Ominöse „Dienstleister“ bringen Seniorin um einen Teil ihrer Rente / Mitbürger gelingt mit Zivilcourage Schadensbegrenzung

Übelste Abzocke an der Haustür

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Firmen, die nichts zu verbergen haben, werben für gewöhnlich auch mit Schriftzügen auf ihren Fahrzeugen für ihr Unternehmen. Diese beiden Herren, die kürzlich Harpstedt heimsuchten, tun das nicht. Aus guten Gründen?

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Sie preisen an der Haustür solide handwerkliche Leistungen zu „Sonderpreisen“ an, führen Arbeitsaufträge zwar unverzüglich, aber halbherzig aus, kassieren horrende Summen für minderwertige Qualität und machen sich dann aus dem Staub – ominöse Firmen oder Scheinfirmen. Ein solches „Unternehmen“, das besonders dreist vorging, hat dieser Tage eine 84-jährige Harpstedterin um einen erheblichen Teil ihrer Rente gebracht. Wäre Giovanni Petzold, ein Anwohner, ihr nicht zur Hilfe gekommen, hätte die Dame nicht nur 950, sondern wohl sogar 2250 Euro in den Wind schreiben können. Die Gegenleistung bestand im Wesentlichen aus dem „Abkärchern“ eines Hofgrundstücks mitsamt Zufahrt und einer Mauer sowie einigen geweißten Pfeiler-Kopfsteinen.

Die Geschichte beginnt am Sonnabendmorgen: Ein roter Transporter ohne Firmenschriftzug fährt durch Harpstedt und hält. Zwei Männer sitzen drin. Einer steigt aus, klingelt an der Tür eines Wohnhauses und preist der 84-jährigen Bewohnerin Arbeitsdienste an. „Wir machen Ihnen die Auffahrt wie neu“, frohlockt er – mit „Angebotswochen“ und „fünf Jahren Garantie“ auf erbrachte Leistungen werbend.

Die Seniorin lässt sich auf den Deal ein. Von 10 bis 15 Uhr arbeiten die beiden Männer. Immerhin: Das Moos zwischen den Steinen kriegen sie mit dem Hochdruckreiniger weg. Obendrein kehren sie – nicht besonders gründlich – etwas Sand in die ausgespülten Fugen und hinterlassen diverse Stolperfallen. Eigentlich hatten sie zusätzlich eine „Versiegelung“ zugesagt, damit die gepflasterte Fläche für längere Zeit ansehnlich bleibt, aber diese Leistung bleiben sie schuldig. Die Kundin zahlt gleichwohl die vereinbarten 950 Euro in bar. Die „Firma“ rechtfertigt den mehr als stolzen Preis unter anderem mit dem Einsatz „teurer Mittel“, mit denen sie arbeite, und offenbart der Seniorin, man müsse noch einmal wiederkommen, um die Kopfsteine der Pfeiler an der Haustür und der Einfriedung zu streichen. Tatsächlich stehen die beiden Männer am Montag erneut auf der Matte, erledigen die kaum erwähnenswerten Maler-Arbeiten und wollen urplötzlich weitere 1300 Euro sehen. Die Seniorin fällt aus allen Wolken. „Ich habe nur 1000 Euro im Haus“, erwidert sie. Das

„Schwarzarbeit in

Kombination mit Nepp“

gibt den Abzockern Gelegenheit, einen dritten Besuch anzukündigen, um, wie sie durchblicken lassen, Restarbeiten zu erledigen – de facto aber wohl vor allem, um die noch ausstehende Summe einzutreiben. Die 84-Jährige weiß sich nicht zu helfen und ruft am Montagabend Giovanni Petzold auf den Plan. Aus ihren Worten spricht Verzweiflung: „Meine ganze Rente ist weg“, klagt sie. Als tags darauf ihre Auftragnehmer wieder zur Stelle sind, ahnen die nicht, dass bei der 84-Jährigen auch Petzold auf sie wartet; der bittet den älteren der beiden Männer ins Wohnzimmer der Seniorin und hat seine eigene Frau als zusätzliche Zeugin gleich mitgebracht. Während einer Begehung lässt er sich das magere Arbeitsergebnis zeigen. Welche teuren chemischen Mittel denn verwendet worden seien, bohrt er nach. „Allzweckreiniger für die Mauer“, bekommt er zur Antwort. Erwähnung findet zudem ein Sack Sand, der 80 Euro gekostet haben soll. Petzold kann darüber nur müde lächeln. „Der kostet fast nichts. Das Teuerste daran ist der Transport“, weiß er.

