Harpstedt

„Der Sonnenstein leidet“

+
Die zwölf Ringe sind zwar noch zu erkennen, doch Moos und Luftverschmutzung haben dem Sonnenstein in den vergangenen Jahren zugesetzt.

Lange galt der Harpstedter Sonnenstein als steinerne Schießscheibe und stand auf dem Schützenplatz. Mitte des vergangenen Jahrhunderts wurde der Stein als bedeutsamer archäologischer Fund klassifiziert, seit 1981 hat er auf der Wiese vor dem Amtshof seinen Platz. Das soll sich nun ändern.

Harpstedt – Von seinem Büro im Amtshof aus hat Günter Kastendiek einen schönen Blick auf das Halbrund aus Steinen, die auf der Wiese vor dem Verwaltungsgebäude der Samtgemeinde liegen. In der Mitte steht der Harpstedter Sonnenstein. Vor fünf Jahren hat Kastendiek das Archiv übernommen. Seit zwei Jahren ist der Blick aus seinem Fenster mit einer besonderen Sorge verbunden: „Er leidet“, sagt Kastendiek und meint damit den großen roten Granit, der Schätzungen zufolge gut 5 500 Jahre alt ist. 

Die zwölf konzentrischen Ringe, die akkurat in die Oberfläche geritzt sind, sind zwar noch zu erkennen, aber auch Moosflechten und Verschmutzungen. „Die Umwelt ist ja nicht mehr das, was sie mal war“, kommentiert der Archivar den Zustand des Sonnensteins. Der Verkehr, der in all den Jahren auf der Amtsfreiheit vorbeigerauscht sei, habe seine Spuren hinterlassen: „Die konzentrischen Ringe lassen nach.“ Deshalb soll er nun an einen anderen Ort gebracht werden.

Bereits vor zwei Jahren, berichtet Kastendiek, sei der Samtgemeindebürgermeister an ihn herangetreten: Mit dem Sonnenstein müsse etwas geschehen. Auch der Flecken ist an der Entscheidung beteiligt. Eine Replik des Steins, so der Plan, soll angefertigt und vor den Amtshof in das Rund der Gemeindesteine gestellt werden. Das archäologisch wertvolle Original hingegen könnte im Info-Center des Verkehrs- und Verschönerungsvereins Harpstedt in der Stecho-Scheune untergebracht werden. Vielleicht hinter Glas, sagt Kastendiek, auf jeden Fall aber mit einer Info-Tafel.

Günter Kastendiek macht sich Gedanken um die Zukunft des Sonnensteins.

Dort wäre der Sonnenstein auch präsenter als an seinem derzeitigen Standort, findet der Archivar. „Er ist nicht so als Highlight gekennzeichnet hier.“ Eine kleine Tafel mit wenigen Zeilen Text verweist derzeit auf die ungewisse Geschichte des Fundstücks. „Sowohl hinsichtlich seiner exakten Datierung, als auch seines ursprünglichen Standortes und seiner eigentlichen Funktion“ bestehe „absolute Unklarheit“, heißt es dort. In einer Broschüre, deren Herkunft der Archivar nicht mehr genau klären kann, wird der Stein auf 3 500 vor Christus datiert. Die Ringe sollen, so heißt es dort weiter, den Lauf der Sonne abbilden. Ein frühgermanischer Ritus, den Harpstedts Chronist Redeker um 1730 als kreisförmige Prozession weiß gekleideter Männer beschreibt, soll den Stein ins Zentrum gestellt haben. „Man kann diesen Sonnenkult nicht genau definieren“, sagt Kastendiek.

Entscheidend sei aber, dass der Stein eine Bedeutung habe. Während er am Schützenplatz gelegen habe, sei man davon ausgegangen, dass es sich lediglich um eine Schießscheibe handelte. „Niemand machte sich ernstlich Gedanken darüber, in welcher Weise sie den Schützen als Ziel gedient haben könne“, heißt es in der Broschüre. Als 1955 der Beckstedter Sonnenstein aufgestellt wurde, sei jedoch klar geworden, dass es sich auch bei dem Harpstedter Fundstück nicht um einen einfachen Felsblock handele.

Die Bürgerschützen nutzten ihn als Symbol, die Diskothek am Koems als Namensgeber. Für Harpstedt ist der Sonnenstein also ein besonderes Stück – trotz seiner rätselhaften Herkunft. Das findet auch Kastendiek: „Er wird meines Erachtens zu wenig vermarktet“, sagt er. Die geschützte Unterbringung in der Stecho-Scheune könnte ein erster Schritt für die Zukunft des Steins sein.

Doch erst einmal muss eine Replik, wie es sie auch vom Beckstedter Exemplar gibt, angefertigt werden. Der Bildhauer-Restaurator Herbert Dietrich aus Ganderkesee hat ein Angebot für diese Arbeit abgegeben, entschieden ist noch nichts. Sollte Dietrich mit der Nachbildung des Steins beauftragt werden, stünde zuerst die Suche nach dem geeigneten Material an. „Man hat Adressen, wo man weiß: Da könnte was liegen“, erklärt der 67-Jährige. Kein glatter, sondern ein Stein mit Spuren soll es sein.

Die Form lasse sich exakt nachbilden, sagt Dietrich. Auch die Unregelmäßigkeiten in der Oberfläche könnte er mit verschiedenen Verfahren erzeugen: „Das wird dann eins zu eins wie der alte Stein.“ Wie lange es dauern würde, eine Replik herzustellen, kann Dietrich jedoch nicht sagen. Das Original müsse untersucht werden, dabei spiele etwa die Härte des Steins eine Rolle. Dann würde eine Probearbeit gefertigt.

Bevor Arbeiten beginnen können, müsse das Vorhaben jedoch noch durch die Gremien der Samtgemeinde sowie des Fleckens gehen, sagt Kastendiek. Eine Weile wird der Sonnenstein also noch am Amtshof stehen.

Seltenes Fundstück

In Deutschland sind bislang drei Sonnensteine entdeckt worden – davon zwei in der Samtgemeinde Harpstedt. Der dritte ist in Horsten in Ostfriesland gefunden worden. 1955, als der Beckstedter Sonnenstein aufgestellt wurde, wurde klar, dass auch der Harpstedter Stein archäologischen Wert hat. Zahlreiche Wissenschaftler untersuchten den Sonnenstein, konnten seine Bedeutung aber nicht endgültig klären.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Röttgen erklärt Kandidatur - Neue Positionierung der CDU

Röttgen erklärt Kandidatur - Neue Positionierung der CDU

Biathlon-WM 2020: Die besten Bilder aus Antholz

Biathlon-WM 2020: Die besten Bilder aus Antholz

Die Themen der Reisemesse ITB

Die Themen der Reisemesse ITB

Neue Dokumente: Willkürliche Inhaftierung von Uiguren

Neue Dokumente: Willkürliche Inhaftierung von Uiguren

Meistgelesene Artikel

Soll Harpstedt Stolpersteine bekommen?

Soll Harpstedt Stolpersteine bekommen?

Unheilbar krank: Warum ein Paar nach zehn Jahren Ehe jetzt kirchlich heiratet

Unheilbar krank: Warum ein Paar nach zehn Jahren Ehe jetzt kirchlich heiratet

Wind stößt Lastwagen von Straße - stundenlange Sperrung nötig

Wind stößt Lastwagen von Straße - stundenlange Sperrung nötig

Wenn Natur, Mensch und Tier verschmelzen

Wenn Natur, Mensch und Tier verschmelzen

Kommentare