Rolandshof als Gesamtkunstwerk

Kellinghausen: Sehnsucht nach Klarheit in einer wirren Welt

Farbintervalle und die unbegriffliche Kunst faszinieren Roland Maier Holzknecht.
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Farbintervalle und die unbegriffliche Kunst faszinieren Roland Maier Holzknecht.

Kellinghausen – Sein Sohn Bodo fühlt sich als Trompeter und Flügelhornist im Cool Jazz zu Hause. Seine Tochter hat sich als Violinistin und Frontfrau der Combo „Helen Maier and The Folks“ einen Namen gemacht. Obwohl Roland Maier Holzknecht schon mit beiden in einer Family-Band musizierte und obendrein einen Flügel besitzt, auf dem einst Thomas Mann gespielt hat, zieht es ihn selbst stärker zur Malerei und Bildhauerei.

Seine Zeit in der Schweiz als Lehrer endet im Sommer mit dem Eintritt in den Ruhestand. Dann will der 64-Jährige seine Ateliers im Land der Eidgenossen nach und nach auflösen und seinen Lebensmittelpunkt in die Gemeinde Winkelsett verlegen. Den Rolandshof in Kellinghausen möchte er zu einem Gesamtkunstwerk entwickeln. Streng genommen ist daraus bereits eine Anlaufstelle mit Magnetwirkung auf Künstler geworden.

„Im Herbst 2019 hat die Gruppe ,drei komma acht’ mit Siegbert Altmiks hier für zehn Tage gearbeitet, natürlich unter Einhaltung der Abstandsregeln. Sie besteht aus Avantgardekünstlern, die in großen Galerien und Museen ausstellen. Dazu gehört sogar ein Audiokünstler, der mir erst kürzlich eine Vinylplatte schickte. Jeder hat mir ein Werk überlassen. Obendrein haben alle die Wände hier signiert“, erzählt Roland Maier Holzknecht.

Eine Stätte der kulturellen und künstlerischen Begegnung mit Workshops, Konzerten und Events – so sieht seine Vision vom Rolandshof aus. Der Weltbürger mit doppelter Staatsbürgerschaft will Brücken bauen. Zwischen Menschen. Ebenso zwischen Malerei, Bildhauerei, Architektur und Musik.

Auf seinem großzügigen Anwesen in Kellinghausen fällt ein Bauwagen ins Auge. Der entpuppt sich als Relikt pädagogischer Arbeit. In dieser rollenden Schmiede hat der angehende Ruheständler einst Messergriffe mit Schülern geschmiedet.

Aktuell gönnt er sich eine zweimonatige Auszeit auf dem Rolandshof. Möglich machen das die „Sportferien“ in der Schweiz, unbezahlter Urlaub sowie ein „Dienstaltersgeschenk“ in Form von zwei Wochen Urlaub für 40-jährige Lehrtätigkeit.

Nach der Einreise in die Bundesrepublik im Dezember musste sich der Künstler, Kunstpädagoge und -therapeut in zweiwöchige Selbstisolation begeben. Dieter Anhuth, Künstler, Hautarzt, vor allem aber ein guter Freund, versorgte ihn mit den Dingen des täglichen Bedarfs. „Zusammen haben wir schon ausgestellt. In der Schweiz, aber auch in Oldenburg“, erzählt der Rolandshof-Hausherr. Noch bis zum Sommer währt sein Dienst an einer staatlichen allgemeinbildenden Schule in der Kleinstadt Seon bei Aarau zwischen Bern, Zürich und Basel. Kunst und Handwerk lehrt Roland Maier Holzknecht dort. Neben einem Kunsthochschulstudium hat er Ausbildungen zum Möbelschreiner und Bildhauer absolviert. Im Unterricht erlebe er „die ganze Palette der Pubertät“, sagt er schmunzelnd. Die 800 bis 900 Mädchen und Jungen an der Schule lerne er praktisch komplett kennen. „Die kommen alle nach und nach zu mir.“ Verbeamtet würden Lehrer in der Schweiz übrigens nicht: „Das ist ganz anders als hier. Man wird jedes Jahr von der Schulpflege neu gewählt.“ Nicht „konform“ zu arbeiten sei daher riskant.

Die Auswüchse des Föderalismus seien auch im Land der Eidgenossen sehr präsent. Gerade jetzt, in der Coronazeit, bringe der „Kantönligeist“ Probleme und Herausforderungen mit sich. Aktuell beispielsweise bei den Skiliften. Die dürften – je nach Kanton – teils betrieben werden und teils nicht.

Der Kosmopolit gesteht, dass er sich absichtlich gern mal etwas zurückziehe, „weil die Welt so wirr geworden ist“ und er sich nach Klarheit sehne, auch und gerade in der Coronakrise. Er fühle sich zugleich verbunden mit all den Menschen, die wegen „der Pandemie in Not geraten sind“. Die Aggressivität in der Gesellschaft nehme leider zu. Das sei auch in der Schweiz spürbar, wo das öffentliche Leben im Frühjahr 2019 – wie in der Bundesrepublik – erstmals für längere Zeit heruntergefahren wurde. „Der Schulleiter hat mich in die Selbstisolation geschickt. Ich bin auf meiner Hütte in Wallis in den Bergen gewesen. Für acht Wochen habe ich mich dort völlig zurückgezogen. Ich selbst hatte kein Corona. An der Schule aber gab es viele Erkrankungen“, erinnert sich der Kunstpädagoge.

Online-Unterricht in Handwerk und Kunst sei im Lockdown nicht möglich gewesen. Der Schulstart im Mai nach der Durststrecke blieb Roland Maier Holzknecht als „Wiedersehensfest“ im Gedächtnis. Mit „erhöhter Aufmerksamkeit“ beobachtet der gebürtige Schwabe die politische Entwicklung der Lage in der Bundesrepublik. Seine Einschätzung: „Es ist nicht mehr das gleiche Land wie vor 40 Jahren, als ich in die Schweiz gegangen bin.“

Was ihn aktuell künstlerisch antreibe? „Die Konfrontation mit dem Imaginären“, erwidert der 64-Jährige auf diese Frage. Die Faszination der unbegrifflichen Kunst liege darin, dass sie „den Geist rege macht“. In den „Farbklang“ einzutauchen – das habe etwas sehr Befriedigendes: „Sie fühlen zum Beispiel die Qualität vom Grünen und spüren zwischen dem Grün und dem Schwarz ein Farbintervall. Das öffnet mich. Da bewege ich mich in einem Bereich, wo ich sozial unbedroht und unverletztlich bin. Das stärkt mich. Wenn ein Bild mich ,anschaut" und es mich nicht zufrieden macht, bedroht es mich natürlich, aber das habe ich ja selbst verursacht. Und in mir liegen auch die Möglichkeiten und die Verfügungsgewalt, es zu ändern. Im Sozialen ist das nicht so. In der Demokratie muss ich mich fügen, auch wenn ich nicht will“, weiß Roland Maier Holzknecht.

Er lenkt mit diesen Worten den Blick auf den Windpark, der vor seiner Haustür in die Höhe geschossen ist. „Wenn ich mich mit der Problemstellung im Unbegrifflichen identifiziere, dann geht da eine schier unglaubliche Geschichte im Kopf los. Mir wird klar, dass die Menschen, die diese Anlagen aufgestellt haben, sich selber abspalten vom Sozialen, weil sie einen Konflikt verursachen“, sagt der Künstler.

Von Jürgen Bohlken

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