Samtgemeinde verdankt Herbert Bock neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Ortschaften teils viel älter als bislang angenommen

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Mit summa cum laude hat Herbert Bock (Mitte) promoviert. Ein Präsent überreichte ihm für seine aufschlussreiche Dissertation die Beiratsvorsitzende Karin Holm (l.). Ein Blumenstrauß kam von Samtgemeindebürgermeister Herwig Wöbse (r.).

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. In unglaublicher Intensität hat der Dreißigjährige Krieg in Harpstedt und Umgebung gewütet. Sieben Gemeinden und drei „Wüstungen“ in der hiesigen Region, darunter Prinzhöfte, sind teils wesentlich älter als bislang angenommen. Diese und weitere geschichtswissenschaftlich neuen Erkenntnisse verdankt die Samtgemeinde Harpstedt Herbert Bock.

Der 69-jährige Diepholzer hat mit summa cum laude promoviert. In den vergangenen vier Jahren beschäftigte sich der ehemalige Berufssoldat eingehend mit den Wirkkräften der Geschichte im mittleren Hunteraum mit den Kirchspielen Harpstedt und Colnrade zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert. Den vom Spätmittelalter bis in die Neuzeit reichenden Zeitraum bekam er vorgegeben. Er selbst hätte ihn lieber etwas enger gesteckt.

Bei seinen Nachforschungen griff Bock größtenteils auf bislang unveröffentlichte Quellen zurück, so auch auf das Privatarchiv von Cord-Hilmer Isern aus Spradau. Fündig wurde er ebenso in Staatsarchiven – insbesondere in Hannover und Oldenburg.

Seine Recherchen setzten umfangreiche Kenntnisse in Mittellatein, Mittelhoch- und Mittelnieddeutsch voraus. In jedes handschriftliche Dokument musste er sich ganz neu einlesen. „Eine wirkliche Sisyphosarbeit“, sagt der gebürtige Wuppertaler. „Geschichte ist mein Hobby, und ich fühlte mich zu jung, um Schriftführer eines Kegelvereins zu werden“, begründet er, warum er noch im Herbst seines Lebens Geschichte, Geografie und Politikwissenschaften studiert und nun auch promoviert hat. Seine mit einer glatten Eins benotete Dissertation ist gewissermaßen ein sichtbares Ergebnis des an der Uni Vechta angesiedelten und von dem Historiker Prof. Dr. Bernd Ulrich Hucker geleiteten Forschungsprojektes zur bäuerlichen Siedlungs- und Geschlechterhistorie im Bereich der heutigen Samtgemeinde Harpstedt, das mit kommunalen Zuwendungen sowie – in einem erheblichen Maße – seitens der EWE-Stiftung und der Avacon finanziell gefördert worden ist.

Die Beiratsvorsitzende Karin Holm honorierte Bocks Arbeit dieser Tage während einer Beiratssitzung im Harpstedter Amtshof mit einem Präsent. Das Verdienst des 69-Jährigen bestehe vor allem darin, dass er sich nicht nur die Mikrohistorie vorgenommen, sondern geschichtswissenschaftliche Daten in einen soziokulturellen Zusammenhang gebracht habe. „Ein großartig neuer Zuschnitt“, urteilte Holm auch mit Blick auf Bocks Ansatz, Historie weniger herrschafts- als vielmehr menschennah zu beleuchten; die Soziologin machte das unter anderem an den Ausführungen zur Leidensgeschichte der Bevölkerung im Dreißigjährigen Krieg fest. „Wichtig erschien mir, die Grundlagen der bäuerlichen Gesellschaft und Siedlungen herauszufinden und aufzuzeigen, dass diese Gegend aufgrund ihrer Geografie und Topografie keine reichen Bauerngeschlechter wie etwa in Dithmarschen hervorgebracht hat“, erläuterte Bock. Aufgrund des Mangels sei es häufig zu Verteilungskämpfen gekommen, „die sich in Viehdiebstahl, Plaggenstechen und Viehweidung auf fremdem Boden äußerten“. Ferner überprüfte Bock Angaben zu historischen Erst-Nennungen im geschichtlichen Ortsverzeichnis von Niedersachsen – und gewann dabei erstaunliche Erkenntnisse: Er wies nach, dass Orte bis zu 200 Jahre älter sind als angegeben. Sein Augenmerk galt ebenso äußeren Einflüssen auf den Alltag der Menschen, vor allem kriegerischen Auseinandersetzungen. Die damit verbundene Leidensgeschichte aus Sicht der Bevölkerung habe schon deutlich vor dem Dreißigjährigen Krieg begonnen. Die These, die Grafschaft Oldenburg, zu der das alte Amt Harpstedt gehörte, sei wegen der Neutralitätspolitik von Graf Anton Günther von Gräueln weitgehend verschont geblieben, konnte der Diepholzer widerlegen. Seine Dissertation widmet sich nicht zuletzt aber auch inneren Strukturen und Machtverhältnissen, etwa in Gerichtsbarkeit, Verwaltung und dem Bereich Schule.

„Sie haben etwas Außerordentliches geschaffen“, lobte Samtgemeindebürgermeister Herwig Wöbse. Er gratulierte Bock zur bestandenen Doktorarbeit und überreichte einen Blumenstrauß. „Wenn das Buch im Frühjahr erscheint, glaube ich, dass es viele interessierte Leser findet. Sie, Herr Bock, liefern ein gutes Beispiel dafür, dass es nie zu spät ist, etwas Neues anzufangen“, fügte er hinzu.

Ein neues Vorhaben treibt Herbert Bock bereits um: Er strebt an, die Redecker-Chronik, die im Zweiten Weltkrieg einem Brand zum Opfer fiel, so gut es geht zu rekonstruieren. Noch auf sich warten lassen wird hingegen die Dissertation von Mareike Hustedt, der zweiten Doktorandin, die in das „Bäuerliche Siedlungsgeschichte“-Projekt involviert war. Weitere geplante Veröffentlichungen sind in der Mache: Prof. Bernd Ulrich Hucker beschäftigt sich mit dem Wirken der Ritter und Knappen – und Karin Holm mit der Familien- und Hofgeschichte des Geschlechts Kieselhorst unter dem Einfluss des Stifts Bassum.

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