Sommer-Smalltalk Folge 1

Fischhändler Holger Gette ist oft auch Kummerkasten

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Ein den Stammkunden seit Jahren bekanntes Gesicht auf dem Harpstedter Wochenmarkt: Holger Gette.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Eine Seniorin erzählt Holger Gette, dem Fischhändler auf dem Harpstedter Wochenmarkt, vom Herzinfarkt ihres Mannes und den „zum Glück“ glimpflichen Folgen. Der 55-jährige Bremer bekommt nicht selten private Dinge zu hören, gesteht er im Smalltalk mit unserer Zeitung. Das kurze Gespräch „über’n Tresen“ mit dem Marktbeschicker nimmt unsere Zeitung zum Anlass für eine kleine Interview-Sommerserie.

Herr Gette, es scheint, als seien Sie mitunter ein regelrechter Kummerkasten für Ihre Kunden – so ähnlich wie der Wirt in der Stammkneipe.
Ja, das kann man so sagen. Das gehört zu meinem Beruf dazu. Es macht ja den Wochenmarkt aus, dass die Atmosphäre viel familiärer ist als in Supermärkten. Und so muss es auch sein. Meine Kunden sind zum großen Teil schon älter. Da kommt es vor, dass der Lebenspartner erkrankt oder verstirbt. Die Menschen, die solche Schicksalsschläge verarbeiten müssen, möchten davon nicht jedem erzählen. Sie suchen sich aber gleichwohl ein Ventil, einen Gesprächspartner, bei dem sie ein bisschen die aufgestaute Luft rauslassen können. Und das finden sie dann zuweilen auch bei uns Marktbeschickern.

Nur drei Händler an einem zumindest nicht verregneten Sommertag auf dem Harpstedter Marktplatz – warum kommen so wenige?
Es werden wohl vier werden. Der Anbieter von Kurzwaren, Honig, Grußkarten und Wolle baut immer etwas später auf. So gegen 9 Uhr. Dass wir nicht mehr sind, liegt vor allem an der Ferienzeit. Die macht sich durchaus auch auf anderen Wochenmärkten bemerkbar, nicht nur in Harpstedt. Die Händler wollen schließlich auch irgendwann Urlaub machen. Vor allem diejenigen, die Kinder haben, nutzen dafür eben die großen Ferien.

Wie viele Händler bleiben im Schnitt Märkten in der Urlaubszeit fern? Können Sie einen Schätzwert in Prozent nennen?
Nein, das variiert von Wochenmarkt zu Wochenmarkt und von Jahr zu Jahr stark. Hier in Harpstedt ist es diesmal extrem. Das fällt schon auf. In anderen Jahren sind mehr Händler gekommen.

Und nach Ende der Ferien steigt die Zahl wieder an? Auf zehn Anbieter?
Nein, so viele sind wir inzwischen nicht mehr, sondern noch ungefähr sieben. Wir haben mit den Jahren viele verloren – den Geflügelstand etwa oder den Bäcker. Manche haben sich in den Ruhestand verabschiedet; andere sind verstorben oder haben aufgehört, weil sie den Tod des Partners verkraften mussten. Die Gründe sind ganz unterschiedlich.

Läuft das Geschäft für Sie schlechter, wenn wenige Beschicker kommen?
Das kann man so nicht sagen. Jeder Kunde hat seine Händler, die er aufsuchen will. Diejenigen, die Fisch essen möchten, kommen auch zu mir, wenn andere Anbieter wegbleiben. Die Leute meinen, ein kleiner Markt verspreche weniger gute Geschäfte. Das aber ist ein Irrglaube. Auf großen Märkten ist ja auch die Konkurrenz größer – und damit der Preisdruck. Die Mengen von Menschen, die sich dort aufhalten, könnten vermuten lassen, dort würden besonders gute Umsätze erzielt. Doch darunter sind eben auch etliche Leute, die nur zum Gucken kommen. Von denen leben wir aber nicht. Sondern nur von denen, die kaufen.

Wie lange gehen Sie schon auf Wochenmärkte?
Seit 15 Jahren.

Sie kaufen den Fisch in Bremerhaven im Fischereihafen ein?
Ja, da gibt es bestimmt 200 bis 300 Großhändler. Wer dort frische Ware erwirbt, hat für gewöhnlich seine Stammhändler, zu denen er langjährige Kontakte pflegt. Ich bin montags, mittwochs und freitags dort. Die ersten Großhändler öffnen schon gegen Mitternacht.

Wann stehen Sie dort auf der Matte?
Nicht ganz so früh. Aber schon zu nachtschlafender Zeit. Meistens so gegen 3 oder 4 Uhr.

Was bleibt Ihnen vom Wochenende?
Nur der Sonntag. Sonnabends bin ich in Brinkum mit meinem Fischwagen.

Und donnerstags in Harpstedt. Wo sonst noch?
In Bremen und Bassum.

Sicher möchten auch Sie mal verreisen. Wann gönnen Sie sich Urlaub?
Im Januar. Direkt nach Weihnachten wird kein oder kaum Fisch gefangen. Auch viele Fischer haben dann für gewöhnlich Urlaub. In der ersten oder zweiten Januarwoche fahren sie wieder raus, und das Geschäft läuft ganz langsam aufs Neue an. Ob das etwas früher oder ein bisschen später geschieht, hängt nicht zuletzt vom Wetter ab. Große Kälte und viele Stürme bewirken erfahrungsgemäß Verzögerungen.

Hat das Wochenmarktgeschäft Ihrer Ansicht nach Zukunft? Oder sagen Sie sich im Stillen: „Ich würd’s am liebsten lassen, wenn ich’s mir schon leisten könnte“?
(Lacht.) Arbeiten hat immer Zukunft. Dass die Zeiten härter werden, ist ja nichts Neues. Aber wenn unterm Strich noch etwas für uns Händler übrig bleibt, sind wir alle zufrieden, glaube ich. Läuft es für mich weiterhin einigermaßen gut, mache ich weiter, so lange ich kann.

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