Soll Harpstedt Stolpersteine bekommen?

In Wildeshausen sind bereits mehrere Stolpersteine verlegt worden, etwa diese an der Westerstraße 24. Foto: Backhaus

Stolpersteine, die den von den Nationalsozialisten Ermordeten weltweit ein Denkmal setzen, sollen auch im Flecken Harpstedt verlegt werden. Diesen Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen diskutierte der dortige Kulturausschuss – und stellte fest: Es handelt sich um ein schwieriges Thema.

Harpstedt – Auf die Begründung ihres Antrags zum Thema Stolpersteine hatte Irene Kolb (Bündnis 90/Die Grünen) sich gründlich vorbereitet. In ihrer kurzen Rede während der Sitzung des Kulturausschusses am Montagabend argumentierte sie dafür, dass auch im Flecken Harpstedt bald Teile des „weltweit größten Denkmals“ für die von den Nationalsozialisten ermordeten Menschen installiert werden sollten. Auf den goldfarbenen Quadern, die von dem Künstler Gunter Demnig vor den ehemaligen Häusern der NS-Opfer verlegt werden, sind deren Namen und Lebensdaten sowie der Ort, an dem sie getötet wurden, vermerkt.

„Viele schauen beim Gehen nach unten und so wird das Gedenken in den Alltag integriert“, sagte Kolb. Ihrer Ansicht nach sei es „immens wichtig“, die Erinnerung an die Verbrechen der Nazis auf diese konkrete Art und Weise wach zu halten. Kolb appellierte an die Verantwortung von Politik, Einwohnern und Gemeinde gleichermaßen: „Wir sollten auf jeden Fall mehr tun als bisher.“ Neben der Verlegung der Stolpersteine schlug die Grüne deshalb außerdem vor, in Harpstedt einen Gedenktag zu etablieren – etwa an dem Tag, an dem die letzte Jüdin der Gemeinde, Johanne de Vries, von den Nationalsozialisten deportiert wurde.

Die Verwaltung hatte in der Sitzungsvorlage jedoch empfohlen, den Antrag abzulehnen. In einer früheren Diskussion von 2005 sei bereits einmal dagegen gestimmt worden, heißt es. „Seitens der Verwaltung wird die damalige Entscheidung, dass das Gedenken durch die Aufstellung der Gedenksteine ausreichend gewürdigt wird, auch heute noch als ausreichend angesehen.“ Es gebe eine Gedenktafel am Amtshof und Gedenksteine mit den Namen der aus Harpstedt deportierten Menschen auf dem örtlichen Judenfriedhof.

Klaus Budzin (SPD) hingegen unterstützte den Antrag der Grünen. Er selbst habe sich viel mit dem Thema beschäftigt und empfinde die Installation der Erinnerungsquader als eindrücklich. In Hamburg seien ihm die zahlreichen Stolpersteine als besondere Form der Erinnerung positiv aufgefallen. „Unsere Aufgabe ist es, diese Haltung auch hier zu verwurzeln“, sagte er. Auch Matthias Hoffmann (SPD) sprach sich für die Verlegung aus. Wer mit seinen Kindern spazieren gehe, werde sich den Nachfragen stellen müssen und könne ihnen so zugleich vermitteln, was damals geschehen ist. „Dadurch bekommt es etwas sehr Persönliches.“ Gerade für eine Generation, die nicht an den nationalsozialistischen Verbrechen beteiligt gewesen sei, sei dies ein guter Weg des Gedenkens.

An die anderen Menschen, die zu jener Zeit lebten, erinnerte in der Debatte Horst Hackfeld (HBL). Sein Großvater sei als 18-Jähriger eingezogen worden und habe an der Front kämpfen müssen. Auch seinem Großonkel habe der Tod gedroht, wenn er den Kriegsdienst verweigert hätte. „Wollen wir denen auch noch einen Stolperstein gewähren?“, fragte Hackfeld. Kolb antwortete, dass man dieses Thema ebenfalls „ganz dringend“ einmal besprechen müsse.

Sorgen vor einer gewissen Überforderung in der Vermittlungsarbeit meldete Klaus-Dieter Westphal (CDU) an. „Ich glaube nicht, dass morgen noch jemand in der Lage ist, dieser Anforderung in den Schulen nachzukommen“, sagte er. Er glaube auch, der Flecken habe bereits die Voraussetzungen geschaffen, um genug Mahnung zu haben. Budzin widersprach dieser Auffassung: Gerade weil es in den Schulen schwer sei, das Wissen und die Erinnerung ausreichend zu vermitteln, seien die Stolpersteine wichtig. Jeder sei in der Verantwortung, mit Kindern darüber zu sprechen.

Budzin machte die Aktualität der Diskussion deutlich, indem er auf die politischen Ereignisse in Thüringen verwies. Hermann Schnakenberg (SPD) äußerte ebenfalls die Auffassung, dass gerade die Entwicklungen der Gegenwart zeigten, wie wichtig die Erinnerung sei.

Dass vor der Installation von Stolpersteinen Rücksprache mit den Angehörigen der Opfer sowie der jüdischen Gemeinde gehalten werden müsse, war allen Ausschussmitgliedern bewusst. Auch die Frage, ob nicht die Lage der Steine es ermögliche, gleichsam auf der Erinnerung herumzutrampeln, kam auf. Schlussendlich empfahlen die Delegierten einstimmig, die Diskussion im Gemeinderat weiterzuführen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Coronavirus-Verdacht: Züge aus Italien am Brenner angehalten

Coronavirus-Verdacht: Züge aus Italien am Brenner angehalten

Morsumer Kinderkarneval beim TSV Morsum

Morsumer Kinderkarneval beim TSV Morsum

Kinderfasching bei Puvogel

Kinderfasching bei Puvogel

Bielefeld feiert nach drohender Spielabsage

Bielefeld feiert nach drohender Spielabsage

Meistgelesene Artikel

„hanseSWINGproject“ tritt auf

„hanseSWINGproject“ tritt auf

Gutachter: Blutbuche ist vital und schützenswert

Gutachter: Blutbuche ist vital und schützenswert

Windböe drückt Lastzug in Planke

Windböe drückt Lastzug in Planke

Erste Bäume vor der Klinik entfernt

Erste Bäume vor der Klinik entfernt

Kommentare