Hilfe für Bedürftige

Obdachlose in Harpstedt: „Diese Menschen wollen in Ruhe gelassen werden“

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In Großstädten sind Obdachlose kaum zu übersehen. Aber es gibt sie auch auf dem „platten Land“. (Symbolfoto)

Dünsen - Wenn Monique Rothenhöfer aus Dünsen von Obdachlosen erzählt, denen sie hilft, erntet sie oft ungläubiges Staunen als Reaktion: „Bei uns?!“ Menschen, die ohne festen Wohnsitz in ärmlichen Verhältnissen leben, seien doch, so die landläufige Meinung, vor allem in Mittel- und Oberzentren anzutreffen. Gleichwohl gibt es sie auch in der Samtgemeinde Harpstedt.

Monique Rothenhöfer pflegt Kontakt zu zehn Betroffenen – vier Männer und sechs Frauen. Sie kennt ihren Aufenthaltsort und gibt ihn ganz bewusst nicht preis. Den Obdachlosen gehe es in ihrem jetzigen Umfeld gut. Sie hätten aber Angst vor Eingriffen in ihre Privatsphäre. „Diese Menschen wollen in Ruhe gelassen werden“, weiß die Dünsenerin.

Für eine junge Frau, die im März entbunden habe, sei gesorgt. Die 19-Jährige habe zwei Jahre zu der recht heterogenen Obdachlosengruppe gehört – inzwischen aber nicht mehr. Sie sei nun in einem Mutter-Kind-Haus untergebracht und werde im Oktober ihre erste eigene Wohnung beziehen. Rothenhöfer kümmert sich seit drei Jahren um die Wohnungslosen und deren Hunde. Wer auf Facebook unterwegs ist, kennt sie als „Engel Rea“. Ein bisschen (Schutz-)Engel und Helfersyndrom schlummern wohl tatsächlich in der 45-Jährigen. Ihren Beruf als Altenpflegerin kann sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben. In Dünsen gilt sie als mitfühlende Mitbürgerin, denen das Schicksal der sozial Schwächeren und zudem das Elend vieler Tiere nicht gleichgültig ist. Einst half sie einem Paar aus der Nachbarschaft aus einer Notlage: Die jungen Leute hatten unüberlegt und vorschnell einen Hund gekauft, der sich dann als Gefahr für ihr eigenes Baby entpuppte; mithilfe der Tierschützerin Edith Kaminski fand Rothenhöfer, obgleich sie selbst von dem Vierbeiner ins Gesicht gebissen worden war, einen Platz in einem Bremer Tierheim (wir berichteten).

Ein Unterstand als Rückzugsraum

Monique Rothenhöfer

Der Kontakt zu den Obdachlosen entstand indes aus einer zufälligen Begegnung heraus. Bei einem Spaziergang mit ihrem Hund „Percy“ sah die Dünsenerin einen älteren Herrn auf einer Ruhebank sitzen und kam mit ihm ins Gespräch. „Mir fiel seine Wortgewandtheit auf. Ich bot ihm schnell das Du an und meinte zu ihm, er komme mir vor wie ein Professor“, erinnert sich die 45-Jährige. Der Fremde erzählte, er habe tatsächlich früher an der Hochschule in Darmstadt einen Lehrstuhl gehabt. Während eines weiteren zufälligen Zusammentreffens beantwortete er die neugierige Frage nach seiner Wohnadresse ausweichend – mit den Worten: „Sind denn Straßen so wichtig?“ Rothenhöfer ahnte, einen Obdachlosen vor sich zu haben, verwarf den Gedanken aber zunächst wieder. Die „feine“ Kleidung wollte nicht so recht zu ihrem eigenen – keineswegs vorurteilsfreien – Bild passen, das sie damals von Menschen ohne festen Wohnsitz hatte.

