Oder: Wenn sich die Handlung eines Krimis erst im Verlauf einer Aufführung entwickelt / Begeisterndes Impro-Theater

„Mord nach 6“ auf Harpstedts Kirchplatz

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Der aufgeregte Dorfpolizist und die junge Kommissarin sichten die Leiche auf dem Harpstedter Kirchplatz.

Beckeln - Von Anja Nosthoff. Wenn die Zuschauer zu Krimi-Regisseuren werden und praktisch niemand weiß, wer der Mörder ist, dann hat womöglich das Bremer Impro-Theater „die anderen 6“ die Finger im Spiel – so auch am späten Sonntagnachmittag im Saal des Beckelner Gasthauses Beneking.

Das Erste, was die Darsteller des Impro-Krimis „Mord nach 6“ auf der Bühne taten, war, den Zuschauern jede Menge Fragen zu stellen: „Wer bin ich? Wie alt bin ich? Welchen Beruf habe ich? Was für ein Problem habe ich?“ Schlussendlich entschied das Publikum noch, wer das Mordopfer sein sollte, und schon ging es los mit dem ersten Set. Die vom Publikum selbst kreierten Charaktere trafen im Atelier von Schneiderin und Mordopfer Hildegard in vielen verschiedenen kleinen Spontanszenen aufein-ander; dabei blieb Hildegard als fester Pol auf der Bühne.

Die Profis ließen sich von den Ideen der Zuschauer inspirieren und entwickelten während des Spiels die Story. Dabei überraschten sich die Schauspieler natürlich auch immer wieder gegenseitig, denn nichts war vorgefertigt.

So stellte sich heraus, dass sich Mordopfer Hildegard – zunächst noch quicklebendig in ihrem Atelier – bei zahlreichen Mitmenschen unbeliebt gemacht hatte, allen voran bei ihrer Mutter. Deren Pferd „Ticka“ hatte sie verkaufen wollen, es dann aber laut Anklage ihrer 83-jährigen – nach eigenen Angaben – „noch fitten“ Mama „zu Tode gefüttert“. Auch mit ihrem Drogendealer stand die Schneiderin auf Kriegsfuß. „Ich will ein neues Leben anfangen“, erklärte Hildegard ihm und drohte, seine Plantage zu verpfeifen. So begann die Schneiderin, Bedingungen zu stellen – und machte sogar den nicht gerade begeisterten jungen Mann zu ihrem Liebessklaven! Obendrein gab es da noch Sekretärin Heidi Müller, die Hildegard auf einem Firmenfest bloßgestellt hatte. „Selbst schuld, kaufen Sie doch Ihre Kleidung lieber in meinem Laden, anstatt sich so billig anzuziehen!“, verteidigte sich die garstige Schneiderin.

Ein verzweifelter Todesschrei aus dem Off ließ das Publikum erschaudern. Der Mord war geschehen.

Nun wurden die Zuschauer abermals zur Hilfe gerufen. Sie bestimmten Todesart sowie Tatort und kreierten den Charakter der Kommissarin. Ergebnis: Der Mord war auf dem Harpstedter Kirchplatz verübt worden.

Wer jedoch der Mörder ist, darf bei einem Krimi niemand wissen; in diesem Fall tappten selbst die Regisseure im Dunkeln und begaben sich beim Zuschauen mit der Kommissarin auf Tätersuche. Drei Zettel wurden in Umlauf gebracht, aber nur einer davon war mit „Mörder“ beschriftet. Der Spielleiter mischte die Zettel auf der Bühne und verteilte sie an die Verdächtigen: an den Drogendealer, die Sekretärin und die Mutter des Opfers. Diese drei Akteure kennzeichneten jeweils ihren Zettel mit ihrer Identität und gaben sie verdeckt an eine Zuschauerin. „Können Sie bitte den ganzen Abend darauf sitzen bleiben?“, bat der Spielleiter. Die Zuschauerin erklärte sich lachend damit einverstanden.

Das Publikum bekam aber nicht nur Gelegenheit, Regie zu führen. Während einer „Pressekonferenz“ konnten sich die Zuschauer auch aktiv mit ihren Fragen an Kommissarin und Staatsanwalt ins Spiel bringen. Schließlich gingen die „Verdächtigen“ kurz vor Spiel-ende mit Hüten herum. Die Zuschauer gaben per Zettelvoting ihre Tipps ab, wen sie für den Mörder hielten. Unter ihnen herrschte beste Stimmung.

Total angetan von dem ungewöhnlichen Theaterstück zeigten sich unter anderem Helen Töpken und Oliver Schulz aus Weyhe. „So etwas haben wir noch gar nicht erlebt“, gestanden sie und brachten ihre Bewunderung über den Mut, die Inspiration und die Spontanität der Schauspieler zum Ausdruck.

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