Abschied vom Pastorenpaar Rucks

„Als wir kamen, war die Gemeinde in einer Umbruchsituation“

Traditionshüter wollen sie nicht sein: Hanna und Timo Rucks.
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Traditionshüter wollen sie nicht sein: Hanna und Timo Rucks.

Harpstedt – Begeistert waren sie damals nicht, als sie das erste Mal nach Harpstedt fuhren, um sich dem Kirchenvorstand vorzustellen. Hanna Rucks und ihr Mann Timo hatten sich ihre erste gemeinsame Pfarrstelle in oder im näheren Umkreis von Hannover gewünscht. Denn Timo Rucks wollte nach seinem Vikariat mit dem Schwerpunkt Medien gerne weiter in der evangelischen Rundfunkarbeit bleiben.

Die Gemeinde, die indes die Landeskirche für sie vorgesehen hatte, lag ganz woanders. Und bis zum Dienstbeginn verblieben keine zwei Monate. Die Wohnung war gekündigt. Hanna Rucks stand kurz vor der Entbindung des zweiten Kindes. Sie erinnert sich noch genau an die Stimmung auf der Fahrt zum Vorstellungsgespräch. Und an ihren ersten Eindruck von Harpstedt, dem Ort, aus dem sie sich nun, 2022, verabschieden: „Eine normale deutsche Dorfstraße. Einige alte Häuser, die Kirche und die Anlage drumherum waren schon schön. Aber für uns sah es erst mal aus wie überall.“

Es war völlig okay, dass wir gleich mit irgendwas loslegen wollten. Diese Offenheit war sehr cool.“

Timo Rucks

Auf der Rückfahrt, nach dem Kennenlernen einiger Kirchenvorstandsmitglieder, hatte sich der Blick schon etwas geändert. „Da habe ich gedacht: Heute sagt es uns überhaupt nichts, aber all das wird einmal für uns ganz anders aussehen. Wenn wir hier eine Weile gelebt haben, Beziehungen zu den Menschen haben und in den Häusern waren, dann wird es uns Heimat und lieb sein. Und so war es auch. Wir sind sehr glücklich geworden hier in der Gemeinde“, resümiert Hanna Rucks. „Dass wir anfangs lieber woanders hinwollten, hatte ja auch nie was mit Harpstedt selbst oder den Leuten hier zu tun“, ergänzt ihr Mann.

Der erste Eindruck liegt siebeneinhalb Jahre zurück. Seither kamen privat noch zwei Kinder dazu (Lea ist heute neun, Simon sieben, Elli fünf und Jonathan vier Jahre alt) – sowie dienstlich viele Erlebnisse und Erfahrungen.

Die Gemeinde verdankt Timo Rucks nicht nur eine lebendige Jugendarbeit. Der Pastor organisierte Freizeiten, baute die Medienarbeit der Gemeinde aus, streamte als erster in der Landeskirche Veranstaltungen und machte mit Technik aus Harpstedts Christuskirche ein modernes Veranstaltungszentrum. Seine Frau engagierte sich etwa in der Flüchtlings- und Familienarbeit.

„Als wir kamen, war die Gemeinde in einer Umbruchsituation. Sie hatte mit Werner Richter und Gunnar Schulz-Achelis zwei sehr prägende Persönlichkeiten gehabt und war es gewohnt, dass die Pastoren viele Ideen einbringen und Projekte anreißen“, erinnert sich das Ehepaar Rucks. „Von daher erwartete keiner von uns, erst mal alles ein Jahr lang anzugucken und kennenzulernen. Es war völlig okay, dass wir gleich mit irgendwas loslegen wollten. Diese Offenheit war sehr cool.“

Er ist nicht so der Intellektuelle.“

Hanna Rucks über ihren Mann

Dass die Eheleute nicht nur als Paar und zu Hause mit den vier Kindern, sondern auch bei der Arbeit ein (Pastoren-)Team sind, die Stärken und Schwächen des anderen kennen und versuchen, sich gegenseitig zu unterstützen, merkt schnell, wer sie zusammen erlebt. Liebevoll, aber schonungslos ärgern und ergänzen sie sich gegenseitig.

„Ich brauche Hanna beim Predigtschreiben ständig, denn ich bin ein dummer Pastor“, übertreibt Timo Rucks. „Ich kann Veranstaltungstechnik, links und rechts schrauben, bin gut mit meinen Händen; ich kann gut platt raus eine alltagsnahe Predigt halten – aber Griechisch, Hebräisch, Latein…“

„Er ist nicht so der Intellektuelle“, foppt ihn seine Frau. „Ich lese seine Predigten auf die theologischen Aussagen durch, ob sich etwas widerspricht. Und er liest meine durch, ob man sie versteht oder ob sie zu kompliziert sind. Es ist für alle gut, dass wir da eng zusammenarbeiten.“ Auch in der Gemeindearbeit „bin ich auf meine Frau angewiesen“, gesteht Timo Rucks. „Denn mich alleine würde eine Kirchengemeinde nicht aushalten können“, meint der 37-Jährige selbstkritisch. „Hier in unserer Landeskirche braucht man schon noch einen Traditionshüter, und das bin ich nicht.“ Hanna Rucks formuliert diplomatischer: „Es braucht immer noch jemanden, der das Verbindende und ,Normale‘ im Arbeitsalltag abdeckt.“

Zwar ist Hanna gebürtige Schweizerin, aber es sind meine Themen, die uns nun in die Schweiz führen.“ 

Timo Rucks

An diesem Sonntag verabschiedet sich das Paar im Rahmen eines Baustellengottesdienstes mit dem Titel „Finale“ von der Gemeinde (Anmeldungen dafür sind nicht mehr möglich). Ab Februar wird Familie Rucks in Langenthal in der Schweiz leben und arbeiten. „Zwar ist Hanna gebürtige Schweizerin, aber es sind meine Themen, die uns nun dorthin führen“, erzählt Timo Rucks. In der neuen Gemeinde „geht’s ganz stark um Modernisierung, um Öffentlichkeitsarbeit mit Social Media, um moderne Gottesdienste und Jugendarbeit. Das, was ich mache und machen möchte. Die Stelle hat aber uns beide interessiert. Der Kirchenvorstand dort hat schnell gemerkt, wer wir sind und was wir wollen, und dann so lange ,gezogen’, bis wir nicht mehr Nein sagen konnten.“

Von jedem Ort ist etwas in uns drin geblieben.“

Hanna Rucks

Nach dem kommenden großen „Finale“ in der Christuskirche wird die Familie auf der „normalen deutschen Dorfstraße“, die für sie einmal wie jede andere auf der Welt aussah, noch einmal durch Harpstedt fahren – an all den Häusern und Stätten vorbei, die sie jetzt mit Geschichten und Menschen verbindet. „Wir werden vieles vermissen, aber wir freuen uns aufs Neue“, sagt Hanna Rucks. „Timo und ich sind in unserem Leben so oft umgezogen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass man Beziehungen auch über die Entfernung halten kann und dass die Trauer um das Alte nicht ständig bleibt. Von jedem Ort ist etwas in uns drin geblieben. Und das wird hier, wo die Kinder aufgewachsen sind, besonders so sein.“  eb/Quelle: kirchenkreis-syke-hoya.de

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