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„So emotionslos will ich nicht altern“

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Von: Jürgen Bohlken

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Die Chemie stimmt, die Gesprächsbasis auch: Stephanie Buth (.l.) und Hannelore Niemann.
Die Chemie stimmt, die Gesprächsbasis auch: Stephanie Buth (.l.) und Hannelore Niemann. © Bohlken

Harpstedt/Neubruchhausen – Diese Frau in den besten Jahren hat schon drei Schlaganfälle hinter sich? Wer Stephanie Buth (42) beobachtet und ihr zuhört, kann das kaum glauben. Die Neubruchhausenerin zeigt keine Lähmungserscheinungen, bewegt sich völlig normal, schaltet schnell, spricht flüssig, beweist Sinn für Humor und wirkt dabei lebenslustig.

Doch in ihrem Innersten sieht es anders aus. Die 42-Jährige beerdigt gerade wider eigenen Willen ihren Lebenstraum. Ihr Zuhause, ein Resthof in Neubruchhausen mit Pferden und Hunden, ist ihr merkwürdig gleichgültig geworden. Der dritte Schlaganfall hat kognitive Einschränkungen verursacht und die Persönlichkeit verändert. Das entgeht natürlich auch dem Lebensgefährten und der eigenen Tochter nicht.

Die Sehnsucht, alles möge wieder werden wie vorher, kennt Hannelore Niemann (61) aus Harpstedt, die 2017 einen Schlaganfall erlitt, zur Genüge. Nur weiß sie: Sie muss die neue Situation annehmen, so schwer das auch fällt. Die ärztliche Botschaft klingt ihr noch in den Ohren: „Seien Sie froh, wenn Sie Ihren jetzigen Stand halten können!“

Kognitiv Beeinträchtigte sind in der Unterzahl

Was die zwei Frauen verbindet? Sie lernen sich gerade besser kennen. Beide wünschen sich kein Mitleid, aber mehr Verständnis ihrer Mitmenschen für ihr Krankheitsbild. Beide gehören einer Harpstedter Selbsthilfegruppe an. Hannelore Niemann ist nicht nur Mitglied, sondern auch deren Gründerin.

„Ich war heiß darauf, in diese Gruppe zu kommen“, erzählt Stephanie Buth. Doch ein erstes Treffen „in Präsenz“, an dem sie teilnahm, blieb hinter ihren Erwartungen zurück. Grund: Ein Großteil der Schlaganfallbetroffenen hat körperliche Einschränkungen. Die 42-Jährige kann daher aus dem Erfahrungsaustausch eher wenig Nutzen für sich selbst ziehen.

Hannelore Niemann bestätigt: Kognitiv Beeinträchtigte wie sie selbst seien in der Gruppe deutlich unterrepräsentiert. Vier Mitglieder würde die Harpstedterin in diese Kategorie einordnen. Kämen weitere hinzu, was durchaus erwünscht ist, könnte sich die Gruppe während der Treffen aufteilen. Körperlich und kognitiv Beeinträchtigte könnten sich dann jeweils schwerpunktmäßig mit ihresgleichen austauschen.

Kontaktpflege per WhatsApp

Coronabedingt sind viele Zusammenkünfte ausgefallen. Die Gruppenmitglieder halten via WhatsApp Kontakt zueinander. Weitere Betroffene mit kognitiven Einschränkungen, die gern in die Selbsthilfegruppe aufgenommen werden möchten, können sich unter Telefon 04244/919 799 melden. Wichtig sei gerade bei diesem Krankheitsbild die Mitwirkung der engsten Angehörigen, betont Hannelore Niemann. „Auch dein Lebensgefährte und deine Tochter müssen mit zu den Treffen kommen“, sagt sie  zu Stephanie Buth.

