Mit piepender Lebendfracht

Das ungewöhnlichste Geschenk in 50 Jahren Gemeindepartnerschaft: 57 Poularden-Küken

Frisch aus dem Ofen: Günter Nehlig hat gebacken.

Harpstedt/Loué - Von Jürgen Bohlken. Erika Hormann, seit Jahrzehnten über den Gemischten Chor Harpstedt und anfänglich auch als Fleckenratsmitglied in die Gemeindepartnerschaft mit Loué involviert, hat in das eine oder andere Gastgeschenk viel Herzblut gesteckt.

Etwa in eine schmucke Batikarbeit für den Louéser Chor oder eine Fahne für den Rat der französischen Partnerstadt – jeweils mit der Harpstedter Harfe als Motiv. Das mit Abstand ungewöhnlichste Präsent aber kam 1982 von französischer Seite: Beim Frühstücken im Salle des Fêtes zum Ausklang des Besuches des Gemischten Chors Harpstedt in Loué, damals zusammen mit Ratsmitgliedern, hüpften plötzlich 57 putzige Hühnerküken auf Tischen und Tellern herum.

Dieses sehr „lebhafte“ Geschenk, das die Gäste möglichst lebendig nach Hause bekommen mussten, kam nicht von ungefähr. Die „Poulets de Loué“ haben die Kleinstadt an der Vègre weithin bekannt gemacht; die Poularden gelten als Louéser Exportschlager. Verbraucher in ganz Europa schätzten sie schon früher als hervorragende Fleischhühner. „Wir haben sogar die Schlachterei gesehen. Aus Gründen der Hygiene wurden wir mit Hauben und Mäntelchen aus Folie eingekleidet und sahen darin recht lustig aus. Wir bekamen eine Vorstellung davon, wie groß die Poularden werden können – geradezu riesig im Vergleich mit hiesigen Hähnchen“, erinnert sich Erika Hormann.

Die Lebendfracht aus der Partnerstadt verstaute der Harpstedter Chor für die Rückreise in einem großen Karton. Thea Eiskamp betreute die Jungtiere während der ganzen Busfahrt. Zusammen mit Horst Winter versorgte sie die Küken mit Futter und Wasser. Beides hatten die Gastgeber den Gästen mit auf die Reise gegeben.

Die Aufzucht der Tiere übernahm Horst Winter. Unsere Zeitung berichtete damals darüber.

„Wir wussten, dass an der Grenze manchmal noch Beamte durch die Busse gingen, um zu kontrollieren. Wir hatten Angst, mit den lebenden Tieren erwischt zu werden. Unser Bus hielt deshalb ein ganzes Stück vor der belgisch-deutschen Grenze an. Der Fahrer ist ausgestiegen und mit den Papieren direkt zur Grenzstation gegangen, damit die Beamten das Piepen der Küken nicht hörten. Das war eine spannende Sache zu nächtlicher Stunde, bis wir zu unserer Erleichterung durchgewunken wurden“, erzählt Erika Hormann.

In Harpstedt zog Horst Winter die Küken auf seinem Grundstück am Hopfenweg groß. Er brachte sie durch den Winter – und binnen vier Monaten zur Schlachtreife. Die Küken sollten, so der Wunsch der Louéser, aufwachsen wie die „Poulets“ in ihrer Region – der Sarthe. Das schloss ein, ihnen auch in der kalten Jahreszeit freien Auslauf zu gewähren.

Am Ende kamen sie für einen Festschmaus unters Messer. „Das Rupfen übernahmen Sängerinnen aus dem Chor“, entsinnt sich Erika Hormann. Im Februar 1983 wanderten die geschlachteten Poularden zunächst in die Gefriertruhe.

Im April wurden sie, lecker zubereitet, im Harpstedter Koems-Saal aufgetischt. Chormitglieder, deren Partner und Gäste taten sich gütlich daran. „Gertrud Bädeker, Waltraud Ganswindt und ich hatten die Poulardenhälften zuvor gewürzt und bratfertig gemacht, ehe sie Günter Nehlig in den Ofen der Bäckerei Knolle schob“, weiß Erika Hormann.

Erika Hormann, Gertrud Bädeker und Waltraud Ganswindt (von links) beim Würzen der Poulardenhälften.

Viele Besuche und Gegenbesuche der beiden Chöre, die 2007 das 25-jährige Bestehen „ihrer“ Partnerschaft in Loué feierten, hat die Harpstedterin miterlebt, teils zusammen mit ihrem Mann Ehler. Mittlerweile ist sie 79. Das Alter vieler Sangesfreunde macht sich bemerkbar. Die Anstrengung, ohne Schlafpause die 1 000 Kilometer bis Loué zurückzulegen und schon „groggy“ in das Besuchsprogramm einzusteigen, tut sich der Gemischte Chor Harpstedt nicht mehr an. 

Während der Anreise in einem Motel – auf französischem Boden hinter der Grenze zu Belgien – zu übernachten, hat sich bewährt. „Wir haben uns auch schon mal irgendwo in der Mitte getroffen“, erinnert sich Erika Hormann: Anlässlich des Europäischen Jahres der Musik fuhren die beiden Partnerchöre im Juni 1985 nach St. Dié in die Vogesen. „Das hat allen gut gefallen. Jeder wurde bedient. Niemand musste Gäste beherbergen, bekochen und bewirten. Dadurch hatten alle Zeit füreinander. Genächtigt haben wir in einem großen Familienhotel. Ein bisschen wie eine Jugendherberge, aber besser ausgestattet. Ich selbst teilte ein Acht-Bett-Zimmer mit anderen Sängerinnen. Da herrschte ein ganz schönes Gewusel, aber das hat richtig Spaß gemacht“, erzählt Hormann.

Wegen der guten Erfahrungen mit dieser Begegnung gab es in Trier eine „Neuauflage“, diesmal aber von Harpstedter Seite in die Wege geleitet. „Da haben wir den Franzosen ein richtig schönes Stück Deutschland gezeigt“, sagt Erika Hormann.

Der „tonangebende“ Motor des Chor-Austausches sei im Gemischten Chor Harpstedt seit eh und je dessen musikalischer Leiter Steffen Akkermann. „Er selbst ist ja sehr fit im Französischen. Wir anderen Chormitglieder waren hingegen zu einem großen Teil der Sprache nicht so mächtig, als wir die ersten französischsprachigen Lieder einstudieren sollten. Steffen hat uns oft üben lassen. Übrigens auch jetzt wieder – für das kommende Konzert im Rahmen der Feierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen der Gemeindepartnerschaft im Oktober“, verrät Erika Hormann.

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