„Sad songs“ mit Schnörkeln

Ryan M. Brewer verzückt Zuhörer im „Liberty’s“

Mit der US-Flagge und der Freiheitsstatue im Rücken fühlte sich Ryan M. Brewer im „Liberty’s“ fast wie zu Hause. Regina Mudrich begleitete ihn bei einigen Stücken auf der „Fiddle“. - Foto: Bohlken

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Im Wissen, dass Harpstedt irgendwo zwischen urbanem Dorf und dörflicher Stadt anzusiedeln ist, hat sich Ryan M. Brewer für sein Konzert im „Liberty’s“ nicht die abgefahrensten Titel aus seinem Repertoire ausgesucht. Über weite Strecken klingen die Songs aus eigener Feder geradezu charttauglich, gäbe es da nicht die vielen Schlenker und Schnörkel, die das Abgleiten in allzu gefällige Melodien verhindern.

„Wenn ich ihn auf der Geige begleite, fühle ich mich wie in der Achterbahn. Du glaubst, in großer Entfernung eine Kurve zu sehen, und ganz plötzlich geht’s scharf links ab“, verrät Regina Mudrich lächelnd in der Konzertpause.

Unberechenbar, unverwechselbar

Tatsächlich wohnt Brewers folkangehauchter Musik etwas Unberechenbares inne: Der Gesang schnellt vom Pianissimo ins Fortissimo und zurück. Oder von der Brust- in die Kopfstimme. Stellenweise klingt der Singer-Songwriter aus Indianapolis fast wie Prince in „Kiss“. Die Stimme mutet schon speziell an. Unverwechselbar wäre das passendere Wort. 

Takt, Rhythmus, Groove, Melodie und Gitarrentechnik schneidet der bekennende „The Who“-Fan, der Pete Townshend als Jahrhundertgenie bewundert, exakt auf seine Intention zu – auf das Gefühl, das er bei seinem Publikum auslösen will. Und das klappt ausgezeichnet. Zuhörern, die seine Botschaften entschlüsseln, steht – auch in Harpstedt – die Rührung ins Gesicht geschrieben. „Schöne Titel“, aber warum seien die alle „so sad“ (so traurig), bekommt der Sympathikus schon mal zu hören. Nicht ganz zu Unrecht. Er sinniert über alles Mögliche, sogar über die „Smartphonitis“, die bis tief in die Nacht und bis ins Schlafzimmer hinein reicht, oder über das Leben auf Tour und die darunter leidenden „Zurückgelassenen“. Letztlich, so verrät er, thematisiere er oft Beziehungen, und zwar keineswegs nur die zwischen Liebenden.

Die Unterschiede zwischen deutschen und amerikanischen Konzertbesuchern

Durch Deutschland tourt Brewer übrigens zum ersten Mal. Ob das Publikum anders sei als in den Staaten? Ein paar Unterschiede fallen dem Singer-Songwriter schon ein: Die US-Amerikaner gingen zumeist auf Konzerte von Bands, die ihnen bekannt seien; in Europa glaubt Brewer eine höhere Bereitschaft zu erkennen, sich auf Neues einzulassen. Als Handicap erweisen sich nach seiner Überzeugung allerdings die sprachlichen Barrieren. Das spüre er anhand der Reaktionen auf den Witz und die Botschaften in seinen Texten. Die Deutschen seien zurückhaltender als die US-Fans, woraus Brewer schlussfolgert, dass manches nicht oder nur ansatzweise durchdringt.

Doch seine Musik funktioniert auch ohne Zugang zu den Texten. Obwohl Brewer eben nicht darauf bauen kann, dass Songs wie „Time and taxes“, „City streets“, „Tear the world apart“ oder „Friends like these“ geläufig sind, findet der Zuhörer Zugang dazu. Die Titel, mal beschwingt, mal mit ordentlich Groove, mal verträumt, bleiben auf Anhieb im Ohr und im Kopf – ein Indiz für ein bemerkenswertes kompositorisches Talent.

Als Zugabe serviert Brewer im „Liberty’s“ ausnahmsweise mal was aus fremder Feder und verquickt drei Titel, die er nach eigenem Bekunden schon gern selbst geschrieben hätte: „Elephant“ von Jason Isbell, „Wonderwall“ von Oasis und „Troubled Souls“ von Von Strantz. Zurück lässt er ein diesmal zwar kleines, aber restlos begeistertes „Kultur am Donnerstag“-Publikum. Die letzte Station seiner Konzerttour führt ihn nach Berlin. „Das ist quasi um die Ecke“, scherzt er. Amerikaner sind halt deutlich weitere Fahrwege gewohnt.

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