Das Virus ist unberechenbar

„Ein bisschen spooky“ – Wie ein Ehepaar aus Harpstedt Corona am eigenen Leib erlebte

Er raucht, sie nicht: Trotzdem durchlitt Teresa Vollstedt-Jokmin einen deutlich schwereren Krankheitsverlauf als ihr Mann Peter. Das Ehepaar wohnt im Harpstedter Neubaugebiet „Schulstraße-West“.
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Er raucht, sie nicht: Trotzdem durchlitt Teresa Vollstedt-Jokmin einen deutlich schwereren Krankheitsverlauf als ihr Mann Peter. Das Ehepaar wohnt im Harpstedter Neubaugebiet „Schulstraße-West“.

Als Raucher musste Peter Jokmin (62) einen schwereren Krankheitsverlauf befürchten als seine nicht rauchende Frau Teresa Vollstedt-Jokmin (59). Tatsächlich aber setzte Corona ihm weit weniger zu als ihr. Intensivmedizinisch behandelt oder gar beatmet werden mussten beide nicht. Die Unberechenbarkeit des Virus ist ihnen, den allerersten positiv auf Sars-CoV-2 Getesteten in der Samtgemeinde Harpstedt, am eigenen Leibe aber sehr bewusst geworden.

Harpstedt – Der beim Baustoffhandel Raab Karcher in Stuhr beschäftigte Groß- und Außenhandelskaufmann sowie seine Gattin, Regionalleiterin beim Pharma-Unternehmen Berlin-Chemie, hatten von Ende Februar an einen Skiurlaub in dem zu jener Zeit kaum belebten Ort Stava nahe Cavalese in Südtirol genossen. Die meiste Zeit verbrachten die beiden Harpstedter auf der Piste. Gönnten sie sich zwischendurch ein Getränk oder einen Snack in der Gastronomie, saßen sie draußen auf der Terrasse allein am Tisch. Nach Hüttengaudi, Après-Ski und Party stand ihnen nicht der Sinn. Die sportliche Betätigung an der frischen Luft forderte ihren Tribut und ließ die Urlauber abends zumeist zeitig zu Bett gehen.

„Wir müssen uns im Hotel angesteckt haben. Vielleicht sogar in der Sauna. Dort überträgt sich das Virus ja besonders leicht. Nach dem Skifahren haben wir immer zwei oder drei Saunagänge gemacht“, erinnert sich Peter Jokmin. Noch in Südtirol passierte seiner Frau etwas Eigenartiges, das sie rückblickend vermuten lässt, das Virus schon damals in sich getragen zu haben: Sie legte sich nach einem Saunagang aufs Bett, schaltete den Fernseher ein und bekam aus heiterem Himmel kurzzeitig Luftnot. Sie erklärte sich den Vorfall zuerst mit der gekrümmten Haltung beim Liegen, doch er wiederholte sich in ganz ähnlicher Form.

Gut erholt zurück aus dem Skiurlaub – und keine Spur von Corona-Symptomen

Bei Reiseantritt des Ehepaars galt Südtirol noch nicht als Risikogebiet. Das änderte sich mit der Rückreise am Sonnabend, 7. März. Tags zuvor hatte Peter Jokmin einen Anruf von seinem Chef bekommen. Der teilte ihm mit, ab sofort müssten sich alle Rückkehrer aus Risikogebieten direkt in häusliche Quarantäne begeben. Die Jokmins hielten sich gleich nach ihrer Ankunft in Harpstedt daran. In Österreich hatten sie noch Einkäufe erledigt. Beiden ging es blendend. Sie fühlten sich gut erholt und pudelwohl. Keine Spur von Krankheitssymptomen.

Nach dem Wochenende wollte sich das Ehepaar in der Überzeugung, sich nicht mit Sars-CoV-2 angesteckt zu haben, testen lassen, um schnellstmöglich wieder zur Arbeit gehen zu können.

