Oder: Wenn die Stimme zum Instrument wird / „Fünf vor der Ehe“ erobern die Herzen von über 200 Zuhörern im Sturm

Wo steht denn bloß das Schlagzeug?

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Auf der Bühne die personifizierte gute Laune: Mirko Schelske, Tilmann Weiß, Tobias Tiedge, Martin Jordan und Sascha Rittgerodt (von links).

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Wo steht denn bloß das Schlagzeug? Und woher kommt der satte Bass? Stammt da nicht mindestens die Hälfte der Musik aus der Konserve? Was zumindest einige der mehr als 200 Besucher beim „Sonntagabendkonzert“ in der Harpstedter Christuskirche denken, scheinen die ihnen ins Gesicht geschriebenen Fragezeichen zu verraten. Nach längerem Zuhören dämmert aber auch dem letzten Skeptiker: „Ist ja tatsächlich alles live!“ Die Vokal-Akrobaten von „Fünf vor der Ehe“ schaffen es, alle möglichen Instrumentalsounds – von der Drum-Machine bis zum Saxophon – mit ihren Stimmen täuschend echt nachzuempfinden.

Die Hannoveraner A-cappella-Truppe serviert ein „Best-of“-Programm und macht mit dem Titel „Komet“ zugleich Lust auf das neue Album „Tandem“, das im März auf den Markt kommt. Eingefleischten Fans entgeht das neue Gesicht im Quintett nicht: Den Platz von Christian Thiemig hat Mirko Schelske eingenommen.

Die deutschsprachigen Texte punkten mit Witz, Ironie und Hintersinn. „Du bist von der Sorte, die ‘nen Mann benutzt. Und wenn er‘s merkt, machst du auf Welpenschutz“, karikieren die fünf Frohnaturen von der Leine eine Femme fatale in einem Song, der es 2013 als Titeltrack auf das Album „Tigerbaby“ schaffte. Im Konzert mutiert er zur Mitmachnummer. Das Publikum lässt sich gern dazu ermuntern, die Krallen auszufahren und den Refrain katzenartig gestikulierend zu begleiten.

„Der Chatroomkult killt die Kneipenkultur. Ich hab‘ die Zeitung abbestellt und lese online nur“, nimmt sich „Stecker raus“ die Internet- und Social-Media-Junkies vor, für die sich das Leben auf die virtuelle Welt beschränkt. Der „Porzefant im Elanladen“ schlägt ein bisschen in die gleiche Kerbe: Er persifliert den Antriebslosen, dem es nicht gelingt, den inneren Schweinehund zu besiegen. „Heute eine Frau“ handelt hingegen von der Sandkastenfreundin, die, als sie erwachsen ist, doch ‘nen andern heiratet.

Als „Lotta“ erklingt, verwandelt sich das Gotteshaus vor dem geistigen Auge der Zuhörer in eine Dancefloor-Area. Das Lied schildert eine Disco-Nacht und den für den männlichen Ich-Erzähler überraschenden Morgen danach: „Neben mir der Peter – ich krieg ‘nen Riesenschreck. Und schaue, dass ich erstmal meine Blöße bedeck!“ Zum Schmunzeln animiert ebenso der „Termin beim Kleidungsanwalt“, der die Frage aufwirft, ob eher Wahrheit oder Unsinn in der These „Du bist, was du trägst“ steckt. Nachdenkliche Momente und sogar christliche Inhalte bleiben gleichwohl nicht auf der Strecke – etwa in dem teils hymnisch klingenden Kirchentagslied „Klug werden“ und der darin enthaltenen Botschaft, die Menschen hätten die Zeit auf Erden „nur geliehen“. Um Liebe, Trennungsschmerz und Vergänglichkeit kreist das melancholische „Vom letzten Sand“.

Im Animieren haben die smarten „Boys“ den Dreh raus. Gelegentlich verlässt der eine oder andere die Bühne, um auf Tuchfühlung zu gehen. „Uns verbindet etwas ganz Besonderes. Nicht nur die ersten beiden Buchstaben unseres Vornamen“, flirtet Sascha Rittgerodt eine Zuhörerin namens Sandra an. Dass er seine Bandgenossen mit den „Ohrwürmern“ nervt, die er immerzu vor sich her singt, bleibt dem Publikum nicht verborgen, zumal es sich bei den Melodien um monoton anmutende Basslinien handelt. Auf der Bühne darf er dann aber doch mal richtig aus sich und der ihm zugedachten Background-Rolle rauskommen. „Ich bin dein Bass. Mir mit hast du Spaß“, frohlockt Rittgerodt zur allgemeinen Erheiterung in einem Song aus dem „Tigerbaby“-Tonträger und rümpft dabei zugleich gespielt die Nase über seine Sangeskollegen: „Die Typen neben mir, die können schon ganz gut singen. Doch muss Martin einmal runter oder singt der Til mal tief, da merkst du gleich, dass sie es dort nicht bringen. Da hört man nur noch Luft, und alles klingt schief.“

Die Herren Kollegen haben eben andere Talente. Mirko Schelske verblüfft als lebendige Beatbox. Bariton Tobias Tiedge fliegen die Sympathien nur so zu. Tilmann Weiß schafft es mit seiner Tenorstimme ebenso in ungeahnte Höhen wie Martin Jordan. Letzterer legt im Zugabeteil ganz viel Gefühl in Andrea Bocellis und Sara Brightmans Ballade „Time to say goodbye“. Dieser finale Gänsehautmoment krönt einen rundum runden Konzertabend, der so einige Überraschungen bereit hält – von einer sehr charmanten Coverversion des Coldplay-Hits „Viva la vida“ bis hin zu einer „Ich-kann‘s-nicht-mehr-hören“-Fassung von Helene Fischers Dauerbrenner „Atemlos (durch die Nacht)“. Am Ende haben die „Fünf vor der Ehe“ die Herzen im Sturm erobert. Der frenetische Beifall lässt daran keinen Zweifel.

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