Eine Begebenheit von 1713 in Klosterseelte lässt Parallelen zur Coronapandemie erkennen

Social Distancing wider die Pestilenz

Zur Herkunft der Pest wird noch heute geforscht – auch nach Grabungen anhand von Skeletten. Foto: Seibert et al/DPA

Klosterseelte - Von Jürgen Bohlken. Social Distancing ist keine Erfindung der Coronakrisenzeit. Rigide Abstandsvorschriften galten sogar schon im Sommer 1713, als die Pest aus Bremen aufs Umland übergriff. Und dort, wo die Regeln überwacht und eingehalten wurden, gab es weniger Todesopfer. Nur zwei waren nach einem Ansteckungsfall in Klosterseelte zu beklagen, verrät ein um Einzelheiten ergänzter Bericht des damaligen Amtsschreibers Johann Heinrich Redeker. Unsere Zeitung kann diesen von Günter Kastendieck, Archivpfleger der Samtgemeinde Harpstedt, übermittelten Text leider nur in stark gestraffter Fassung wiedergeben.

Der Bericht in sehr bildhafter Sprache beginnt damit, dass Johann Steinbrück mit seinem Sohn und einem Gehilfen namens Dietrich aus Bremen nach Klosterseelte kommt, um auf dem Hof Buschmann seinem Gewerbe nachzugehen: Als „Schweineschneider“ obliegt ihm das Kastrieren der Ferkel.

Bauer Alert Buschmann hatte sich vor dem Schlafengehen mit Steinbrück unterhalten und dabei Neuigkeiten erfahren. Sein Hinweis „auf die pestilenzialische Seuche in Bremen“ habe nur ein Auflachen des Städters zur Folge gehabt, heißt es. Gegen 1 Uhr in der Nacht rief Steinbrücks Knecht um Hilfe. Unter dem Gekläff des angeketteten Hofhundes seien die nachtschlafenden Bewohner herbeigeeilt, geht aus den Schilderungen hervor. Sie seien Zeugen vom Ausgang eines grausigen Geschehens geworden: Dietrich, der Gehilfe, „wand sich in würgenden Schmerzen, ließ ungewohnte und nicht zu deutende Laute vernehmen, bäumte sich wild auf und fand dann verzerrten Gesichtes den erlösenden Tod“. Nachdem klar war, dass der Schwarze Tod Einkehr gehalten hatte, griffen Vorschriften, die auf dem Amt zu Harpstedt erst kurz zuvor den Dorfältesten nach eingehender Belehrung zur Beachtung überreicht worden waren. Dem Schweineschneider und seinem Sohn wurde aufgetragen, sofort das Haus zu meiden, all ihr Hab und Gut hinauszutragen und sich selbst in angemessener Entfernung vom Gebäude aufzuhalten – eine Abstandsregel wie in Coronazeiten. Weiter heißt es im Text: „Auf dem Hofe hatten sich inzwischen die Nachbarn versammelt. (...) Ihre Gespräche fanden sofort ein Ende, als der Dorfälteste die große Tür öffnete und mit fester Stimme zwei der Anwesenden zu sich rief.“ Die Gerufenen hätten keinen Widerspruch gewagt, nachdem sie den Auftrag erhalten hätten, sich sofort „auf die Pferde zu setzen und eiligen Rittes in Harpstedt dem Amtmann Heinrich Gustav Ramdohr Bericht zu erstatten“, wie es die Vorschrift erfordere.

Steinbrück und Sohn durften keinen Gebäudeteil mehr betreten. Sie mussten ihr dürftiges Lager unter einer abseits stehenden Eiche aufschlagen. Es seien harte Vorschriften gewesen, die seitens der kurfürstlichen Regierung in Hannover erlassen worden waren, so Redeker. Noch härtere Strafen hätten bei Widersetzung gedroht.

Die Dörfler Klosterseeltes seien dahingehend aufgeklärt worden, „dass sich die Sicherheitsmaßnahmen zunächst den Bremer Gästen zuwenden müssten“; dann aber seien auch die Bewohner des Buschmannschen Hauses besonderen Anordnungen unterworfen. Steinbrück und Sohn sei eine Rückkehr nach Bremen nur nach einer längeren Sperrzeit gestattet. In dieser Phase werde sich zeigen, ob die „pestilenzialische Seuche“ auch sie überfalle. Es sei ja nun einmal so, dass sich die Krankheit „im Innern des Menschen eine gewisse Zeit vorbereite“, ehe sie „zum Schlage“ aushole.

Von trüben Gedanken über Qualen zum Tod

Auf Redekers Anordnung hin, Schutzhütten abseits des Dorfes zu bauen, sei der Vorschlag gekommen, diese „auf dem Eichenberge“ zwischen Klosterseelte und Bach zu errichten – „eine Hütte für die Schweineschneider, die andere für die Wächter“. Die Bauern hätten eingewilligt, das sofort zu erledigen.