Am Montag fuhren die Jokmins mit hausärztlicher Überweisung zum damals gerade im Aufbau befindlichen Testzentrum im Klinikum Bremen-Mitte. Zunächst fühlten sie sich dort unerwünscht und behandelt wie Leute, die besser zu Hause geblieben wären, zumal ihnen augenscheinlich nichts fehlte. Als sie aber ihre eigene Rückkehr aus Südtirol erwähnten, schrillten die Alarmglocken: Einer Ärztin fielen 17 zuvor positiv getestete Urlauber eines Bremer Clubs ein, darunter jemand, der zwei Wochen zuvor aus China zurückgekehrt war. Wie sich herausstellte, hatte genau diese Gruppe in dem Hotel Zimmer gebucht, in dem zeitgleich das Paar aus Harpstedt seinen Urlaub genoss.

Ehepaar aus Harpstedt mit Corona: Erst hat er Symptome, dann auch sie

Das Testergebnis kam sehr schnell: Einen Tag nach den Abstrichen, am Dienstag, 10. März, wussten die Jokmins: „Wir haben uns beide infiziert.“ Schon am Mittwoch bestätigte sich das positive Testergebnis durch erste Symptome. Und zwar zunächst bei Peter Jokmin.

„Am Morgen bemerkte ich Anzeichen einer Erkältung und wunderte mich über heftige Gliederschmerzen“, erzählt er. „Richtig merkwürdig aber waren die Kopfschmerzen, die mich an den folgenden 17 Tagen zu Hause die ganze Zeit über begleiteten. Das kannte ich bis dato gar nicht. Wenn ich überhaupt mal Kopfschmerzen kriegte, was selten passierte, dann kamen sie in Attacken von vielleicht 20- oder 30-minütiger Dauer. Da reichte ein kurzer Spaziergang an der frischen Luft, und alles war wieder vorbei“, erläutert der 62-Jährige. Seinen Geschmackssinn verlor er durch Corona nicht – oder kaum merklich. Der leichte Husten und das leichte Fieber gaben keinen Anlass zur Beunruhigung. „Was aber ganz ausgeprägt war: Ich fühlte mich total schlapp und lag den ganzen Tag auf der Couch. Jede Bewegung strengte mich enorm an. Wenn ich in den ersten Stock unseres Hauses ging, war ich nach nur 16 Treppenstufen klitschnass geschwitzt“, entsinnt sich der Harpstedter.

Coronavirus: Zustand von Teresa verschlechtert sich stark

Mit leichter zeitlicher Verzögerung brach Covid-19 bei seiner Frau aus. Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends so sehr, dass sich der Gatte ernsthaft Sorgen um sie zu machen begann. Dabei war der Verlust des Geruchssinns das kleinste Problem. „Direkt nach dem Urlaub hatte ich zunächst im Homeoffice meine Arbeit erledigt. Am Donnerstag konnte ich mich dann plötzlich nicht mehr richtig konzentrieren. Mir war klar: Da passiert etwas in meinem Körper. Ich fühlte mich schlapp. Am Freitag ging die Körpertemperatur beängstigend hoch. Danach hatte ich eine Woche lang 40 Grad Fieber. Das war schlimm und machte mir richtig zu schaffen, zumal ich selten krank bin“, sagt die Harpstedterin.

„Ein bisschen spooky“: Männer in Vollschutzanzügen bringen Teresa ins Krankenhaus

Als sie im Fernsehen die Bilder aus Bergamo vom Transport zahlreicher Corona-Todesopfer in Militärlastern sah, fragte sie sich, allmählich um ihr eigenes Leben bangend: „Hallo, was läuft denn hier jetzt für ein Film ab?“ Fiebersenkende Medikamente drückten ihre Körpertemperatur bestenfalls kurzzeitig um etwa anderthalb Grad. Auf hausärztlichen Rat ließ sich die 59-Jährige schließlich mit dem Krankenwagen von Männern in Vollschutzanzügen und mit FFP2-Masken zum Johanneum nach Wildeshausen bringen, was „ein bisschen spooky“ gewesen sei. Durch den Hintereingang ging’s direkt in die Röntgenstation; auch eine Blutentnahme war nötig. Im Krankenhaus glaubte die Harpstedterin die Angst des medizinischen Personals vor der noch neuen Krankheit förmlich zu spüren. Dass sie nicht auf Station musste, sondern wieder nach Hause durfte, nahm sie mit Erleichterung zur Kenntnis.

Sie erholte sich. Das Fieber ging zurück. Die Lunge war angegriffen, stellte sich bei einem späteren CT heraus. „Sie hat sich aber schon wieder ein gutes Stück von der Krankheit erholt“, weiß Teresa Vollstedt-Jokmin.