Die nickt. Ihre Leidensgeschichte ist eine besondere. Sie begann nach dem 40. Geburtstag. Stephanie Buth war mit ihrer Tochter Lina (damals 15) in Richtung Bruchhausen-Vilsen zum Reitunterricht unterwegs und hielt mit ihrem Wagen und dem angespannten Pferdeanhänger die Spur nicht. Das Auto driftete immer wieder nach links ab. Gegenverkehr, der sich gefährdet sah, reagierte mit der Lichthupe. „Mama, warum fährst du so komisch?“, beschwerte sich Tochter Lina. Die Mutter wollte erwidern: „Wieso? Ist doch alles okay.“ Doch sie brachte die Worte einfach nicht über die Lippen. „Du fährst jetzt sofort rechts ran!“, befahl ihr das 15-jährige Mädchen, als es die Sprachprobleme bemerkte.

„Das sieht ganz nach einem Schlaganfall aus“, vermutete wenig später ein Rettungsassistent; die linksseitig „hängende“ Gesichtspartie deutete darauf hin.

„Wie beim Zahnarzt nach der Betäubung“

Ein Gefühl „wie beim Zahnarzt nach der Betäubung“ stellte Stephanie Buth an sich selbst fest. „Aber ich dachte, das geht nach fünf Minuten wieder weg“, erinnert sie sich. Sie sei sogar noch auf die schräge Idee gekommen, die eigene Tochter nach Hause zu fahren. Diesen „Zahn“ bekam sie aber natürlich gezogen.

Stattdessen ging’s direkt ins Krankenhaus nach Nienburg. Schon am Morgen darauf ging es ihr besser. Auch das Sprachzentrum im Gehirn versagte seinen Dienst nun nicht mehr. Tags zuvor, im Rettungswagen, hatte Stephanie Buth ihren eigenen Vornamen nicht aussprechen können.

Es kam mir vor, als existierte die ganze linke Körperseite nicht mehr“

Stephanie Buth

Nachfolgende Untersuchungen brachten ein Loch in der Herzscheidewand ans Licht. „Dadurch konnte mein Blut nicht genug Sauerstoff anreichern“, erzählt die 42-Jährige. Nach einer erfolgreichen Operation im November 2019 schien alles wieder im grünen Bereich zu sein.

Im darauffolgenden Winter besuchte die Neubruchhausenerin für eine Woche ihre Eltern auf Teneriffa, die dort Urlaub machten. Wieder zu Hause, bemerkte sie im Januar 2020 ein neuerliches linksseitiges Taubheitsgefühl. Statt sich sofort untersuchen zu lassen, ließ sie sich in die väterliche Firma fahren, um dort ihren Job in der Buchhaltung zu machen und pflichtbewusst Gehälter zu überweisen. Obwohl sie durchaus wusste, in welchem Maße eine schnelle medizinische Behandlung nach einem Schlaganfall den Genesungsprozess begünstigt, trieb sie nur ein Gedanke um: „Die Beschäftigten müssen ihr Geld kriegen.“ Diese leichtsinnige Vernachlässigung der eigenen Gesundheit blieb relativ folgenlos. Das linke Bein „hing“ anfangs beim Laufen, aber das legte sich nach einem Aufenthalt im Klinikum Bremen-Mitte wieder. Die Neubruchhausenerin hatte erneut großes Glück gehabt.

Anfänglich brauchte ich sehr viel Ruhe. Ich wechselte sogar das Büro, um allein arbeiten zu können. Ich konnte keine Leute mehr um mich herum ertragen.“

Stephanie Buth

Am 1. August 2021 kündigte sich Fohlen-Nachwuchs auf dem Resthof an. Stephanie Buth wollte sich vergewissern, dass mit der gebärenden Stute alles in Ordnung war, und ging in den Stall. Beim Abhocken sackte sie unvermittelt in sich zusammen. Und sie konnte wiederum nicht mehr sprechen. „Es kam mir vor, als existierte die ganze linke Körperseite nicht mehr“, erinnert sie sich.