An einem anderen Tag sah sie den älteren Herrn wieder, und zwar nun inmitten einer altersgemischten Gruppe. Dann wieder traf sie ihn allein an und erkundigte sich, wer die Bekannten „von neulich“ gewesen seien. „Studenten aus Ihrer Darmstädter Zeit?“, fragte sie augenzwinkernd – und bekam zur Antwort: „Kann es sein, dass du uns schon entlarvt hast?“ Der Fremde öffnete sich schließlich. Er erzählte vom Leben unter Obdachlosen auf der Straße. „Was hältst du davon, wenn ich euch etwas helfe?“, bot sich „Engel Rea“ an. Dabei schwang die eigene Sehnsucht nach einer sinnstiftenden Tätigkeit mit.

Der betagte Herr, mittlerweile 73, zugleich der Älteste in der Gruppe, ging darauf ein. Die Dünsenerin bekam den privaten Unterstand zu sehen, der den Obdachlosen ein Dach über dem Kopf bietet. Duschen können sie in Wohnräumen der Eigentümer, die dies im Übrigen sogar zur Auflage gemacht haben sollen. Die Wohnungslosen hatte es nach Kenntnis von Monique Rothenhöfer aus Oberneuland in die Samtgemeinde verschlagen. Die Gruppe bestehe überwiegend aus Deutschen, aber auch Landsleute russischer, schwedischer und griechischer Herkunft seien darunter.

Die Wegwerfmentalität ist ihr zuwider

Die Dünsenerin unterstützt sie mit Sachspenden, die sie sammelt – aus eigenem Antrieb, ohne darum gebeten oder gar angebettelt zu werden.

„Anfangs habe ich Paletten besorgt. Später dann Matratzen für vernünftige Schlafplätze“, berichtet sie. Inzwischen sei der Unterstand „dicht“ und zudem mit dem Notwendigsten eingerichtet.

Was immer die Wohnungslosen und ihre fünf Vierbeiner benötigen, ob Haushaltsgeräte, Regale oder Hundeleinen – Rothenhöfer besorgt es irgendwie. Die sozialen Netzwerke erweisen sich dabei als ausgesprochen hilfreich.

Aus der anfänglichen Unterstützung für Obdachlose ist mittlerweile viel mehr geworden. Via Facebook akquiriert die Dünsenerin nun auch Sachspenden für andere Bedürftige und den Tierschutz. Geld will sie ausdrücklich nicht haben. Dankbar zeigt sie sich aber für Altpapier aller Art (außer Pappe), das sich für karitative Zwecke „versilbern“ lässt.

Hilfsbereitschaft anstelle von Wegwerfmentalität

Schon lange stört sich die Dünsenerin an der hierzulande verbreiteten Wegwerfmentalität. Ihr liegt daran, mit Dingen, die sich sonst im Sperrmüll wiederfinden würden, Gutes zu tun. Von diesem Engagement profitieren aktuell auch der Verein „Kitten in Not“, das „Taddy Projekt“, der Tierschutzverein Delmenhorst und Umgebung, das Katzenhospiz „Muffin & Friends“, die Fellnasen-Nothilfe e.V., das Frieda-Projekt der Obdachlosenhilfe Bremen, die Initiative „Huchting hilft“ sowie Obdachlose in Delmenhorst.

Kleidung kann „Engel Rea“ nach eigenem Bekunden nur gebrauchen, wenn diese noch tragbar ist. Bei Haushaltsgeräten muss Rothenhöfer auf Funktionsfähigkeit bestehen, denn schließlich will sie nicht den Müll anderer Leute entsorgen. Für das Überbringen der Sachspenden und den Verkauf von Altpapier legt die 45-Jährige beträchtliche Fahrwege zurück. Den Kontakt zu Bürgern, die Sachen verschenken, pflegt sie auch via Facebook („Engel Rea“ sowie „Spenden statt Wegwerfen für unseren Tierschutz & Co“). Dort kann jeder Dinge posten, die er gratis oder für kleines Geld abgeben will, damit sie einen praktischen Nutzen behalten, statt vorschnell „in der Tonne“ zu enden.

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