Lokomotive setzte sich nach 37 Jahren das erste Mal wieder in Gang, was angesichts des Klumpens Schrotts, der sie zuvor war, eigentlich niemand mehr angenommen hatte“, rief Kluwe einen bewegenden Moment ins Gedächtnis zurück.

„Insgesamt rund 5 000 Arbeitsstunden stecken wir jährlich in unsere Museumseisenbahn“, rechnete er vor. Zugleich wandte er sich an die anwesenden Mandatsträger: „Bitte unterstützen Sie unsere Eisenbahn auch in Zukunft! Lassen Sie sie weiterhin gedeihen!“ Joachim Kothe wünschte sich, dass „uns die Diesellok 222 noch viele Jahre treue Dienste leistet“. Die „alte Dame“ bedürfe natürlich weiterhin der Pflege.

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