Singender Tornado wirbelt durch Harpstedt

„Liberty’s“ erlebt mit Johanna Zeul das bislang körperbetonteste Konzert

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Rampensäue im besten Sinne: Kontrabassist Masataka Koduka und Singer-Songwriterin Johanna Zeul.

Harpstedt - Fast im Headbanging-Style warf sie den Kopf hin und her. Sie flirtete mit den Zuhörern, fegte mit ihrer Akustikgitarre wie ein Tornado durchs Lokal, und der Kontrabassist Masataka Koduka an ihrer Seite tanzte und spielte simultan.

Nie zuvor hat der Burger-Imbiss „Liberty’s“ in Harpstedt ein derart körperbetontes Konzert erlebt wie am Donnerstagabend: Die Singer-Songwriterin Johanna Zeul wurde ihrem Ruf, „mit den Fingern in der Steckdose zu schlafen“, voll gerecht. Doch unter der flippigen Schale, so offenbarte sich nach dem Gastspiel mit nicht weniger als sechs Zugaben, steckt offenkundig ein sensibler, nachdenklicher Mensch, der viel auch über die großen Zukunftsfragen und -probleme nachdenkt. In Zeiten wie diesen könne und wolle sie Augen und Mund nicht verschließen, verriet die Wahl-Berlinerin im Gespräch mit unserer Zeitung.

„Tütensuppe“ heißt ein Song aus ihrer Feder, der den Plastikmüll in den Weltmeeren und Fischernetzen thematisiert - Mikropartikel, die nicht nur die Meeresbewohner, sondern letztlich auch der Mensch über die Nahrung aufnimmt. Auf dem im Mai erscheinenden neuen Album „programmiert“ blitzen sozialkritische Töne durch, deutete die Tochter des recht prominenten Liedermachers Thomas Felder an, der 2020 auf eine 50-jährige Bühnenkarriere blickt. In ihren bislang 37 Lebensjahren hat Zeul, so scheint es, so ziemlich alles aufgesogen, was ihr an Musik zu Ohren kam - vom Kinderlied über den Swing bis hin zu Pop in allen erdenklichen Schattierungen. Ihre Stärke liegt eindeutig darin, nachdenklich stimmende Texte oder auch solche mit intelligentem Wortwitz in unwiderstehliche Gute-Laune-Melodien zu kleiden und dadurch spannende Kontraste zu erzeugen. Wer versucht, diese Künstlerin in eine Schublade zu stecken, scheitert mit ziemlicher Sicherheit. Die Quellen ihrer Inspiration unterscheiden sich derart, dass sich der daraus resultierende „Cocktail“ jeder plumpen Kategorisierung entzieht.

Schräg klingt Johanna Zeul allemal, aber selbst Zuhörer, die eher auf Mainstream abfahren, finden - wie auch in Harpstedt - Gefallen an ihren Live-Auftritten. Sich dem besonderen Charme dieser Rampensau im besten Sinne zu entziehen, ist, so scheint es, ein Ding der Unmöglichkeit. Dass sie im „Liberty’s“ völlig „unplugged“ auftrat, ohne Mikro und Verstärker, war die Folge einer kleinen Panne gewesen. Geschadet hat’s nicht, ganz im Gegenteil: Das Mikro hätte Johanna Zeul in ihrem unbändigen Bewegungsdrang eher eingeschränkt. Gegen Konzertende testete sie die Live-Tauglichkeit brandneuer Songs. Sie befürchtete Texthänger, die aber ausblieben. 

boh

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