Rund 60 Zuhörer lauschen Folk-Sängerin Sofia Talvik im „Liberty‘s“

Von kalten Füßen und herzerwärmenden Balladen

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Keine Spur von unterkühlt: Sofia Talvik aus Schweden flirtete im „Liberty‘s“ fast schon mit dem Publikum.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Die „Weltstadt Harpstedt“ zeige sich mal „sehr weltstädtisch“ und verschmähe „große Kunst nicht“, staunt Martin Zemke über die rund 60 Zuhörer im „Liberty‘s“. Schon oft hat er als Bassist Künstler innerhalb der Konzertreihe „Kultur am Donnerstag“ begleitet. Diesmal nicht. Alle Augen sind auf Sofia Talvik gerichtet, eine attraktive Singer-Songwriterin aus Schweden, die Berlin als Wahlheimat auserkoren hat. „Mein Deutsch ist leider nicht so gut“, entschuldigt sie sich fast kleinlaut. Doch im Konzertverlauf kommt die Schwedin keineswegs schüchtern oder gar unterkühlt rüber.

Schnell wird klar: Ihr sitzt der Schalk im Nacken. Sie flirtet fast schon mit dem Publikum, streut Anekdoten ein, erzählt in flüssigem Englisch von ihrer Tour im Wohnmobil durch die USA oder ihrem Vater, der ihr mal gesagt habe: „Was im Leben zählt, ist, dass du nie die Dinge aufgibst, die du wirklich magst.“ Hinzufügen ließe sich: „Und die du wirklich kannst.“

Sofia Talvik imponiert mit zwei herausragenden Talenten: Sie trifft als Sängerin einfach jeden Ton und schreibt Neo-Folk-Balladen von unwiderstehlicher Schönheit – zumeist eingängig, seltener schräg, oft im Walzertakt zur Verstärkung der folkloristischen Note, häufig verträumt und immer mal wieder durchsetzt von vokalen Ausflügen in Sphären, die etwas Elfen- oder Feenhaftes in sich zu tragen scheinen.

Das Spiel auf der Gitarre mutet eher wie Beiwerk an. Die helle, sich in die Gehörgänge schmeichelnde Stimme, die beim A-cappella-Vortrag des schwedischen Liebesliedes „Mine Ros, mine Lilly“ („Meine Rose, meine Lilie“) sogar ganz pur erlebbar wird, aber entpuppt sich als kleine Sensation. Kaum zu glauben, dass Talvik als aufgehender Stern am Folk-Pop-Himmel mit Songs wie „Bonfire“, denen vom ersten Ton bis zum Schlussakkord eine fesselnde Faszination anhaftet, der ganz große Durchbruch bislang versagt geblieben ist.

„Big Sky Country“, das jüngste, für Vintage-Fans übrigens auch auf Vinyl zu habende Album aus dem Jahr 2015 mit kleinen Anleihen an die Country-Music, strotzt vor Ohrwürmern. Das Titelstück klingt regelrecht hitverdächtig. Die Songschreiberin bringt es als Zugabe. Manche Zuhörer kennen den Text, lassen sich nicht nur animieren, in das wiederkehrende „I‘m going home“ einzustimmen, sondern singen auch andere Passagen mit.

Schnell und laut geht es in den Konzerten der sympathischen Schwedin selten zu. In Köln war sie mal gefragt worden, ob sie auch Up-Tempo-Songs geschrieben habe. Einen, so habe sie erwidert, gebe es da auf ihrem neuen Album, aber der sei ausnahmsweise nicht aus ihrer Feder, sondern von Buffy Sainte-Marie. „Wenn ihr Lust habt zu tanzen, ist das jetzt eure Chance“, leitet die Künstlerin in Harpstedt zu eben dieser Nummer über: „Starwalker“ heißt der Track mit eingeflochtenen Passagen im Stile von Indianergesängen.

Am Mischpult sorgt Ehemann Jonas Westin als Soundingenieur für den richtigen Ton und passende Effekte. Seit einigen Jahren kommt er mit auf Tour. „Ich bin sein Chef“, erzählt die Sängerin schmunzelnd. „Wenn ihr in einer Beziehung seid, solltet ihr nie mit Ärger oder Wut im Bauch einschlafen“, gibt sie eine Lebensweisheit preis.

Der Humor bleibt nicht auf der Strecke. „Es ist an der Zeit, mich auszuziehen“, flachst Sofia Talvik, als sie ihr Halstuch ablegt. In Schweden seien Deutsche als Menschen bekannt, die sich gern nackig machten. Doch das gelte primär für die Ostdeutschen, so die Künstlerin lächelnd zur Ballade „Beautiful naked“ überleitend.

Beim Touren durch Florida lernte sie den „Sonnenstaat“ von einer unerwartet regnerischen Seite kennen. Die Einheimischen hätten den Regen „flüssigen Sonnenschein“ genannt. Ein Deutscher würde diesen Begriff wohl eher als Synonym für Bier verwenden, orakelt die Sängerin augenzwinkernd. In ihrer Wahlheimat Berlin angekommen, fühlte sie sich an Schweden erinnert: „Kalt, regnerisch, dunkel!“ Sie habe gemerkt, dass die Hauptstadt nicht wirklich ein typisches Stück Deutschland sei. Gleichwohl lebe sie gern hier. Die Bundesrepublik sei für sie „ein Märchenland“.

An anderer Stelle bringt sie Bruce Springsteen ins Spiel. Der habe sich ja oft in seinen Titeln den hart arbeitenden Männern gewidmet. Aber was sei mit den hart arbeitenden Frauen? „Darüber gibt kaum Lieder. Ich habe eins geschrieben“, verweist Sofia Talvik auf „Cold, cold feet“, und spätestens, als sie die gleichermaßen unter die Haut wie zu Herzen gehende Ballade singt und die Zuhörer in den Refrain einstimmen, sind nicht nur die Füße, sondern auch die Fans selbst so richtig „aufgetaut“.

• Chuck Plaisance aus New Orleans setzt am 11. Februar, 20 Uhr, die Reihe „Kultur am Donnerstag“ mit einem Konzert im „Liberty‘s“ in Harpstedt fort. Er steht für eigenwillige Interpretationen von Rock-Klassikern, gepaart mit einer Prise Blues und Cajun. 1986 nach Los Angeles übergesiedelt, unterrichtete er am Musiker-Institut in Hollywood für 18 Jahre im Bereich Gesang. Es folgten Studioaufnahmen und die Leitung eines Synclavier-Studios für Chris Currel von Michael Jacksons „Bad“-Band.

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