Harpstedt trauert um Kurt Müller / 1970 Mitbegründer der Werbegemeinschaft

Ohne ihn ist der Flecken trister

Völlig überraschend verstorben: Kurt Müller, Ehrenvorsitzender der Aktiven Werbegemeinschaft.Archivfoto: Bohlken

Harpstedt (boh) · Er gehörte zu Harpstedt wie die Windmühle und die Christuskirche. Mit ihm verliert die Werbegemeinschaft nicht nur einen Mitbegründer und die Handwerkervereinigung einen ihrer langjährigen Motoren.

Kurt Müller war mehr: Unikum, kreativer Kopf mit unverwechselbarem Humor, ein Tausendsassa, der seine Heimat genauso liebte wie seine Frau Hannelore, den Tischlerberuf, den er jahrzehntelang ausübte, und die plattdeutsche Sprache. Am Mittwoch verstarb der Sympathikus, den im Flecken irgendwie jeder mochte und schätzte. Zwei Tage nach einer Augen-OP hörte sein Herz plötzlich auf zu schlagen. Ein Schock für alle, die ihn kannten, zumal der 82-Jährige das blühende Leben zu verkörpern schien und voller Tatendrang steckte: Als Gästeführer stellte er Besuchergruppen die Reize und Sehenswürdigkeiten des Fleckens vor, gern auch „op platt“. Und „die Kernigen“, junge Menschen mit Behinderung in einer in der Trägerschaft der Lebenshilfe Delmenhorst ins Leben gerufenen Jugendgruppe, hatten an ihm einen Narren gefressen. Sie liebten es, zusammen mit ihm zu sägen, zu basteln und zu töpfern. Zeit seines Lebens bewahrte sich Kurt Müller selbst ein Stück Kindheit. Bis zum Schluss blieb er neugierig, offen für Herausforderungen – ein Mensch mit Phantasie und einem schier unerschöpflichen Ideenreichtum.

Meldete er sich in einer Generalversammlung der Aktiven Werbegemeinschaft zu Wort, dann hielten die Mitglieder mitunter den Atem an. Kurt Müller galt als streitbarer Zeitgenosse, der aus seinem Herzen keine Mördergrube machte und mit Unmut nicht hinterm Berg hielt. Gleichwohl hatte sein Wort Gewicht. „Wenn er mich für meine Arbeit gelobt hat, dann habe ich mich sehr darüber gefreut. Denn ich wusste, dass die Anerkennung ernst gemeint und kein leeres Gerede war“, sagt der aktuelle Werbegemeinschaftvorsitzende Stefan Wachholder.

Der berufliche Weg Kurt Müllers war vorgezeichnet: Er setzte die Familientradition fort und übernahm den alteingesessenen Tischlereibetrieb an der Mullstraße in Harpstedt, der schon 1955 sein 125-jähriges Bestehen feiern konnte. Bis zuletzt führte er mit Frau Hannelore an selber Stelle das Atelier und Geschenkartikelgeschäft „Kunst + Handwerk“, seit rund einem halben Jahrhundert eine gute Adresse für Bastelfreunde sowie eine Fundgrube für Menschen, die Handwerkskunst zu schätzen wissen und sich Sinn für das Schöne bewahrt haben. In Kursen an der Volkshochschule gaben die Eheleute Müller ihr Wissen gern in Kreativkursen weiter – viele Jahre lang. Die Partnerschaft des Fleckens mit der französischen Kleinstadt Loué haben sie stets im Rahmen ihrer Möglichkeiten aktiv unterstützt und gelebt. Noch im vergangenen Jahr bekundete Kurt Müller, wie stolz er darauf sei, dass auch die Aktive Werbegemeinschaft mit „L'Envol Louésien“ einen französischen Partnerverein gefunden hat.

Die Selbstständigen in Harpstedt verdanken ihm viel. Müller zählte 1970 zu den Begründern der Werbegemeinschaft, die seinerzeit aus dem Verkehrs- und Verschönerungsverein hervor ging. Als erster 1. Vorsitzender leistete er, später zusammen mit Dieter Dechant, Pionierarbeit. Die „Premiere“ der Gewerbeausstellung, die zu Beginn der 70-er im damaligen Gasthaus Küver (heute „Charisma“) über die Bühne ging, galt mit Recht als etwas Besonderes. Lediglich Syke hatte noch früher eine solche Leistungsschau auf die Beine gestellt. In Harpstedt wechselte der Veranstaltungsort anfangs mehrfach. Die zweite Ausstellung lief auf dem Marktplatz. Später diente das Areal beim Rosenfreibad als „Schauplatz“.

Die Weihnachtsbeleuchtung im Flecken zählte zu den weiteren Projekten, die Kurt Müller frühzeitig anschob. Mit einem anderen Anliegen, der Wiederbelebung des Maimarktes, landete die Kaufmannschaft unter seiner Führung 1972 einen Volltreffer: Zur Markteröffnung kam der Bremer Container mit Staraufgebot: Schlagergrößen wie Mary Roos, Renate Kern und Karel Gott mobilisierten wahre Menschenmassen. Ab Mitte der 70-er Jahre setzte Hermann Niemann die federführende Arbeit im Vorstand zusammen mit Dieter Dechant als neue Doppelspitze der Werbegemeinschaft fort. Kurt Müllers Engagement fand eine gebührende Würdigung: Er wurde Ehrenvorsitzender – seinerzeit auf Vorschlag Niemanns.

Vor der Kreisreform von 1977 wirkte Müller, seit Anfang der 50-er Jahre Tischlermeister, als Obermeister der Tischler-Innung Syke-Hoya. In der Handwerkervereinigung Harpstedt, der er 1949 beigetreten war, hinterließ er jahrzehntelang als Vorsitzender Spuren. Unvergessen sind die zunächst im Gasthaus Küver, später in Beukes Saal und schließlich bei „Rogge Dünsen“ gefeierten Handwerkerbälle, die das Urgestein als Conférencier launig moderierte. Wenn Kurt Müller erzählte, hörte niemand weg. Sein Fundus an Anekdoten schien unerschöpflich zu sein. Er trug das Herz am rechten Fleck, hatte das Ohr am Puls der Zeit und legte, wenn nötig, den Finger in die Wunde. Keine Frage: Der Flecken wird ihn schmerzlich vermissen. Harpstedt ist ohne ihn ein Stück trister und grauer – fast ein bisschen so, als hätte man den beschaulichen Ort an der Delme eines seiner Wahrzeichen beraubt.

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