Die heute 42-Jährige wollte sich nicht eingestehen, soeben den dritten Schlaganfall erlitten zu haben. Sie bat ihren Lebensgefährten, sie zu filmen und ihr die Aufnahmen auf dem Smartphone zu zeigen. Die linksseitig völlig entgleisten Gesichtszüge sprachen eine deutliche Sprache. Erneut ging"s ins Klinikum Bremen-Mitte. Eine Hirn-OP wegen eines verstopften Blutgefäßes folgte.

Die anschließende Reha konnte Stephanie Buth unter Coronabedingungen „nur mit Mühe und Not zwei Wochen ertragen“. Sie brach ab, auch weil ihr die Maßnahme nicht dem eigenen Krankheitsbild angepasst erschien.

Wider Willen begräbt sie ihren Lebenstraum

Körperlich erholte sie sich abermals schnell. Die kognitiven Folgen wogen indes diesmal weit schwerer. „Direkt nach der Reha zog ich mich stark zurück. Ich konnte rund um die Uhr schlafen. Ich war nicht viel in der Firma. Dort habe ich nur erledigt, was ich für unbedingt nötig hielt. Anfänglich brauchte ich sehr viel Ruhe. Ich wechselte sogar das Büro, um allein arbeiten zu können. Ich konnte keine Leute mehr um mich herum ertragen“, erzählt die 42-Jährige. Eine Nebengeräuschkulisse reichte, um sie aus dem Takt und dem Konzept zu bringen.

Mich überfiel Panik. Ich redete mir ein, dass ich nicht erleben werde, wie meine Tochter erwachsen wird, wie sie heiratet und selbst Kinder kriegt. Das hat mich wirklich belastet,“

Stephanie Buth

Damit sie sich Namen besser einprägen konnte, baute sie sich Eselsbrücken. Mitunter halfen ihr Songs auf die Sprünge. Natürlich nur solche Lieder, in denen Vornamen vorkommen.

Im Oktober setzte eine Veränderung der eigenen Persönlichkeit ein. Starke Gefühlsausbrüche waren Stephanie Buth bis dahin eher fremd gewesen. „Nun aber war ich sehr nahe am Wasser gebaut. Mich überfiel Panik. Ich redete mir ein, dass ich nicht erleben werde, wie meine Tochter erwachsen wird, wie sie heiratet und selbst Kinder kriegt. Das hat mich wirklich belastet“, gesteht die Schlaganfallbetroffene.

Am Montag hat Steffi mich angerufen. Sie wusste nicht mehr weiter. Sie schilderte, sie werde nicht ernstgenommen. Als ich ihr zuhörte, war das so, als blickte ich in einen Spiegel.“

Hannelore Niemann

Noch mehr beschäftigte sie eine sich im weiteren Verlauf bei ihr einstellende Emotionslosigkeit. Sie gab das Reiten auf, verspürte keine Bindung mehr zu den eigenen Pferden. Sie verkaufte all ihre Ponys, acht an der Zahl, und setzte kühl Arbeitsaufwand und Nutzen ins Verhältnis, als sie diese Entscheidung fällte, die ihrer eigenen Natur zuwiderlief. „Vorher hatte ich doch für all das gelebt“, sagt sie. „Ich wollte immer einen Resthof und Pferde. Und es hat mich riesig gefreut, als meine eigene Tochter mit dem Turnierreiten begann.“

Ein Resthof mit Pferden und Hunden. Vorher hatte ich doch für all das gelebt.“

Stephanie Buth

Andere Kinder, die seit Jahr und Tag auf den Hof kamen, um dort zu reiten und oft auch zu übernachten, mutierten zum Stressfaktor. „Ich habe sie rausgeschmissen. Die Kinder haben das natürlich nicht verstanden. Sie fühlten sich wie vor den Kopf gestoßen“, berichtet die 42-Jährige. Das rüde Wegschicken hat ihr zwar für den Moment geholfen, der Situation Herr zu werden. Bereuen aber wird sie ihr Verhalten trotzdem; da ist sich Stephanie Buth ziemlich sicher.

