Zwischen Naturschutz und Landwirtschaft: Spontane Demo nach Ortstermin auf BUND-Hof

Olaf Lies erlebt das Spannungsfeld hautnah

Das Bündnis „Land schafft Verbindung“ sitzt dem Umweltminister (l.) auf seiner Sommerreise im Nacken. Auf Kuschelkurs gingen die Landwirte auch am Rande des Termins auf dem Hof Wendbüdel nicht, ganz im Gegenteil.
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Das Bündnis „Land schafft Verbindung“ sitzt dem Umweltminister (l.) auf seiner Sommerreise im Nacken. Auf Kuschelkurs gingen die Landwirte auch am Rande des Termins auf dem Hof Wendbüdel nicht, ganz im Gegenteil.

Klein Henstedt – Im Spannungsfeld zwischen Naturschutz und Landwirtschaft hat sich am Mittwochnachmittag unvermittelt Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) im Zuge seiner Sommerreise zum „Niedersächsischen Weg“ in Klein Henstedt wiedergefunden. Ein Ortstermin auf dem BUND-Hof Wendbüdel verlief nach Plan. Als Lies weiter wollte, war"s dann vorbei mit der Harmonie. Nun sah er sich einer geballten Präsenz wütender Bauern gegenüber, die der Politik vorwerfen, die Landwirtschaft gegen die Wand fahren zu wollen. Das scheibchenweise Beschneiden durch immer neue Auflagen müsse aufhören, lautete eine zentrale Forderung von Sprecher Jan-Bernd Stolle.

Die Spontan-Demo des Bündnisses „Land schafft Verbindung“ stand zwar nicht auf dem Zettel des Ministers; gleichwohl diskutierte er geduldig mit den Demonstranten das ganze Spektrum, das die Wut verursacht – von der Düngemittelverordnung bis zum „Niedersächsischen Weg“. Letzterer zielt – unter Einbindung der Interessenverbände von Landwirten und Naturschützern – auf ein Artenschutz-Abkommen mit verbindlichen Zielen. Der „Niedersächsische Weg“ soll dabei helfen, dem Verlust von Nahrung und Lebensräumen für Insekten entgegenzuwirken, unter anderem auch auf Gewässerrandstreifen. Für den Verzicht auf Düngung und Pflanzenschutz sollen Bauern entschädigt werden. „400 bis 500 Euro pro Hektar wären ein Witz“, urteilte ein Landwirt. Dass in Coronazeiten überhaupt Geld für den Artenschutz da ist, geschweige denn genug, konnten die Demonstranten nicht glauben.

Gar nicht gut zu sprechen waren sie auf den Naturschutzbund Deutschland: „Die Nabu-Leute haben den ,Niedersächsischen Weg" mit unterschrieben. Und was passiert? Sie machen ein Volksbegehren!“, hieß es. Da müsse Politik doch widersprechen, klare Kante zeigen und gebrochene Vereinbarungen beanstanden. Als Lies durch die Blume Kungelei mit dem Nabu-Landesvorsitzenden angedeutet bekam (Jan-Bernd Stolle: „Ich weiß, Holger Buschmann ist ein Freund von Ihnen. Sie fahren zusammen mit ihm in den Urlaub. Ist ja auch alles in Ordnung...“), explodierte der Minister mal kurz. Mit erhobener Stimme verbat er sich solche Polemik. Sodann versachlichte sich die Diskussion wieder. Landwirte und Minister kamen nicht auf einen Nenner, trennten sich aber auch nicht im Zorn.

Weitaus angenehmer aus Sicht des Ministers verlief der vorangegangene Termin auf dem Hof Wendbüdel mit Führung über den Wildbienenpfad und Einblicken in die Arbeit des Betriebes. Im Unterschied zu „Land schafft Verbindung“ sieht der BUND Chancen im „Niedersächsischen Weg“ und erhofft sich dadurch bessere Rahmenbedingungen für den Artenschutz, was im Klartext auch heißt: mehr Geld.

Den BUND-Landesverband kostet der Hof, der ihm seit 2002 gehört, jährlich eine fünfstellige Summe. Dass der Betrieb gar nicht wirtschaftlich arbeiten kann, war Olaf Lies klar.

In erster Linie pflegt der Hof insgesamt rund 150 Hektar Feuchtgrünland, das größtenteils unter Schutz steht (FFH/Natura  2000-Gebiete). Der Löwenanteil der Flächen liegt im Naturschutzgebiet Bornhorster Huntewiesen der Stadt Oldenburg.

Erschwernisausgleich und eine GL4-Zusatzförderung für die Feuchtgrünlandpflege, zusammen rund 6 500 Euro jährlich, bekommt der BUND lediglich für insgesamt 19 Hektar. Das Gros der  Ernte eignet sich nur zum Verstromen in der hofeigenen Biogasanlage. Zudem verkauft der Betrieb Pferdeheu, aber nicht in nennenswerten Mengen. „Ich bin Naturschützer durch und durch. Manchmal aber wünschte ich mir etwas ertragreichere Flächen“, seufzte Betriebsleiter Christoph Overesch schmunzelnd.

Hof-Mitbegründer Dr. Wulf Carius erinnerte sich an die anfängliche Pflege auf vom Landkreis gepachteten Flächen. „Wir hatten keine Verwertung für das bei der Mahd anfallende Material. Das wollte niemand haben. In Kompostwerken hätte es 80 Euro die Tonne gekostet, es zu entsorgen. Wir fingen dann mit alten Haustierrassen an, die wir damit gefüttert haben.“

Die Erwartungen und das Anliegen des BUND-Landesverbands im Zusammenhang mit der Sommerreise des Ministers fasste Landesgeschäftsführerin Susanne Gerstner in einem kurzen Interview mit unserer Zeitung so zusammen: „Noch ist der ,Niedersächsische Weg", die Allianz für Artenschutz, ja eine Absichtserklärung. Wir wollen Olaf Lies zeigen, wie Artenschutz in der Praxis aussehen kann. Der Hof Wendbüdel ist ein hervorragendes Beispiel für extensive Grünlandbewirtschaftung. Wir wollen natürlich auch die damit verbundenen Herausforderungen nicht verschweigen. Und zum Ausdruck bringen, dass es uns schon wichtig ist, zumindest kostendeckend wirtschaften zu können. Am Hof Wendbüdel aber zeigt sich, dass dies auf Dauer nicht funktioniert. Daher kommt es jetzt, in einer Phase, da mehr Artenvielfalt erreicht werden soll, darauf an, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass das in Zukunft auch ein Erfolgsmodell in der Fläche wird.“

Von Jürgen Bohlken

Da herrschte noch Harmonie: Olaf Lies mit Wulf Carius auf dem BUND-Hof.

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