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Seh- und Gehstörungen geben Dünsenerin Rätsel auf

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Von: Jürgen Bohlken

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Ihren Job als Linienbusfahrerin kann Nicol Schlotmann aus Dünsen schon lange nicht mehr ausüben. Sie fragt sich, ob sie das jemals wieder können wird.
Ihren Job als Linienbusfahrerin kann Nicol Schlotmann aus Dünsen schon lange nicht mehr ausüben. Sie fragt sich, ob sie das jemals wieder können wird. © Bohlken

Dünsen – Beim Gehen zeigen ihre Fußspitzen nach innen. Das Einschätzen von Entfernungen fällt ihr schwer. Doppelbilder tun sich vor ihren Augen auf. Auf der Haut bilden sich nässelnde Pusteln. Erschöpfungszustände, Konzentrationsschwächen und Atemnot kommen hinzu. Nicol Schlotmann aus Dünsen kann sich die gravierende Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes seit ihrer Erstimpfung gegen Corona im Juli 2021 selbst nicht erklären.

Ob seltene Impfnebenwirkungen, Long Covid, eine Kombination aus beidem oder eine andere, bislang gar nicht erkannte Erkrankung dahintersteckt, ist derzeit unklar. Die 47-Jährige aber sehnt sich nach Gewissheit, zumal die Folgen ihres Leidens ausgesprochen schwer wiegen.

Ihren Beruf als Busfahrerin kann sie seit Mitte Juli nicht mehr ausüben. Außenstehende würden sie aufgrund ihres Gangbildes als gehbehindert einstufen. In ihrer Verzweiflung macht sie nun sogar mit einem Hilferuf in Form eines offenen Briefes an Bundeskanzler Olaf Scholz auf sich aufmerksam. Darin unterstreicht sie ihren Wunsch nach einer Reha in einer Long-Covid-Klinik, um sich „austauschen zu können“, sowie nach einem „T-Zellen-Test“. Von der Politik fühle sie sich bislang „im Stich gelassen“.

Ihre Beschwerden hat sie chronologisch aufgelistet. Sie ahnt längst, wie schwer es werden dürfte, Versorgungsleistungen zu erwirken. Impfschäden gelten als extrem selten. Werden sie tatsächlich als solche anerkannt, haftet der Staat. Zuständig für die Beurteilung sind die Versorgungsämter der Bundesländer. Mehr als 1. 200 Anträge auf Versorgungsleistungen, begründet mit gesundheitlichen Folgen der Impfung gegen Corona, sind bereits eingereicht. Nicol Schlotmanns Antrag gehört seit gut einer Woche dazu. Er dürfte nun nach eigener Einschätzung diverse Untersuchungen nach sich ziehen.

Bis dahin hatte ich jeweils vor meiner ersten Fahrt immer 40 Liegestütze im Bus gemacht. Nun reichte die Kraft plötzlich nur noch mit Ach und Krach für 16. Ich kam die Treppe kaum noch hoch, war antriebslos und konnte die Hausarbeit nicht mehr schaffen. Gut 13 Monate hielt dieser Zustand an.“

Nicol Schlotmann

Einem Bericht der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 13. Januar zufolge ist bislang über nur 54 solcher Anträge entschieden worden, und gerade mal 18 sollen bewilligt worden sein. Zwischen der Impfung und der Beurteilung müssen Medienberichten zufolge mindestens sechs Monate liegen.

Nur zwei von 10. 000 gemeldeten Nebenwirkungen gelten als schwerwiegend, insbesondere Herzmuskelentzündungen. Die Auffälligkeiten, die Nicol Schlotmann schildert, wollen nicht wirklich dazu passen. Atemnot und Erschöpfung deuten eher schon auf Long Covid oder Post Covid hin. Völlig abwegig erscheint ein solcher Zusammenhang nicht.