Redeker habe sich Alert Buschmann bis auf zehn Schritte genähert, um ihm zu erklären, dass sein Gehöft einer Sperre verfalle, deren „Ausdehnungszeit“ ihm noch mitgeteilt werde: „So wurden der gute Alert Buschmann nebst seiner Ehefrau Anne und den Kindern item seiner Mutter, seinem Bruder, seinen Knechten und Mägden im Hause zugesperrt und dasselbe mit Wächtern umsetzt“ – eine Quarantäne der konsequent harten Gangart sozusagen.

Ein jeder habe „die Nähe des gebannten Hofes“ gemieden, und über alle Vorschriften habe Vogt Gödeke Siedenburg zuverlässig gewacht.

Täglich sei von Harpstedt Amtsschreiber Redeker gekommen. Er habe das Dorf durchritten, nach den Hütten am Eichenberge gespäht und dem Vogt „die notwendigen Anweisungen“ erteilt. „Wann die harten Anordnungen ein Ende finden konnten, wusste er nicht zu berichten, und auch der Amtmann Ramdohr konnte die hastigen Fragen dieser Art nicht beantworten, als er eines Tages zur Besichtigung Klosterseeltes eintraf und hinsichtlich der Schutzmaßnahmen nichts zu beanstanden fand“. Der Leser „von heute“ mag an dieser Stelle unwillkürlich an Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre Kritik an „Öffnungsdiskussionsorgien“ denken.

Aber weiter im Text: Alles schien einen guten Verlauf zu nehmen, doch dann folgte ein zweiter Todesfall: „Nur einer im Hause konnte seiner Bedrängnisse nicht Herr werden: der Bauer selber. Und wenn er auch zugeben musste, dass sein plötzliches Unwohlsein und die damit verbundenen Begleiterscheinungen nichts gemein haben konnten mit der Erkrankung des verstorbenen Knechtes, vermochte diese Feststellung doch nicht seine immer wieder aufsteigende Unruhe zu besänftigen. (...) Abends vermochte er nicht die trüben Gedanken zu verscheuchen. Sie überfielen ihn mit sich mehrender Gewalt, sodass Alert es als selbstverständliche Begebenheit erachtete, als sich am 17. August eine nie gekannte Übelkeit einstellte. Vergeblich war alles Bemühen, sich ihrer Wirkung zu entziehen. Bis zum Abend vermehrte sich die Qual in einem Maße, dass er auf sein Lager sank und seiner Frau die Furchtbarkeit des Zustandes nicht mehr verborgen blieb. Die Nacht über trat eine Beruhigung ein; doch als der erwachende Morgen sein erstes schwaches Licht in den Schlafraum des Bauern schickte, bäumte sich dieser wild auf und gab in nicht zu deutenden Lauten eine Art Bewusstlosigkeit zu erkennen. (...). Fragte man später die Witwe, wann der erlösende Tod den Bauern aus dem Tal des Elends in die Gefilde der ewigen Begnadung geführt habe, sagte sie, es dürfte wohl um die Mittagsstunde gewesen sein.“

Was mit dem Toten zu geschehen hatte, sei allein abhängig von den Anordnungen des Amtes gewesen: „Nach den Anweisungen der Gesundheitsbehörden Hannovers war die Leiche noch am gleichen Tage der Erde zu übergeben, damit der Gifthauch schnellstens seine verderbliche Wirkung verlöre.“ Mit Nachdruck wurde auf die Amtsordnung hingewiesen, wonach „nur die älteren Bauern in geziemendem Abstande von Buschmanns Hofe an der Beerdigung teilnehmen könnten und alle übrigen Bewohner sich in den Wohnungen aufzuhalten hätten, um dort in einem stillen Gebet des Verstorbenen und der eigenen Sündhaftigkeit zu gedenken“. Redeker erklärte sich bereit, „die Aufsicht bei der Bestattung zu übernehmen“ sowie darüber hinaus noch im Dorfe zu verweilen, „damit die weiteren fürsorglichen Maßnahmen im Sinne der strengen Vorschriften durchgeführt würden“.

Die Rückkehr der Normalität

Fast versöhnlich angesichts der geringen Opferzahl klingt der Schlussteil des Berichts, der die Normalisierung des Alltags schildert: „So zog der Herbst ins Land, und seine Kühle ließ die Besorgnisse mindern, die das Ereignis vom August nach sich zog. Die Hütten auf dem Eichenberge wurden verbrannt, nachdem ihre Insassen, vor allem der Schweineschneider Steinbrück und sein Sohn aus Bremen, eine abschließende Untersuchung hatten über sich ergehen lassen. Die Wachen zogen ab. Nach und nach wagten sich verwandte oder befreundete Familien, die in der ersten Zeit nach der Heimsuchung sich geflissentlich davon ferngehalten hatten, nach Klosterseelte. So wurde mit dem Eintritte eines harten Winters die gewohnte Lebensordnung im Dorfe wiederhergestellt.“

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