Interview: Jens Fröhlke (54) aus Harpstedt will „raus aus dem System“

„Nur unsere Bequemlichkeit hindert uns daran, was zu verändern“

Raus aus der Komfortzone, raus aus dem System, autark werden, auch energieautark – das ist der Weg, den Jens Fröhlke aus Harpstedt geht. Wohnen will er in Bauwagen. Dieser hier, der aktuell bei Freunden in Winkelsett steht, wird zunächst sowohl Küchen- als auch Schlafwagen. Danach will Fröhlke einen zweiten Wagen renovieren, um Küchen- und Schlafbereich räumlich zu trennen. - Foto: boh

Harpstedt - Gut eine Stunde lang ließ sich Jens Fröhlke mit Fragen zu seinem „Lebenslauf“ ohne Geld und unter Verzicht auf Konsum sowie zu den daraus gezogenen Konsequenzen für sein eigenes Leben löchern. Das ganze Gespräch würde etliche Seiten füllen. Daher beschränken sich Kreiszeitung und Wildeshauser Zeitung auf den Abdruck von Auszügen.

Wie hat der „Lebenslauf“ dein Leben verändert?

Fröhlke: Mein Ziel ist es, weiter geldfrei weiter zu leben. Ich verstehe jetzt das Wesen des Geldes. Das Geld hat in mir Energien unterdrückt und mich immerzu damit beschäftigt, Kämpfe auszutragen. Kleine und große. Kämpfe gegen mich selbst, gegen andere, gegen Konkurrenten. Das habe ich 25 Jahre bis zum Erbrechen durchexerziert. Und fand es völlig normal, bin aber nie damit klargekommen. Es hat immer was Entscheidendes gefehlt. Das war letztendlich ich selbst.

Wie weit steckst du als Buchhändler immer noch in der „Tretmühle“, aus der du unbedingt raus willst?

Fröhlke: Diese Mühle mit hammerharter Arbeit und allem, was daran hängt, reizt mich gerade gar nicht. Nur Geschäft, Geschäft, Geschäft, Geld, Geld, Geld... Alter Schwede! Was für ein „Gebäude“ hat sich unsere Gesellschaft da bloß „gebaut?“

Die Konsequenz müsste für dich doch eigentlich sein, „bökers am Markt“ in Wildeshausen aufzugeben.

Fröhlke: Ich sage jetzt nicht: „Ich höre auf“. Ich möchte wenigstens den Laden begleiten – und da sein. Ich habe supertolle Kollegen. In unserer ersten Team-Sitzung wird es genau um das Thema gehen, wo künftig mein Platz sein wird und was für mich möglich ist. Ich habe aktuell viele andere Sachen laufen. Ich will mich autark machen – energietechnisch. Ich weiß noch nicht, wie’s geht, habe aber schon Ideen im Kopf. Ich werde demnächst jemanden besuchen, der seinen Bauwagen wasser- und stromnetz-unabhängig gemacht hat. Das interessiert mich.

Du wirst selbst Bauwagen-Bewohner?

Fröhlke: Ja. Ich will ein veganes und möglichst geldfreies Leben führen. Ich hoffe, einen schönen Platz für meine beiden Bauwagen zu finden bei Menschen hier in der Gegend, die aktiv sind. Deren Herz genauso oder ähnlich schlägt wie meins. Mit denen ich ein Stück weit Gemeinschaft leben und vielleicht ja sogar gemeinschaftlich einen Gemüsegarten bewirtschaften kann. Mal gucken, was sich da ergibt.

Zwei Bauwagen?

Fröhlke: Ja. Die habe ich vom kleinen Hoftheater in Ringmar geschenkt gekriegt. Majanne Behrens und Jürgen Stamann, die ins Wendland gezogen sind, haben sie mir überlassen. Total toll! Fenster hat mir Hans Eisermann aus Klosterseelte geschenkt. Richtig schöne. Dänische.

Wie willst du autark werden?

Fröhlke: Das geht nicht von jetzt auf gleich. Ich werde zunächst natürlich noch Strom und Wasser brauchen. Wenn ich einen festen Platz in der Umgebung von Leuten finde, mit denen ich mich verstehe und wo ich länger bleiben möchte, könnte ich etwa einen Brunnen bauen. Das würde ich auch machen.

Wie muss man deine Absicht, im Bauwagen zu leben, konkret verstehen? Als einen zeitlich befristeten Versuch?

Fröhlke: Das ist jetzt erstmal mein Lebensentwurf. Da ist nichts befristet – und alles möglich. Kann sein, dass es mich in zwei Jahren woanders hinruft. Einen Satz wie „Das ist für die Ewigkeit“ spreche ich nicht mehr aus. Ich geh’ nur nach Impulsen. So war auch mein ganzer „Lebenslauf“. Ich bin nicht „geplant gegangen“. Ich habe zwar immer eine kleine Planung gehabt, aber die war stets variabel. Es gab ein paar Leute, die mussten es erst verknusen, dass ich mich nicht mehr festlege – auch terminlich nicht.

Behördliche Repressalien als Bauwagenbewohner fürchtest du nicht?

