Kerstin Wolle ist fassungslos über „so viel Niedertracht“ / Entwendete Summe auf 150 bis 200 Euro geschätzt

„Post mit Trauerkarten geöffnet und Geld daraus gestohlen“

Verdächtig hätten viele Kuverts nach der Zustellung ausgesehen; etwa ein Drittel von rund 200 Briefen sei geöffnet und wieder verschlossen worden, sagt Kerstin Wolle.
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Verdächtig hätten viele Kuverts nach der Zustellung ausgesehen; etwa ein Drittel von rund 200 Briefen sei geöffnet und wieder verschlossen worden, sagt Kerstin Wolle.

Harpstedt/Beckeln – Wie tief kann ein Mensch eigentlich noch sinken, der Geld aus Umschlägen mit Trauerkarten stiehlt? Opfer einer solchen Straftat ist – eigenen Schilderungen zufolge – Kerstin Wolle aus Harpstedt nach dem Tod ihres Vaters geworden. Sie hat inzwischen Anzeige erstattet.

Die 48-Jährige sagt, sie habe die Trauerpost direkt an der Haustür angenommen. Will heißen: Diese Briefe können eigentlich nur durch die Hände der Post gegangen sein. Gibt es dort ein „schwarzes Schaf“ mit krimineller Energie? Und wenn ja, wo genau (die Stempel verweisen auf das Briefzentrum Bremen)? Oder hat sich ein „Dritter“ – wie auch immer – der Briefe bemächtigen können? Das müssen nun die Ermittlungen ergeben.

„Ich finde, was uns  passiert ist, gehört an die Öffentlichkeit. Das ist doch einfach ein Unding“, sagt die Geschädigte – noch immer geradezu fassungslos.

Nach dem Tod ihres Vaters seien etwa zwei Drittel der Trauerbriefe per Post gekommen, und zwar auffällig spät: „Die Todesanzeige stand am Samstag in der Zeitung. Zunächst erreichten uns ausschließlich Trauerbriefe, die persönlich in unseren Briefkasten geworfen wurden. Tagelang kam kein einziger mit der Post. Darüber habe ich mich natürlich gewundert. Das fand ich ausgesprochen merkwürdig. Am Freitag, dem Tag der Beerdigung, brachte der Briefträger dann massenhaft Post von Kondolierenden“, erinnert sich Kerstin Wolle. Sie habe den Zusteller direkt abgepasst: „Ich bat ihn, mir den Rest der Briefe in die Hand zu geben. Die hätten ohnehin gar nicht mehr in den Postkasten gepasst, den mein Bruder sofort leerte. Als meine Mutter am nächsten Morgen die Briefe sichten wollte, bekam sie gleich beim ersten die innen festklebende Trauerkarte gar nicht aus dem Umschlag heraus. Daraufhin hat sie sich die Rückseite der Kuverts genauer angeschaut. Ihr fielen viele Umschläge auf, die merkwürdig aussahen – nämlich so, als seien sie aufgerissen und dann wieder zugeklebt worden. Wie sich herausstellte, klebten gleich etliche Trauerkarten von innen fest“, schildert Kerstin Wolle.

Ihre Cousine habe selbst lange bei der Post gearbeitet. „Sie nutzte ihre früheren Kontakte und recherchierte ein bisschen. Sie sagte dann zu mir, die Post könne in der Angelegenheit selbst erst tätig werden, wenn es zu einer Anzeige gekommen sei. Wir haben den Diebstahl daraufhin natürlich angezeigt, und zwar beim Kommissariat in Wildeshausen. Am Tag darauf hat sich die Harpstedter Polizei bei uns gemeldet. Da musste meine Mutter dann auch noch hin“, erinnert sich Kerstin Wolle.

In Beckeln seien übrigens Trauernde in gleicher Weise geschädigt worden. Auch dort habe sich die Polizei nach dem Vorfall erkundigt.

Dass Geld fehlte, konnten Kerstin Wolle und ihre Angehörigen an Umschlägen nachvollziehen, in denen trotz klarer Hinweise auf den Trauerkarten wie „Anbei 20 Euro für Grabpflege“ kein Bares lag. Um welchen Betrag die Familie insgesamt gebracht worden sei? Da kann die Harpstedterin nur schätzen: „Das dürfte sich zwischen 150 und 200 Euro bewegen. Etwa ein Drittel der rund 200 Trauerbriefe ist geöffnet worden. Es gab neben kleineren auch größere Beigaben. Wir wissen von mehreren Leuten, die 40 Euro in den Umschlag gelegt hatten. Auch dieses Geld war weg.“

Begünstigt womöglich Corona diese spezielle Form des Diebstahls indirekt? Darüber macht sich Kerstin Wolle so ihre Gedanken. Fakt ist: Trauerfeiern müssen sich in der Pandemie auf einen sehr engen Teilnehmerkreis beschränken. Das heißt, dort werden kaum noch Trauerkarten persönlich übergeben; als Folge davon müssten deutlich mehr mit der Post verschickt werden. Das wiederum könnte bei Kriminellen die Diebstahl-Versuchung erhöhen.

Kerstin Wolle geht es darum, die Mitbürger zu sensibilisieren – und zwar dahingehend, dass sie nicht gedankenlos Geld in Umschläge legen und als Normalbrief verschicken. Besser wäre es, solche Post persönlich abzugeben. Doch das scheidet für Leute, die nicht in der Nähe der Trauernden wohnen, aber trotzdem Anteil nehmen möchten, als Option aus.

Was also tun? Sollten Angehörige schon in der Traueranzeige vermerken, dass von Bargeldzuwendungen besser abzusehen sei? Stattdessen könnte eine IBAN für Überweisungen mit Zweckbestimmungen wie „Grabpflege“ oder „Ausbildung der Kinder“ angegeben werden. In Fällen, in denen das Geld einer gemeinnützigen Einrichtung zukommen soll, wird diese Variante durchaus schon mal gewählt. Sind die Beträge aber für den Eigenbedarf bestimmt, könnte Pietätlosigkeit vermutet und der Eindruck erweckt werden, die Trauernden hätten es auf die Zuwendungen geradezu abgesehen.

Die Deutsche Post AG empfiehlt zur Risikominimierung den Service „Wert National“, auch Wertbrief genannt. Dafür zahlt der Kunde zwar einen nicht ganz unerheblichen Aufpreis, bekommt aber auch eine echte Gegenleistung: Verschwindet aus dem Umschlag Bares bis zu 100 Euro, haftet die Post.

Eine Trauerkarte mit Geld in ein Kuvert ohne „Trauerflor“ zu stecken und als Normalbrief zu verschicken, kann Kerstin Wolle aus eigener Erfahrung indes ausdrücklich nicht empfehlen, denn: „Wir hatten auch viele Umschläge ohne schwarzen Rand, die geöffnet und wieder verschlossen worden waren“, erzählt sie.

Dafür, dass überhaupt Diebe Trauerbriefe öffnen, um das Geld daraus zu stehlen, kann die 48-Jährige kaum Worte finden. Das sei nicht nur dreist, sondern schäbig und abgrundtief niederträchtig. Doch das den Hinterbliebenen zusätzlich zugefügte Leid lässt die Täter offenkundig kalt.

Unsere Zeitung bemüht sich um eine Stellungnahme der Post – bislang aber ohne Erfolg.  boh

Sie hofft darauf, dass der Täter gefasst wird: Kerstin Wolle aus Harpstedt.

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