Sie empfinde nichts mehr für das, woran ihr Herz gehangen habe. Es fiele ihr nach eigener Einschätzung nicht mal schwer, auch noch ihre Großpferde und Hunde zu verkaufen. Sie ist sich selbst fremd geworden, ahnt zwar, dass sie sich aus Überforderung von Dingen löst, die ihr lange Jahre unvorstellbar viel bedeutet haben, weiß aber nicht, woher die Kraft und der Impuls zum Gegensteuern kommen sollen. Eins aber weiß sie sehr wohl: „So emotionslos altern will ich auf keinen Fall.“

„Wie fülle ich mein neues Leben aus?“

Das Verlangen, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, brachte sie durch Googeln zu Hannelore Niemanns Selbsthilfegruppe, die sich zu der Zeit aber coronabedingt nicht treffen durfte. Stephanie Buth knüpfte zunächst Kontakt zu einer Schlaganfallbetroffenen aus der Gruppe, die aufgrund ihrer körperlichen Einschränkungen Probleme ganz anderer Natur im Alltag lösen muss. Die Frau machte sich etwa Gedanken darüber, „wie ihr Bett umgebaut werden muss, damit sie sich besser drehen kann“. In solchen Dingen kann die Neubruchhausenerin nicht mitreden.

Wenn ich von Long Covid und von Kontaktbeschränkungen höre, denke ich nur: Ich leide doch genauso und fühle mich, als wäre ich schon seit meinem Schlaganfall im März 2017 im Lockdown.“

Hannelore Niemann

Eine Basis für einen Erfahrungsaustausch ergab sich indes aus der Bekanntschaft mit der ebenfalls kognitiv beeinträchtigten Hannelore Niemann. „Am Montag hat Steffi mich angerufen. Sie wusste nicht mehr weiter. Sie schilderte, sie werde nicht ernstgenommen. Als ich ihr zuhörte, war das so, als blickte ich in einen Spiegel“, sagt die Harpstedterin. Nach außen hin den Schein von Normalität wahren und im Gegenzug immer wieder verletzende Situationen ertragen müssen – das kennt auch Hannelore Niemann aus eigenem Erleben. „Du setzt dir morgens eine Maske auf und knallst dann den ganzen Tag über mit dem Kopf gegen die Wand“, spricht sie aus Erfahrung.

Ich bin momentan in einem tiefen Loch, nah an einem Burn-out, und habe schon wieder eine Reha beantragt.“

Hannelore Niemann

Das bei Mitmenschen oft nicht vorhandene Verständnis für die kognitiven Einschränkungen setzt der 61-Jährigen nach wie vor zu und zieht sie regelrecht runter: „Ich bin momentan in einem tiefen Loch, nah an einem Burn-out, und habe schon wieder eine Reha beantragt. Wenn ich von Long Covid und von Kontaktbeschränkungen höre, denke ich nur: Ich leide doch genauso und fühle mich, als wäre ich schon seit meinem Schlaganfall im März 2017 im Lockdown. Wo aber bleiben eigentlich wir Schlaganfallbetroffenen in dieser Pandemie? Wer hört uns mal zu?“

Gemeinsame Seminarteilnahme

Die Chemie zwischen den beiden Frauen stimmt jedenfalls. Und es gibt Gelegenheit für eine Vertiefung des Erfahrungsaustauschs. An einem Wochenendseminar in Osterholz-Scharmbeck im Juli werden Stephanie Buth und Hannelore Niemann gemeinsam teilnehmen, um praxistaugliche Antworten auf eine wesentliche Frage zu erhalten: „Wie fülle ich mein neues Leben aus?“ Die 42-Jährige aus Neubruchhausen tut sich mit dem Gedanken an ein neues Leben aber noch schwer. „Ich will mein altes zurück“, bekräftigt sie.

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