Stalking-Opfer aus der Samtgemeinde wünscht sich: „Von der Gender-Trennung im Beratungsdschungel wegkommen“

Kein geschlechtsspezifisches Phänomen

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Der Begriff Stalking steht für das fortwährende Nachstellen von Menschen, das Verfolgen und Belästigen – auch via Telefon oder in den sozialen Medien. Die Opfer sind beileibe nicht nur Frauen und die Täter keineswegs ausschließlich männlich, wie dieses Symbolfoto vermuten lassen könnte.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Eine zufällige Begegnung, ein Treffen in einem Café, eine lockere Bekanntschaft, aus der aber keine Beziehung erwuchs: Fred S. (Name geändert) aus der Samtgemeinde Harpstedt erinnert sich gut daran, wie er 2011 in Mecklenburg-Vorpommern eine Frau kennenlernte, die ihm bis heute mit Anrufen, E-Mails, Briefen oder facebook-Kommentaren das Leben schwer macht, obwohl er nichts anderes will, als von ihr in Ruhe gelassen zu werden. „Sie ist eine Stalkerin und benutzt oft sogar ihren Sohn für ihre Spielchen“, sagt er.

Zeitweise habe sie auf Norderney gelebt, zeitweise in Harpstedt oder in der Gemeinde Dötlingen. Aktuell wohne sie in Malente. Die Belästigungen seien geblieben. Nachdem S. den Kontakt abgebrochen hatte, begann sie seinen Schilderungen zufolge, „mir auf den Sack zu gehen“ – mit SMSsen wie: „Schatz, ich bin da! Alles wird gut.“ Als sie ihren Lebensmittelpunkt in seine Nähe verlegt hatte, „harkte sie bei mir in meiner Abwesenheit oder hinterließ andere Zeichen, damit ich wusste, dass sie da gewesen ist“. Eine Zeit lang habe die Stalkerin ihm Angst eingejagt. Zu denken gab ihm ihre Schilderung, sie habe geträumt, ihn aus einem brennenden Haus gerettet zu haben.

Eine Freundin, die selbst Stalking-Erfahrungen gemacht hatte, „ist mir sogar wegen dieser Sache weggelaufen“, erzählt S. Die Stalkerin nimmt Einfluss auf sein Leben. „Und das will ich nicht!“, sagt S. mit fester Stimme. Er gesteht, es falle ihm inzwischen schwer, auf Frauen zuzugehen oder sich auf eine Beziehung einzulassen. Die Angst, Ähnliches abermals durchstehen zu müssen, schwingt immer mit. Mittlerweile ist Fred S. klar, dass er Hilfe braucht – sowohl rechtlicher als auch psychotherapeutischer Natur. Die Stalkerin findet immer wieder Möglichkeiten, ihm nachzustellen. S. kann als Kunstschaffender auf das Internet und das Kommunizieren in den sozialen Medien nicht verzichten. Sein recht abgeschieden liegender Wohnsitz macht die Lage nicht eben leichter. „Wir können Sie dort nicht schützen“, habe, wie S. berichtet, die Polizei ihm zu verstehen gegeben.

Er denkt gleichwohl darüber nach, eine Unterlassungsverfügung zu erwirken (siehe „Was tun bei Stalking?“). Hilfe zu finden, gestaltete sich schwieriger als angenommen. Letztlich stieß S. via Internet auf die Geschäftsstelle Oldenburg des Weißen Rings. Nur einen Tag nach seinem Anruf dort stand bei ihm eine Mitarbeiterin auf der Matte und nahm sich fast zwei Stunden Zeit. Sie schlug ihm verschiedene – mit der Materie vertraute – Anwälte vor und stellte die Kosten-Übernahme für die anwaltliche Erstberatung durch den Weißen Ring in Aussicht. Bei einem weiteren Treffen will sie in Frage kommende Therapeuten vorschlagen. „Ich hatte das Gefühl: Da ist jemand, der mir zuhört und auch gezielt hinterfragt, welche Art von Hilfe ich benötige“, sagt der Gestalkte.

Was ihn wundere: Als er sich vorher an andere Stellen wandte, sei weder von der Polizei noch vom Frauen- und Mädchentelefon „Aufwind“ ein Hinweis auf den Weißen Ring als mögliche Anlaufstelle gekommen. S. selbst vermutete hinter dieser Organisation vor allem das Ansinnen, sich für die Opfer von Gewaltverbrechen einzusetzen. Dass auch Stalking-Geschädigte beim Weißen Ring gut aufgehoben sein können, lag für ihn nicht auf der Hand. Ebenso wenig kam ihm die Gleichstellungsbeauftragte der Samtgemeinde Harpstedt, Martina Wöbse, sofort in den Sinn. Als er dort gestern doch – auf einen Tipp hin – anrief, nahm auch sie sich seines Anliegens an. „Sie hat für Montag einen Termin mit mir vereinbart und will mir Stellen nennen, wo ich Rat und Hilfe finde.“

Fred S. hat gleichwohl den Eindruck, dass es mehr Hilfsangebote für Frauen als für Männer gibt, obwohl von Stalking, wie ihm die Polizei gesagt habe, beide Geschlechter gleichermaßen betroffen seien. „Es wäre an der Zeit, etwas von der Gender-Trennung im Beratungsdschungel wegzukommen“, wünscht er sich. Auch sieht er durchaus noch Defizite in der Kommunikation der Hilfsangebote sowie in der Vernetzung von Behörden und Beratungsstellen.

• WAS TUN BEI STALKING?

Bei wiederholter Belästigung oder auch bei Bedrohungen oder Übergriffen besteht die Möglichkeit, eine einstweilige Anordnung nach dem Gewaltschutzgesetz beim zuständigen Familiengericht zu beantragen. Diese Anordnung verbietet es dem Stalker, sich in einem bestimmten Radius der Wohnung, dem Arbeitsplatz oder anderen möglichen Orten, an denen sich das Opfer aufhält, zu nähern oder sich in einem bestimmten Umkreis aufzuhalten. Außerdem können Kontaktaufnahmen per Telefon, Internet, SMS, Brief, über Dritte und dergleichen untersagt werden. Verstöße gegen solch eine Anordnung können mit Zwangsgeldern oder Zwangshaft geahndet werden.

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