Zurück von einer Friedenstour

Ein „Lebensläufer“ bricht mit dem System - für eine lebenswertere Welt

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Fenster für seinen Bauwagen bekam der „Lebensläufer“ von Hans Eisermann aus Klosterseelte geschenkt. 

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Ein ganzes Jahr ohne Geld liegt hinter ihm. „Lebensläufer“ Jens Fröhlke (54) ist zurück, und der Erstkontakt mit seinem bisherigen Wohnort Harpstedt nach seiner Heimkehr fiel ziemlich ernüchternd aus: „Da hat sich ja rein gar nichts verändert. Alles so wie vorher. Auch genauso langweilig“, resümiert er. Die „Gegend hier“ habe er gleichwohl wieder richtig schätzen gelernt.

Seine einjährige „Friedenstour für eine lebenswertere Welt“ kreuz und quer durch Deutschland, zumeist zu Fuß, hat Spuren hinterlassen. Auch bei ihm selbst. Arbeiten bis zum Umfallen, maßloser Konsum für ein kleines bisschen Luxus auf Kosten der Umwelt und des Klimas, abhängig sein von Konzernen, nur um der Versorgung mit Wasser und Strom willen, Verteilungskämpfe austragen, Lebensmittel verschwenden statt verwenden, kurzum, auf Kosten nachfolgender Generationen leben – das alles ist sein Ding nicht mehr.

Das „ganze System“ krankt nach seiner Überzeugung so sehr, dass es mit ein paar Schönheitsoperationen nicht getan wäre. Im Prinzip sei der Weg in eine bessere Zukunft allen bekannt, weil schon unzählige Male erörtert. Fröhlkes Standpunkt lautet: Nicht mehr diskutieren, sondern endlich handeln. Dass jede Bestrebung, „die Verhältnisse“ zu verändern, auf heftigen Widerstand der Mächtigen in Wirtschaft und Politik stieße, die den Ist-Zustand bewahren wollen, ist ihm klar, aber aus seiner Sicht kein Hinderungsgrund. „Wir sind viele“, spielt er auf die Macht der Masse an.

Sein Bruch erscheint radikal. Jens Fröhlke macht schlicht nicht mehr mit, unterwirft sich nicht länger destruktiven Zwängen. Das Geld empfindet er längst als Geißel. Dass es sich mit leeren Taschen sehr gut lebt, hat ihm sein „Lebenslauf“-Experiment bewiesen. Im Bauwagen wohnen, sich „autark“ von Versorgungsunternehmen machen, sich vegan ernähren, gern mit selbst geerntetem Obst und Gemüse aus dem eigenen oder – besser noch – einem Gemeinschafts-Garten: So sieht sein neuer „Entwurf“ aus.

„Missionieren will ich nicht“

Im Gespräch offenbart sich: Ein Zurück in die frühere „Tretmühle“ kann sich der 54-Jährige nicht vorstellen. Aus den alternativen Formen des Wohnens, der Kommunikation und des Wirtschaftens, die er unterwegs kennengelernt hat, zieht er seine ganz persönliche Lehre wider jegliche „Leere“ im Leben.

Lesen Sie auch ein Interview mit Jens Fröhlke: „Nur unsere Bequemlichkeit hindert uns daran, was zu verändern“

Veränderung ist nach seiner Überzeugung möglich. „Dafür müssen wir keineswegs zurück zum Höhlenmenschendasein“, weiß Fröhlke. Aussteigen bedeutet für ihn nicht, zum Eremiten zu mutieren. Die Gemeinschaft bleibt ihm sehr wichtig. Er hält sie sogar für einen Schlüssel für Veränderung. Er hat vieles gesehen, was ihm Mut macht. Etwa in Westen bei Verden, wo engagierte Bürger unter anderem eine geschlossene Kneipe reaktivierten, die sie nun in Eigenregie bewirtschaften. Auch Ansbach und das Konzept der „essbaren Stadt“ fallen dem „Lebensläufer“ ein. Dort existieren sogenannte „Urban-Gardening“-Flächen – Gemeinschaftsgärten und grüne Oasen. „Die Leute bepflanzen sie mit Obst und Gemüse statt mit Blumen, und jeder kann sich was bei der Ernte nehmen. Man glaubt ja gar nicht, wie die Beete leer gepflückt werden“, sagt Fröhlke. Die Menschen bekämen so einen anderen Zugang zum Essen. Vor allem, wenn sie auch die Pflege der Gartenflächen gemeinschaftlich übernähmen. Weitere Beispiele für „Urban Gardening“ sind Andernach, Freiburg, Kassel und Minden.

In Harpstedt steckt viel Potenzial

„Essbare Kommune“ könnte, so Fröhlkes, auch Harpstedt werden. Doch hier steckten viele Menschen nach wie vor unendlich viel Energie in „Ego-Nummern“ statt in das Miteinander. Gemeinschaft? Ja, die gebe es. Zumindest auf dem Schützenfest werde sie gelebt. Würde mehr Energie gebündelt, täte das der Gemeinschaft gut, glaubt Fröhlke. „Dann würde es sicher auch noch deutlich mehr Spaß machen, Schützenfest zu feiern.“ Zu missionieren, so betont der Harpstedter, sei aber keinesfalls seine Absicht.

Ein Fernsehteam hatte seinen „Lebenslauf“ begleitet. Die Reportage läuft im Rahmen der ZDF-Reihe „37 Grad“. „Vielleicht wird sie im September gezeigt“, so Fröhlke. Einen genauen Termin gebe es noch nicht.

Das Interesse des Mediums Fernsehen an der „Friedenstour“ und dem neuen Lebensentwurf des 54-Jährigen ist jedenfalls geweckt. Fröhlke schließt eine Einladung in die Talk-Show von Markus Lanz nicht mehr aus. Sein erstes Urteil über die Sendung fiel noch recht vernichtend aus: „Viel zu hektisch. Da gehe ich nicht hin.“ Mittlerweile würde er gern mit Lanz talken. Er sieht darin eine „große Chance“.

Online hatte der „Lebensläufer“ diejenigen, die sich für seine „Friedenstour“ interessieren, als Blogger auf dem Laufenden gehalten. Die Beschaffung von Nahrungsmitteln machte er in seinen Beiträgen mehrfach zum Thema. Unterwegs bat er häufiger um Essen, das sonst weggeworfen worden wäre. Vor diesem Hintergrund kam er schnell zu der Überzeugung, kein „Schnorrer“, sondern ein „Lebensmittelretter“ zu sein. Ein paar Leute sahen das in facebook-Kommentaren anders. Fröhlke juckte das wenig. Er ging gelassen mit solcher Kritik um.

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