Geblieben sind kleine Konzentrationsschwächen – bei ihr selbst, aber auch bei ihrem Mann. Beiden fallen schon mal Worte oder deren Schreibweise nicht auf Anhieb ein. Das empfinden sie aber nicht wirklich als Beeinträchtigung; damit können sie problemlos leben.

Die Jokmins haben sich inzwischen ausgiebig mit Covid-19 beschäftigt – sie sogar noch mehr als er – und wissen: Es gibt weit schwerere Spätfolgen. Organschädigungen können die Lunge genauso treffen wie Niere, Herz oder auch Gehirn.

Ehepaar aus Harpstedt: Impfen lassen gegen Corona wollen sich beide

Der große Respekt vor der Krankheit der beiden Genesenen aus Harpstedt ist geblieben. Zugleich fühlen sie sich erleichtert, Corona überstanden zu haben, was die Hoffnung nährt, sich kein zweites Mal anzustecken. Wie lange sie immun sind, kann ihnen aktuell kein Experte sagen. Impfen lassen werden sich beide, sobald sich die Gelegenheit ergibt. Für „Querdenker“, die ihre Freiheitsrechte über das Recht aller auf Leben und körperliche Unversehrtheit stellen, können sie kein Verständnis aufbringen. Auf den Virologen Christian Drosten, „einen fähigen Mann“, lassen sie nichts kommen. Die aktuelle Strategie von Bund und Ländern, der Pandemie „in Salamitaktik“ mit moderaten Beschränkungen Herr zu werden, ist ihnen zu halbherzig. Einen knallharten Lockdown über vielleicht vier Wochen hielten sie für weit effizienter, zielführender und letztlich auch weniger schädlich für die Wirtschaft.

Die schrecklichen Bilder aus Italien weckten große Ängste bei dem Harpstedter Ehepaar: Hier segnet ein Priester etliche Särge in Seriate, einer Gemeinde in der italienischen Provinz Bergamo.

Ein dickes Lob zollen die Jokmins der Harpstedter Arztpraxis Schmidt-Ahlers/Staus/Melkau, die sich während der Quarantäne oft sogar mehrmals täglich nach ihrem Befinden erkundigte. Gleichermaßen dankbar sind sie guten Freunden und Nachbarn: Mitbürger erledigten auf Anruf regelmäßig Besorgungen für die Erkrankten und stellten die Einkäufe vor die Haustür, mitunter sogar zusätzlich Kuchen oder andere Aufmerksamkeiten. „Sie waren sehr mitfühlend. Sie haben uns bestens versorgt, sind dabei ausgesprochen vorsichtig gewesen und aus Sorge um ihre eigenen Eltern keinerlei Risiko eingegangen. Sie wollten zunächst nicht mal Geld für die eingekauften Dinge von uns. Es reiche aus, die Beträge nach der Quarantäne zu überweisen, bekamen wir gesagt. Als die Einkäufe gebracht wurden, haben wir die Tür nicht aufgemacht. Das ging alles kontaktlos über die Bühne“, berichtet Peter Jokmin.

Ehepaar aus Harpstedt macht gute Erfahrungen mit dem Gesundheitsamt

Auch über das Gesundheitsamt können er und seine Frau nur Gutes sagen. Die Behörde habe sofort Kontakt aufgenommen – und gehalten. „Bei Fragen hätten wir dort jederzeit anrufen können. Man hat uns genau erklärt, was wir in der Quarantäne dürfen und was nicht. Wir wurden gebeten, regelmäßig Fieber zu messen, die Werte zu notieren und den Verlauf der Krankheit insgesamt mit allen Symptomen in Diagrammform genau aufzuschreiben. Das haben wir penibel eingehalten“, erzählt Peter Jokmin.

Ebenfalls bemerkenswert: Nach Quarantäne und Genesung benahm sich das Umfeld völlig normal gegenüber den Jokmins. Leute, die sich betont fernhielten, sind ihnen zumindest nicht aufgefallen. Was das Paar den Mitbürgern aufgrund der eigenen Krankheitsgeschichte ans Herz legt? „Die AHA-Regeln einhalten. Sich schützen, so gut es geht!“

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