Tatsächlich hegt die 47-Jährige den starken Verdacht, bereits an Covid-19 erkrankt zu sein, kurz nachdem die Pandemie Deutschland erreicht hatte. Bestätigt sei das aber nicht, denn leider sei sie damals, im März 2020, ungetestet geblieben, obgleich sie wegen der Beschwerden beim Arzt gewesen sei. „Bis dahin hatte ich jeweils vor meiner ersten Fahrt immer 40 Liegestütze im Bus gemacht. Nun reichte die Kraft plötzlich nur noch mit Ach und Krach für 16. Ich kam die Treppe kaum noch hoch, war antriebslos und konnte die Hausarbeit nicht mehr schaffen. Gut 13 Monate hielt dieser Zustand an“, schildert die Dünsenerin. Im Mai 2021 sei alles im Lot gewesen. „Es ging mir richtig gut. Ich hatte sogar mein Lächeln wieder.“ Zurückgeblieben sei nur eine leicht verminderte Reaktionsschnelligkeit.

Von „Doppelbildern“ bis hin zu Atemnot

Am 12. Juli ließ sich Nicol Schlotmann mit Biontech impfen. „Vier Stunden später durchzog mich ein Schmerz vom Po bis hinab in den Fuß. Für den nächsten Tag ließ ich mich krankschreiben. Tags darauf setzte ich mich wieder in den Bus. Ich spürte jedes Schlagloch“, erzählt die Berufskraftfahrerin, die überwiegend im Linienverkehr unterwegs ist. „Auf der letzten Tour musste ich durch eine sehr enge Straße. Ich bin mit meinem Bus fast von der Fahrbahn geraten, als mir ein Lkw entgegenkam. Ich konnte den Laster nicht richtig wahrnehmen. Es sah für mich aus, er drohte er in den Bus zu krachen“, schildert die Dünsenerin. Wegen solcher Sehstörungen sei nicht daran zu denken gewesen, sich wieder ans Lenkrad zu setzen und Personen zu befördern. Weitere Auffälligkeiten offenbarten sich: Als der Kraftfahrerin auf ärztliche Nachfrage partout nicht mehr einfiel, wer sie gegen Corona geimpft hatte, sei ihr gesagt worden, solche Konzentrationsschwächen könnten von der Impfung herrühren.

Die wohl kurioseste Begleiterscheinung der Krankheit sind die beim Gehen nach innen gerichteten Fußspitzen.
Die wohl kurioseste Begleiterscheinung der Krankheit sind die beim Gehen nach innen gerichteten Fußspitzen. © Bohlken

Die Sehstörungen hätten so sehr zugenommen, „dass ich auch privat nicht mehr fahren konnte“. Es sei ihr unmöglich gewesen, den Abstand ihres Wagens zum Fahrbahnrand richtig abzuschätzen – mit der Folge, dass sie auf die Gegenspur geraten sei. Sie stieg auf das Fahrrad als Fortbewegungsmittel um. Nach wie vor ist sie krankgeschrieben. Der anfängliche ziehende Schmerz sei schnell abgeklungen. Ansonsten aber habe sich der Gesundheitszustand verschlechtert. Am 2. August registrierte die Dünsenerin „Doppelbilder“ und eine „verschwommene Sicht“. Am 15. August litt sie unter Kopfschmerzen. Beide Beschwerden dauerten bis heute an, sagt sie. Ebenso die Atemnot. Die ist der 47-Jährigen schon bei leichter körperlicher Anstrengung anzumerken. „Nachts verarbeite ich Erlebtes in meinen Träumen. Manchmal muss ich im Schlaf weinen. Und wenn ich dann anfange zu schluchzen, habe ich das Gefühl, ich müsste ersticken“, erzählt Nicol Schlotmann.

Sie will das Impfen nicht schlechtreden

Als einen schleichenden Prozess hat sie Störungen des Bewegungsapparates erlebt. Am 14. Dezember stürzte sie vom Fahrrad – und nur 15 Tage später von der Treppe. Zwischen Weihnachten und Neujahr sei ihr erst bewusst geworden, wie merkwürdig sie gehe. Nicol Schlotmann ist in ergotherapeutischer Behandlung. Die nach innen gerichteten Fußspitzen kann niemand mehr übersehen.

