Schon seit rund zwei Monaten durchstreift Jens Fröhlke ohne Geld die Republik

„Lebenslauf“ lässt den „Lebensläufer“ loslassen

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Online hält Jens Fröhlke die Sympathisanten auf dem Laufenden.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Jens Fröhlke hat Niedersachsen längst hinter sich gelassen. Aktuell nimmt der ambitionierte „Lebensläufer“ aus Harpstedt, der seit rund zwei Monaten ohne Geld und ohne die Annehmlichkeiten des Konsums zu Fuß die Republik durchstreift, um mit Gleichgesinnten Utopien für eine lebenswertere Welt zu entwerfen und Netzwerke zu knüpfen, am geldfreien Mitmachkongress Utopival auf dem Findhof bei Köln teil. In seinem Reisetagebuch und auf facebook hält er Sympathisanten über seine auf ein Jahr angelegte Friedenstour auf dem Laufenden.

Das müsse eine „Botox-Wespe“ gewesen sein, kommentiert er einen schmerzhaften Insektenstich auf der Lippe mit trockenem Humor. Einblicke in sein Gefühlsleben spart der Buchhändler ebenso wenig aus wie kleine Kuriositäten.

In letztere Kategorie passen die 20 Euro und vier Cent, die er unlängst in der Morgenstunde am Straßenrand fand. Das Geld lag lose – ohne Portemonnaie – im Gras. Den rechtmäßigen Eigentümer ausfindig zu machen, wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Fröhlke schenkte den Betrag einem Mann, der in Tschechien studiert hat und für seine Familie in seiner Heimat Geld benötigt. Die Angehörigen müssen mit 150 Euro im Monat über die Runden kommen. „Es gibt viele Menschen, die Unterstützung brauchen, echt viele“, fällt dem „Lebensläufer“ immer wieder auf.

Andererseits erfährt er selbst jede Menge Hilfsbereitschaft. So auch von einer Zahnarztpraxis in Hamm, wo er anfragte, ob ihm jemand eine Krone, die sich gelöst hatte, „wieder einkleben würde“. Der Doktor habe den „Schlingel“ festzementiert. Fröhlke revanchierte sich mit dem „einzigen Lied, das ich kenne, in dem es um Zähne und Zahnarzt ging“. Er gesteht, er sei beim Vortrag nicht ganz textsicher gewesen. „Ihr habt mich gerettet. Jetzt habe ich wieder etwas besseren Biss“, dankt er der Praxis augenzwinkernd.

Immer wieder findet Fröhlke Schlafplätze, aber es kam auch schon vor, dass er im Freien nächtigen musste. Anfangs plagte ihn Muskelkater. Inzwischen ist er ein geübter Wanderer. „In jedem Moment neue Begegnungen, neue Augenblicke – ohne Wenn und Aber. Je klarer ich mit mir sein kann, desto offener sind die Begegnungen mit den Menschen, und der Raum öffnet sich für manchen wunderschönen Austausch. Es ist sehr inspirierend, und einzelne Begegnungen bleiben nicht als solche stehen, sondern wandern mit und werden zu Bewegung. Bewegen mich!“, schreibt der Harpstedter in sein Reisetagebuch, als schon etwa 50 Tage hinter ihm liegen. Er lasse immer mehr los, spielt der „Lebensläufer“ auf Erwartungen, Verletzungen, Bedürfnisse an – auf alles, „von dem ich weiß, dass es mir nicht gut tut“. Oft könne er gar nicht glauben, wie er dazu gekommen sei, „eine Friedenswanderung zu machen“. Bereut hat Fröhlke diesen Schritt jedenfalls offenkundig nicht. Nicht wenige Sympathisanten, die seine Erlebnisse online kommentieren, bescheinigen ihm Mut.

Seine erste Lesung seit Beginn des „Lebenslaufes“ bestritt er im Juli in Minden. „Lass dich fallen“ heißt das Gedicht von Joseph Beuys, das er vortrug. In Hertford sei er in eine Montagsdemo gestolpert, berichtet Fröhlke. Das gab dem Buchhändler wiederum Gelegenheit für eine weitere Lesung. Diesmal wählte er einen Text von Erich Kästner.

Am 26. Juli bekam der Harpstedter nahe Unna Besuch von seiner Lebensgefährtin Birgit Blocksdorff. „Einen wunderschönen Tag hatten wir“, entsinnt er sich.

Seit gestern läuft nun der Utopival-Kongress mit über 100 Beteiligten, der sich komplett von dem Prinzip „Leistung gegen Gegenleistung“ verabschiedet und Denkanstöße für ein „anderes Miteinander“ sowie eine auf Solidarität basierende Form der Ökonomie geben will. Das Organisationsteam zeigt auf, dass ein weniger stark oder gar nicht vom Geld geprägtes Leben ein gutes Stück mehr Unabhängigkeit von Arbeit bedeutet – und damit zugleich mehr Freiraum für Hobbys, Selbstversorgung und soziales Engagement lässt.

www.utopival.org

http://mein-lebenslauf.eu

www.facebook.com/

canteskuya18?fref=ts

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