Fröhlke: Die wird’s geben. Sicher. Ich weiß, dass sowas kommt. Ich bin ja nicht von ‘nem anderen Stern. Aber ich habe keine Angst davor. Ich stehe zu meiner Überzeugung, dass unser gesellschaftliches System nicht mehr funktioniert. Und es wäre einfach richtig bescheuert, wenn ich weitermachte wie früher. Es geht so nicht mehr; das weiß doch im Grunde auch jeder. Oder? Trotzdem bauen sich die Menschen Luft- und Zuckerschlösschen, sagen: „In meinem Umfeld ist alles friedlich und toll; mehr kann ich nicht tun.“

„Habe lange meine Komfortzone gepflegt“

Dabei hindert uns nur unsere Bequemlichkeit daran, was zu verändern. Ich habe selbst jahrelang meine Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten, meinen Luxus und meine Komfortzone gepflegt. Das alles war mir wichtig. Heute brauche ich das nicht mehr. Ich kann jederzeit irgendwo meine Luftmatratze aufschlagen – und bin glücklich. Da hat sich eben auch innerlich bei mir ganz viel getan. Während meines „Lebenslaufes“ schwang ein Hauch von Fügung mit. Ich habe in den richtigen Momenten die richtigen Menschen getroffen und bis zu dreimal täglich Situationen erlebt, die für mich an Wunder grenzten. Erst als ich loslassen konnte von meinen Erwartungen an alles, was ich glaubte zu brauchen, haben sich die Dinge eingestellt und gefügt, und ich hatte alles, was ich brauchte. Das war für mich eine wichtige – auch spirituelle – Erfahrung.

Das Lebenslaufjahr war das wichtigste in deinem Leben?

Fröhlke: Ja. So wie 2007 das schlimmste war. Das glich einer Achterbahnfahrt. Na ja, eigentlich nicht. Es ging nämlich gar nicht mehr wieder bergauf. Nur nach unten. In einem Wahnsinnstempo. Dass im August mein Vater verstarb, war das Allerschlimmste. Arbeitsmäßig habe ich in dem Jahr echt was gerissen, aber dabei hat’s mich fast zerrissen.

Hast du damals schon überlegt, einen neuen Weg zu gehen?

Fröhlke: Irgendwie war mir immer bewusst, dass unsere Lebensweise, unsere Zivilisation, auf einer wackeligen Konstruktion fußt, die wir immerzu stützen müssen. Die aber hält irgendwann nicht mehr. Sie hat einfach kein Fundament. Keinen Grund. Zwar ein Grundgesetz, aber das nimmt niemand ernst. Weder den ersten noch alle anderen Artikel.

Als Aussteiger bezeichnet zu werden, empfändest du wohl nicht als Beleidigung?

Fröhlke: Nein, das stimmt ja. Ich suche einen Weg raus aus dem System.

Energieautark zu leben, ist ein schwieriges Unterfangen. Wie willst du das schaffen?

Fröhlke: Ganz praktisch weiß ich das noch nicht. Vielleicht mit einer Windschnecke auf dem Dach, die Strom produziert. Oder mit Hilfe von Lkw-Batterien. Ich will Solarenergie nutzen. Und ich bin noch an was anderem dran: Nano-Flow-Zellen, leistungsfähige Energiespeicher, die etwa im Audi Quant E, einem Elektroauto, eingebaut sind. Ich habe dazu bislang nur Halbwissen, bin noch nicht tief in das Thema eingestiegen. Solche Speicher gibt es auch für Hausanlagen. Das ist sicher etwas, was kommen wird.

Und bis es so weit ist, sitzt du bei Kerzenlicht im Bauwagen?

Fröhlke: Nein. Ich werde anfangs wohl noch an das Stromnetz angeschlossen sein. Ich will keinen plötzlichen Cut, sondern meinen Weg in ein autarkes Leben vernünftig durchorganisieren. Ich habe eine Perspektive. Und damit einen Weg, den ich gehe. Aber ich kann nicht sagen, in welcher Geschwindigkeit.

„Vielleicht wird’s ein Buch“

Ich beschäftige mich mit allen Themen, die daran hängen. Schritt für Schritt. Zunächst mache ich den Bauwagen fertig, den ich als Küchenwagen nutzen will. Der ist in der Substanz nicht gut. Ich müsste ihn eigentlich komplett ab- und neu aufbauen. Aber damit wäre ich Jahre beschäftigt. Daher beschränke ich mich aufs Flicken. Den zweiten Wagen, meinen künftigen Schlafwagen, gehe ich dann sorgfältiger an, sobald ich eine Basis habe.

Und danach?

Fröhlke: Im Winter will ich meinen „Lebenslauf“, meine Gedanken und Erfahrungen dazu, schriftlich ordnen. Da ist so viel auf so vielen Ebenen passiert, was ich gern verarbeiten, verbinden und niederschreiben möchte.

Stoff für ein ganzes Buch?

Fröhlke: Möglicherweise wird’s ja eins. Es gibt zumindest schon mal einen Verlag mit Interesse, sich auf jeden Fall das Ergebnis anzuschauen. Von Autorenseite bekomme ich etwas Unterstützung beim Schreiben.

Dir schwebt sicher kein simpler Erlebnisbericht vor?

Fröhlke: Nein, eine Mischung. Zum Teil auch Sachbuch, denke ich. Ich habe auf meinem Lebenslauf vieles besucht. Darüber habe ich noch gar nicht berichtet. Oder nur am Rande. Ich war ja losgegangen mit dem Ziel, alternative Entwürfe für die Modelle zu finden, die wir leben – ökologisch, in der Kommunikation, in Entscheidungs-, Wirtschafts- und Organisationsstrukturen. Im Grunde ist es einfach, Strukturen durch neue zu ersetzen und alles umzukrempeln, ohne dass es Einbußen in der Lebensqualität gäbe. Wir müssen’s nur wollen. Wir haben alles, was es dafür bedarf. Es würde sich natürlich alles ändern, aber in eine positive Richtung. Dahingehend, dass wir unsere Welt mit einem guten Gefühl unseren Kindern und Enkeln hinterlassen könnten. Letztendlich ist das vor allem eine Sache von Vertrauen – in sich selbst, in die Mitmenschen, aber auch darauf, dass wir aus unserer eigenen Komfortzone raus können.

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