Ihre kognitiven Beeinträchtigungen hat sie ebenfalls dokumentiert. Am 10. Januar vergaß sie im Bremer Bahnhof, auf welchen Bahnsteig sie musste, und ließ sich von einem Angestellten der Nordwestbahn helfen. Drei Tage später, auf dem Weg zum Neurologen, überquerte sie bei Ampel-Rotlicht eine Straße. Am 31. Januar verlief sie sich auf dem Weg zum Arzt.

Von einer Neurologin hatte sie wissen wollen, was da in ihrem Kopf passiere und ob sie jemals wieder Bus fahren könne. Die Antwort sei sehr ernüchternd gewesen: „Mit dieser Einstellung werden Sie nie wieder arbeiten.“ Die Fachärztin habe es sich sehr leicht gemacht und ein vorschnelles Urteil gefällt. „Ich will wirklich arbeiten! Am 28. Juni, nach einer Kündigung, die mein Arbeitgeber ausgesprochen hatte und dann auf eine Kündigungsschutzklage hin wieder zurücknahm, war ich gerade wieder angefangen zu fahren und wollte das unbedingt am Laufen halten“, beteuert die 47-Jährige.

Beim Optiker hat man mir Mut gemacht und gesagt: ,Das wird wieder. Das kriegen wir hin.’ Mir ist ein riesengroßer Stein vom Herzen gefallen.“

Nicol Schlotmann

Ein Augenarzt, den sie aufsuchte, riet ihr zum sofortigen Lasern. Nicol Schlotmann ließ sich darauf nicht ein; ihr lag an einer zweiten Meinung. Beim Optiker sei ihr von Sehstörungen einiger anderer Betroffener nach Impfungen berichtet worden. „Dort hat man mir aber Mut gemacht und gesagt: ,Das wird wieder. Das kriegen wir hin.’ Mir ist ein riesengroßer Stein vom Herzen gefallen“, sagt die Dünsenerin. Eine Augenärztin, bei der sie sich „supergut aufgehoben“ fühle, habe eine Magnetresonanztomographie veranlasst, die aber – wie schon eine frühere MRT auf Betreiben eines Neurologen – ohne Befund geblieben sei.

Die Sehschärfe lasse trotz Spezialbrille nach, und in den Augen fühle es sich an, als zöge der Dampf eines scharfen Ingwertees hinein, versucht die 47-Jährige die passenden Worte zu finden.

Sie habe wegen des zeitlichen Zusammenhangs mit der Impfung immer wieder darauf gedrängt, dass der Vorgang dem Gesundheitsamt gemeldet werde, aber von ärztlicher Seite nur Weigerungen und ein „Herumdrucksen“ als Reaktionen erfahren.

Das Melden erledigte sie dann mit Unterstützung ihrer Tochter selbst, und zwar beim Paul-Ehrlich-Institut. Einige Nebenwirkungen, die auf sie zutrafen, seien dort bereits aufgelistet gewesen; andere, die sie an sich feststellte, habe sie ergänzt.

Nachts verarbeite ich Erlebtes in meinen Träumen. Manchmal muss ich im Schlaf weinen. Und wenn ich dann anfange zu schluchzen, habe ich das Gefühl, ich müsste ersticken.“

Nicol Schlotmann

Als Busfahrerin muss sich Nicol Schlotmann regelmäßig Gesundheitschecks unterziehen. Die Ergebnisse seien in der Vergangenheit stets unauffällig gewesen, beteuert sie. Selbst wenn die Dünsenerin Long Covid gehabt haben sollte, würde das nicht die neuerlichen Beschwerden erklären, die erst nach der Impfung auftraten. Hat der „Piks“ womöglich etwas wieder hervorgerufen, was schon überwunden schien? Überlegungen in diese Richtung bleiben vorerst reine Spekulation.

Gab es eine Infektion mit dem Coronavirus?

