Intensivkurs für Siebtklässler transportiert klare Botschaften und will Zivilcourage fördern

Die Stärke liegt im Wir, nicht in der Gewalt

„Zugbrücke“ heißt diese von Schulsozialarbeiterin Lena Fösten-Kramer (links) und Polizeioberkommissar Martin Klinger angeleitete Übung. Sie zielt darauf, das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Es geht darum, einander Halt zu geben und sich gegenseitig großes Vertrauen zu schenken.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. „Seid ihr bereit?“, fragt eine Siebtklässlerin die sie umringenden Mitschüler und erntet ein beherztes „Ja“ als Reaktion. Unter ihren Armen verläuft – über der Brust – ein Seil. Klassenkameraden halten es, haben es fest im Griff. Die Schülerin macht sich steif, lässt sich langsam nach vorn kippen, anfangs etwas zögerlich. Wie eine Zugbrücke senkt sich ihr Oberkörper herab – im blinden Vertrauen auf die Gruppe. Ihre Füße können nicht wegrutschen. Eine Mitschülerin hält die Knöchel fest.

Die Botschaft „Wir sind stark“ schwingt bei dieser Übung mit. So heißt zugleich ein zweitägiger Intensivkurs, den Polizeioberkommissar Martin Klinger, Sachbearbeiter für Prävention, sowie Lehrerin Barbara Zabielski und Schulsozialarbeiterin Lena Fösten-Kramer zum zweiten Mal für die Siebtklässler der Oberschule Harpstedt federführend auf die Beine stellen.

Strategien für gewaltfreie Konfliktlösungen aufzeigen, die Persönlichkeitsentwicklung unterstützen, Selbstbehauptung sowie Zivilcourage im Alltag fördern, das Gemeinschaftsgefühl im Klassenverband stärken – solche Ziele stehen hinter dem Projekt. Die Inhalte passen im Übrigen gut zum eigenen Anspruch der Oberschule als „Schule ohne Rassismus“ und „mit Courage“.

Den neutralen Lernort, die Begegnungsstätte, empfinden die Jugendlichen als konfliktfreien Raum. Das wirkt sich positiv auf das Arbeitsklima aus. Die Übungen und Rollenspiele dienen unterschiedlichen Zwecken. Die „Zugbrücke“ und das ähnlich geartete „Pendel“ sollen den Zusammenhalt stärken, verlangen dem einzelnen Schüler allerdings die Bereitschaft ab, sich auf die Gruppe zu verlassen und ihr großes Vertrauen zu schenken.

Hinter dem Schlagwort „Menschen ertragen“ verbirgt sich indes eine anschauliche Darstellung der Verletzlichkeit verschiedener Körperstellen am Beispiel eines auf einer Matte liegenden Schülers. Die Erläuterungen zeigen Wirkung. Die Bereitschaft, sich auf Körperteile des Liegenden zu stellen, die diese Last ohne Schmerzen aushalten würden (etwa auf die Oberschenkel), nimmt spürbar ab. „Zu gefährlich! Das will ich nicht“, tun Mitschüler kund. Und genau diese Reaktion wollen die Kursleiter herausfordern.

Die mitunter verheerenden Folgen körperlicher Gewalt schildert Klinger auch am Beispiel von Christoph Rickels, der als 20-Jähriger nach einem Streit vor einer Disco in Aurich von einem Angreifer, mit dessen Freundin er geflirtet hatte, hinterrücks Faustschläge an den Kopf versetzt bekam und ungeschützt auf den Boden knallte. Der junge Erwachsene überlebte die Attacke nur knapp. Mit Hirnblutungen lag er vier Monate lang im Koma und blieb halbseitig spastisch gelähmt. „Wir können den Schülern meines Erachtens gut vermitteln, dass Gewalt keine Lösung ist, dass niemand als Gewinner aus Gewaltsituationen herausgeht und schon ein gestelltes Bein unbeabsichtigt ein ganzes Leben verändern kann“, sagt Klinger. Wenn Rickels selbst darüber in Schulen rede, was er mittlerweile tue, löse er damit natürlich noch eine weit größere Betroffenheit aus. „Im März haben wir ihn bei uns in der Realschule zu Gast“, verrät der Polizeioberkommissar. Der Oberschulklasse 7a, die den zweitägigen Intensivkurs in der Begegnungsstätte zuerst durchläuft, bescheinigt der 45-Jährige:  „Sie will lernen durch Erleben. Sie bringt sich aktiv ein, wenn wir Rollenspiele machen. Die Schüler kommen sehr schnell darauf, was wir ihnen vermitteln wollen. Sie arbeiten miteinander, machen alle mit – und keinen Blödsinn.“

In vier bis sechs Wochen wird Klinger zu einer Nachlese in die Schule kommen. Dann reflektieren die Siebtklässler, was im Kurs gut geklappt hat – und was vielleicht sogar noch besser hätte laufen können.

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