Mode zwischen Minirock und Minipli

Der „Sonnenstein“ und das Styling in der „Hoch-Zeit“ des Disco-Fiebers

Die ehemalige Diskothek „Zum Sonnenstein“ und die Ausgehmode der 1970er- und 80er-Jahre boten Projektleiterin Victoria Biesterfeld und Projektmitarbeiterin Sandra Witte vom Museumdorf Cloppenburg, den früheren Betreibern des „Steins“, Klaus und Gunda Sengstake, DJ Uwe Geppert („Potter“) sowie Iris Löper (v.l.), die lange Jahre Stammgast in der Harpstedter Kultdisco war, reichlich Gesprächsstoff. Foto: Bohlken

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Silvester 1974 feierte Iris Löper in ihrem damaligen „zweiten Zuhause“, der Harpstedter Diskothek „Zum Sonnenstein“. „Das war unser Unabhängigkeitstag“, erinnert sich die mittlerweile 64-Jährige. Denn am 1. Januar 1975 griff ein Gesetz, wonach Heranwachsende schon mit 18, also drei Jahre früher als zuvor, die Volljährigkeit erreichen.

Ärmellose Pullover mit Rollkragen, extrem kurze Miniröcke, „breite Gürtel“ genannt, weiße Häkelkniestrümpfe und Lackschuhe - die Cloppenburgerin, die in Wildeshausen aufwuchs, weiß noch genau, in welchen Klamotten sie in den Seventies Tanzen ging. Und wie sie ihre Mutter ablenkte, damit die Mama ihr Styling gar nicht erst zu Gesicht bekam.

Viele Heranwachsende hätten ihre Disco-Kleidung sogar in einer Tüte mit in den „Stein“ gebracht und sich auf der Toilette umgezogen, berichten die früheren Betreiber Klaus und Gunda Sengstake. Victoria Biesterfeld und Sandra Witte vom Museumsdorf Cloppenburg lauschen den Zeitzeugen mit Interesse. Ihr Aufruf, zum ersten „Erzählcafé“ in „Uwe’s Café“ zu kommen, hat zwar nur wenig Gehör gefunden, aber was die Sengstakes und Iris Löper ausplaudern, gestattet spannende Einblicke in die Mode zur „Hoch-Zeit“ des Disco-Fiebers. Dieser Aspekt soll in einer geplanten Dauerausstellung mit Fotos, Texten und Exponaten nicht zu kurz kommen. Die Zeugnisse der „Stein“-Geschichte werden sich vor allem im Obergeschoss der Landdiskothek wiederfinden, die das Museumsdorf so originalgetreu wie möglich wiederherstellt. Das Disco- und Bistro-Inventar im unteren Gebäudeteil soll indes primär selbst Geschichte atmen und, eher dezent von musealer Information begleitet, zum Erleben mit allen Sinnen einladen. Auch mit der Nase. Denn der „Stein“-Geruch stecke noch überall drin, wissen Projektleiterin Victoria Biesterfeld und Projektmitarbeiterin Sandra Witte.

„Ich bin eine infizierte Interessierte“, begeistert sich Iris Löper für die „Reanimation“ der Ex-Kultdisco im Museumsdorf. „Ich freue mich riesig, dass wir den ,Sonnenstein’ nach Cloppenburg kriegen.“ Ende September 2020 soll Einweihung gefeiert werden. Es gebe also nun eine „Deadline“ - „einen Tag X, auf den wir hinarbeiten“, so Biesterfeld. Auch Überlegungen zur Ausstellungsgestaltung seien im Gange. Bildmaterial zum „Stein“ hat das Museumsdorf gesichert. Dazu zählen Fotos aus 14 Alben der Sengstakes. Sie sind eingescannt und liegen als „Digitalisate“ vor. Weitere Bilder, die im „Erzählcafé“ die Runde machen, zeugen nicht zuletzt von der Mode einer Ära, da die Jungen noch oft Schnäuzer und Minipli trugen. Und die Mädels Dauerwelle, bevorzugt luftgetrocknet für mehr Volumen, gern auch mit Strähnchen. Lippenstift in grellem Pink kontrastierte mit blauem Lidschatten. „Glitzer“ sowie Blouson- oder Bomberjacken galten als trendy. Hotpants, Radlerhose, Häkelkleid oder Engelshaar fielen ebenfalls modisch in den Zeitschnitt von Mitte der 70er- bis Mitte der 80er-Jahre, den das Museumsdorf Cloppenburg schwerpunktmäßig im „Sonnenstein“ abbilden möchte.

Klaus Sengstake wurde früher von weiblicher Klientel oft gebeten, er möge das Disco-Schwarzlicht ausschalten, weil es die BHs unter der Oberbekleidung „leuchten“ ließ. Ohne Spiegel kam das Damen-WC nicht aus. Auf der Herrentoilette erwiesen sie sich als entbehrlich. Dort seien sogar diverse Spiegel zertrümmert worden, merkt Sengstake an - aus Unzufriedenheit von Jungs mit dem eigenen Aussehen oder aus Frust, „weil andere ihnen einredeten, sie seien hässlich“.

Ausbrechen aus dem miefigen Alltag

Sich hübsch für die Disco zu machen und die weibliche „Konkurrenz“ möglichst optisch auszustechen - das hatte für Iris Löper nicht nur mit der beabsichtigten Wirkung auf das andere Geschlecht zu tun. Das gab ihr auch Gelegenheit, ein Stück weit aus Konventionen auszubrechen. In den frühen 1970ern, damals als Bankangestellte tätig, musste sie sich kleiden „wie eine 40-Jährige“ - und fand’s „furchtbar“. Die Disco-Abende boten Abwechslung vom Alltag. „Um Mitternacht war aber spätestens Schluss“, berichtet die pensionierte Finanzbeamtin. Ihre Mutter pflegte halb drohend und halb im Scherz zu sagen: „Wenn dich die Polizei nach Hause bringt, kommst du uns Heim!“ Für die Disco kleidete sich Iris Löper in schnuckeligen Boutiquen ein - etwa gegenüber dem Café Meyer an der Huntestraße in Wildeshausen. Zu ihrer Disco-Zeit dauerte der Schlager-Boom noch an. Su Kramer etwa galt als hip. Die Hitparaden im ZDF und im Hörfunk seien Pflichtprogramme gewesen.

Beim Durchstöbern alter Bilder stößt Klaus Sengstake auf eine Aufnahme von einem Doppeldeckerbus, den er 1988 erwarb, nach Londoner Vorbild rot anstrich, mit „Sonnenstein“-Werbung versah und mit Mobiliar in eine mobile Party-Location verwandelte. Dieses Fahrzeug wurde häufig verliehen. Es kam oft zum Einsatz, etwa auf dem Harpstedter Maimarkt, auf Straßen- und Freiluftfeten. Mitte der Neunziger verkaufte der Eigentümer den Bus an den Schrottplatz Brinkum. Sengstake: „Zuletzt lief er nur noch rückwärts.“

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