Dass die selbst erklärten Spezialisten für Reinigungsarbeiten „rund ums Haus“, Vater und Sohn sind, wie sie sagen, bezweifelt Petzold stark. Den älteren Herrn schätzt er auf zwischen 38 und 45, den jüngeren auf „mindestens 25“; wenn der eine des anderen Vater sei, dann „ein sehr junger“. Petzold bittet die Männer, sich auszuweisen, bekommt aber keine Ausweise oder Führerscheine zu sehen. Auch keinen Gewerbeschein. Die der Kundin ausgestellte Rechnung spricht Bände: Die Firmenadresse ist herausgeschnitten. „Wir sind umgezogen“, lautet die Begründung. Die Steuernummer fehlt. Die mit Hand aufgekritzelte Bremer Anschrift gibt es nicht, wie Recherchen unserer Zeitung im Internet und eine Nachfrage bei der Telefonauskunft ergeben. Die darunter notierte Handy-nummer passt nicht zu dem im Firmenschriftzug auftauchenden Namen „R. Bern“, was ein Kontrollanruf ans Licht bringt. Einzig den Endbetrag von 950 Euro weist die Rechnung aus. Mit welchen Summen die Leistungen „Gehwegreinigung“, „Entfernen von Moos“ und „Versiegelung“ berechnet worden sind, bleibt nebulös. Und die kurzerhand durchgestrichene Mehrwertsteuer erweckt den Anschein eines selbst ausgestellten Freibriefs zur Steuerhinterziehung.

Petzold erreicht nicht nur, dass die Seniorin die ausstehenden 300 Euro nicht entrichtet, sondern noch weit mehr: Er bewegt die Abzocker dazu, der 84-Jährigen die am Montag gezahlten 1000 Euro zurückzuerstatten, muss dafür aber erheblichen Druck ausüben und mit der Polizei drohen. Zunächst fließen nur 500 Euro. Mehr Geld wollen „Herr Bern senior“, der wahrscheinlich nicht wirklich so heißt, und sein angeblicher Spross nicht bei sich haben. Petzold beharrt mit Nachdruck auf die 1000 Euro. Schließlich fährt der

„Diese Masche ist

einfach zum Kotzen“

ältere der beiden Männer los (angeblich nach Bremen), um den Restbetrag zu holen, während der jüngere bei der Seniorin auf die Rückkehr wartet. Tatsächlich trifft der „Vater“ 75 Minuten später wieder in Harpstedt ein – mit einem Knäuel Geld in der Hand. Der Zivilcourage des um Hilfe gebetenen Mitbürgers verdankt die 84-Jährige erhebliche Schadensbegrenzung. Doch für Petzold bleibt sie eine Geschädigte. Er hält selbst die unterm Strich noch gezahlten 950 Euro für einen überzogenen Preis. Die Masche der beiden „Reinigungskräfte“ findet er „zum Kotzen“; er vermutet dahinter eine Kombination aus „Schwarzarbeit und Nepp“ und kann Mitbürger nur davor warnen, auf derartige Haustürgeschäfte einzugehen.

Die Herren „Bern senior“ und „Bern junior“ haben das aus ihrer Sicht unerfreuliche Aha-Erlebnis vielleicht schon verdaut. Wenn nicht, werden sie um Harpstedt sicherlich vorerst einen großen Bogen machen, sofern ihnen nicht ohnehin Ordnungshüter alsbald „das Handwerk legen“.

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