Einige Hoffnungen setzt Schlotmann in einen sogenannten „T-Zellen-Nachweis“, zu dem ihr eine Ergotherapeutin riet. Damit will sie nachträglich geklärt haben, ob sie und auch ihre Tochter tatsächlich schon mit dem Sars-CoV-2-Virus infiziert gewesen sind. „Den Test müsste ich selbst bezahlen. Aber keiner der Ärzte, die ich deswegen angesprochen habe, ist dazu bereit, mir für diesen Nachweis Blut zu entnehmen und an ein Labor zu schicken“, gibt die 47-Jährige gemachte Erfahrungen wieder.

Versorgungsleistungen wird sie nach eigener Einschätzung nicht ohne einen Rechtsbeistand erwirken können, der versiert in Medizinrecht ist. An einen solchen Anwalt hat sie sich bereits gewandt. „Er sagte mir, vor mir liege ein langer und schwerer Weg. Zunächst aber bräuchte ich den Nachweis, ob es eine zurückliegende Corona-Infektion gegeben hat.“

Zustimmung für „offenen Brief“

Für ihren „offenen Brief“ zu ihrer Krankheitsgeschichte, den sie zunächst nur über WhatsApp verbreitete, hat die 47-Jährige, so sagt sie, viel Zustimmung erfahren. Sie wolle das Impfen keineswegs schlechtreden. Allerdings vertritt sie vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen schon die Meinung, dass es jedem Menschen selbst überlassen bleiben sollte, sich für oder gegen das Impfen zu entscheiden. Ihr eigener Entschluss steht fest: Auf eine weitere Impfung lässt sich Nicol Schlotmann nicht ein.

Auf die Frage unserer Zeitung, ob eine Impfung bereits abgeklungene Long-Covid-Symptome in irgendeiner Form wieder „reaktivieren“ und/oder verstärken könne, hat das Paul-Ehrlich-Institut geantwortet, dazu lägen noch keine Erkenntnisse vor.

Kommentar von Jürgen Bohlken: "Keine falschen Schlüsse ziehen!"

Milliarden Menschen haben den „Piks“ schon schadlos überstanden. Die Wahrscheinlichkeit, einen schweren Coronaverlauf zu erleben, ist deutlich größer als das Risiko bleibender schwerwiegender Impfkomplikationen.

Impfskepsis gründet sich allzu oft auf Einzelfälle. Selbst auf solche, die nur einen zeitlichen Zusammenhang von Impftermin und Nebenwirkung erkennen lassen. Verstirbt ein Mensch kurz nach der Verabreichung eines Impfstoffes, sind Querdenker und Konsorten mit der Einstufung in die Rubrik „Impftoter“ schnell zur Stelle – als wäre die zeitliche Komponente schon ein Beweis für Kausalität. Das aber ist mitnichten so. Die Möglichkeit einer Vorerkrankung, die den Betroffenen vielleicht genauso gut drei Tage vor dem „Piks“ aus dem Leben hätte reißen können, wollen diejenigen gar nicht auf dem Schirm haben, die stumpf wider besseres Wissen an der Mär von massenhaften Impfschäden festhalten.

Das Krankheitsbild von Nicol Schlotmann aus Dünsen sollte schon gar keinen Anlass geben, sich bei den Impfskeptikern einzureihen, zumal die Ursache ihrer Leiden noch nicht mal ergründet ist und der Einzelfall keine Rückschlüsse auf die Sicherheit der Impfstoffe insgesamt zulässt. Beschwerden der 47-Jährigen wie Atemnot, Kopfschmerzen und Erschöpfung lassen „verdächtige“ Übereinstimmungen mit bekannten Long-Covid-Symptomen erkennen.

Warum dann überhaupt ein Bericht über diesen Fall, wenn er doch zumindest eine gewisse Gefahr in sich birgt, voreilig falsche Schlüsse zu ziehen? Um zum Ausdruck zu bringen, dass Menschen wie Nicol Schlotmann, die um ihre Gesundheit und die berufliche Zukunft bangen, nicht sich selbst überlassen werden dürfen. Sie brauchen und verdienen Unterstützung – sowohl von ärztlicher als auch behördlicher und mitmenschlicher Seite.

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