Vier Heime reichen offenbar nicht mehr aus

Pflegenotstand auch in der Samtgemeinde Harpstedt

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Es gibt sie noch – junge Menschen mit Interesse an Pflegeberufen. Am „Zukunftstag“ hat Anna Scherde (14) aus der Klasse O8b der Oberschule Harpstedt ihre Mutter Birgit im „Haus Beckeln“ bei der Arbeit unterstützt.

Harpstedt/Beckeln/Klosterseelte/Groß Ippener - Von Jürgen Bohlken. Einwohner aus der Samtgemeinde Harpstedt können sich glücklich schätzen, wenn sie für pflegebedürftige Angehörige noch stationäre Plätze innerhalb des Landkreises Oldenburg finden.

Eheleute, die einander jahrzehntelang Seite an Seite beigestanden haben, verbringen ihren Lebensabend notgedrungen vorübergehend oder dauerhaft getrennt – in unterschiedlichen Senioreneinrichtungen. Wer einen Pflegeplatz sucht, der darf nicht mehr wählerisch sein. Auch in der Samtgemeinde Harpstedt nicht. Und das, obwohl es mit dem Hildegardstift in Groß Ippener, dem DRK-Seniorenzentrum, dem „Haus Beckeln“ und der „Klosterseelter Altenpension“ gleich vier Altenheime gibt. Inzwischen lautet die Antwort auf Anfragen zumeist: „Wir sind komplett belegt.“ Da bereits die vollstationäre Pflege die Kapazitäten nahezu auffrisst, kann besonders die Kurzzeit-Nachfrage nicht mehr hinreichend bedient werden. 

Pflegende Familienmitglieder, die sich eine Auszeit gönnen möchten oder einen gerade aus dem Krankenhaus entlassenen Angehörigen vorübergehend in einem Seniorenheim gut versorgt wissen wollen, gucken in die Röhre. 71 Pflegeplätze hält allein das DRK-Seniorenzentrum Harpstedt vor. „Frei“ ist kein einziger. Einen Heimplatz zu bekommen, könne Monate dauern, weiß Einrichtungsleiterin Hellen Müller. 

Wer eine Unterbringung in einem Doppelzimmer akzeptiere, warte weniger lange als derjenige, der unbedingt ein Einzelzimmer wolle. „Der demografische Wandel ist Wirklichkeit. Die Lebenserwartung steigt – und damit auch die Zahl der Pflegebedürftigen“, sagt Müller, die ein Gerontologie-Studium mit dem „Master of Arts“ abgeschlossen hat. Ein fünftes Pflegeheim in der Samtgemeinde würde nach ihrer Ansicht mittlerweile Sinn machen. „Aber woher soll das nötige Personal kommen?“, fragt sie sich. Das sei doch das eigentliche Problem. Die für die schwere Arbeit deutlich zu geringe Vergütung gilt als eine der Hauptursachen des Pflegenotstands. 

Die Politik habe „sehr viel falsch gemacht“, urteilt eine in der Samtgemeinde tätige Altenpflegerin, die nicht namentlich genannt werden möchte (Name ist der Redaktion bekannt). Prüfbehörden verschärften die Misere noch – durch Abziehen von Pflegefachkräften. Stellen beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen seien wegen der Aussicht auf geregelte Arbeitszeiten und einen beruflichen Alltag ohne körperliche und psychische Dauerbelastung durchaus begehrt. Auf der anderen Seite könnten Betten, so etwa in Delmenhorster Altenheimen, wegen Personalmangels teils nicht mehr belegt werden. 

Die vorgeschriebene Fachkräftequote von mindestens 50 Prozent sei zwar in der Sache richtig, um die Qualität der Pflege zu wahren; sie sorge aber eben auch dafür, dass kaum noch examiniertes Personal zu bekommen sei. Zugleich werde es immer schwieriger, Hilfskräfte zu finden, „die mit Menschen umgehen können“. Und was die Maßnahmen der Arbeitsagentur angehe, so sei es doch ziemlich fragwürdig, Zugewanderte aus muslimischen Kulturkreisen auszubilden, „deren Religion es ihnen verbietet, sonntags zu arbeiten“. Die „Klosterseelter Altenpension“ bekomme schon mal Anfragen von Arbeitssuchenden aus Osteuropa, verrät Heimleiterin und Geschäftsführerin Anja Westermann. 

Doch das ende nicht selten im „bürokratischen Nirwana“, bedauert sie. „Aktuell gibt es keine einheitliche und klare Regelung zur Fachkräfteeinwanderung. Weder der Landkreis als Kontrollinstanz/Heimaufsicht noch die Agentur für Arbeit unterstützen die Bewerber in der Bearbeitung und Prüfung ihrer Anträge und Unterlagen zur Anerkennung ihrer fachlichen Qualifikation in Deutschland.“ Das ernüchternde Ergebnis: Die dringend benötigte ausländische Pflegefachkraft könne nicht im Unternehmen eingesetzt werden. Das „Haus Beckeln“ hält 22 Pflegeplätze vor. Davon sind 16 derzeit belegt. Warum nicht alle? Weil wegen laufender Renovierungsarbeiten momentan nicht sämtliche Zimmer nutzbar sind. Täglich gehen zwei oder drei Anfragen ein. Aus manchen spricht hörbare Verzweiflung. Das klingt dann etwa so: „Ich habe schon zehn Heime abtelefoniert, aber nirgends einen Pflegeplatz für meine Mutter gefunden.“ 

Den in großen Nöten steckenden Angehörigen absagen zu müssen, empfinden diejenigen, die das tun müssen, oft genug nicht nur als unangenehm, sondern darüber hinaus als psychisch belastend. Anja Westermann erzählt von aktuell „fünf oder sechs Leuten“, die zu Hause sitzen und auf einen Platz warten. Die schlichte – wenn auch makabre – Wahrheit: „Frei“ wird nur etwas, wenn einer der Bewohner verstirbt. „Bei uns hat es seit November 2018 keinen Todesfall mehr gegeben“, berichtet Westermann. Das Hildegardstift hatte hingegen kürzlich einen zu beklagen. Doch den dadurch freigewordenen 85. von insgesamt 85 Plätzen wieder zu vergeben, wird maximal einige Tage dauern.

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