Auch Wülfers Gasthaus hat nun wieder geöffnet / Große Feiern weiterhin nicht möglich

Von Normalität noch weit entfernt

Das ehemalige „Serengetizimmer“ hat sich in den ausgesprochen stilvollen „Bullenstall“ verwandelt. Links Ulrike Adam-Wülfers und ihr Mann Steffen Adam mit der Hinweistafel, auf der die pandemiebedingt von den Gästen einzuhaltenden Regeln stehen. Foto: Bohlken

Groß Ippener - Von Jürgen Bohlken. Das Lokal betreten, sich an den Tisch setzen, auf die Bedienung warten, bestellen – das war „vor Corona“. Jetzt, in der Pandemie, hat der Restaurantbesuch trotz aller Lockerungen fast etwas von „Einchecken“, so auch in Wülfers Gasthaus in Groß Ippener. Im Eingangsbereich steht eine Tafel mit zu beachtenden Abstands- und Hygieneregeln. Daneben befindet sich ein Spender mit Desinfektionsmittel für die Hände, der zwingend zu benutzen ist. Mehr Beinfreiheit beim Sitzen wegen der einzuhaltenden Tisch-Sicherheitsabstände von jeweils anderthalb Metern freut vielleicht die Gäste. Bei den Gastronomen hält sich die Freude hingegen in Grenzen. Sie sehnen nach wochenlangem Lockdown ein volles Haus herbei. Doch selbst ein nur mäßig guter Besuch bleibt am ersten Öffnungstag nach der Zwangsschließung oft noch aus.

„Wir hatten für Montag zwei Tischreservierungen. Sieben Gäste sind am Abend gekommen“, verrät Steffen Adam, der zusammen mit seiner Frau Ulrike Adam-Wülfers das Gasthaus Wülfers betreibt. Von Normalität spüren beide wenig, zumal sie nicht absehen können, wann größere Feiern und Feste mit bis zu 200 Personen oder sogar darüber hinaus in ihrem Hause wieder möglich sind. Erst dann nämlich verdienen sie auch in ihrem Hauptgeschäftsfeld wieder Geld.

Hotelzimmer durften sie während des Lockdowns nur an Geschäftskunden vermieten, nicht hingegen an Touristen. Allein in diesem Bereich bewege sich der Umsatzeinbruch wohl bei rund 80 Prozent, schätzt Steffen Adam. Insgesamt lägen die zu verkraftenden Einbußen sogar bei gut 95 Prozent.

Vier sozialversicherungspflichtig Beschäftigte sind in Kurzarbeit. Die beantragte staatliche Soforthilfe kam zwar, schmolz aber schnell dahin – auch wegen einer Renovierungsmaßnahme, die Mitte März begann, also genau zu der Zeit, als die Gasthäuser pandemiebedingt schließen mussten. Ulrike Adam-Wülfers und ihr Mann ließen das „Serengetizimmer“ äußerst stilvoll umgestalten; der Raum heißt jetzt „Bullenstall“. Zusätzlich wurde eine Terrasse angelegt. Obendrein stehen die WCs auf der Liste der Renovierungsvorhaben. Hätten die 48-Jährige und der 50-Jährige den Lockdown vorhersehen können, wären diese Projekte und Investitionen natürlich aufgeschoben worden.

Buchungen für Trauer- und Hochzeitsfeiern mit bis zu 20 Personen darf das Gasthaus Wülfers zwar annehmen, aber es gehen kaum welche ein. Dass die Lockerungen scheibchenweise greifen und keiner weiß, wann die Gastronomie zum Normalbetrieb der Vor-Corona-Zeit zurückkehren kann, lässt die Existenzangst zum ständigen Begleiter werden. Den Gedanken an den „Worst Case“ versuchen Steffen Adam und seine Frau zu verdrängen. Aber das fällt ihnen angesichts der großen Unsicherheit nicht leicht, zumal eine mögliche zweite Pandemiewelle einen neuerlichen Lockdown nach sich zöge. Was dann? Auch das solideste Rücklagenpolster ist irgendwann aufgebraucht.

Licht am Ende des Tunnels zu sehen, gäbe Gastronomen ein beruhigendes Gefühl. „Wenn wir wüssten, dass im Herbst wieder Veranstaltungen in einem größeren Rahmen in Lokalen stattfinden dürften – das wäre mal ‘ne Ansage!“, macht Steffen Adam aus seinen Hoffnungen keinen Hehl. Momentan hoffen er und seine Frau, mit einem zunächst noch abgespeckten Team Umsatz auch im Restaurantbereich zu erwirtschaften. An Flexibilität mangelt es beiden nicht. Binnen kürzester Zeit haben sie sich schlaugemacht, was die Hygieneregeln für Speiselokale im Detail beinhalten. Alle Vorkehrungen sind getroffen, sämtliche einzuhaltenden Auflagen erfüllt. Manche „Regeln“ fallen den Gästen unmittelbar auf. So muss nun jeder Besucher seine Kontaktdaten preisgeben, damit sich im Fall der Fälle etwaige Sars-Cov-2-Infektionsketten lückenlos nachvollziehen lassen. Die Bedienung trägt grundsätzlich Mund-Nasen-Schutz. Tische und Stühle werden stets gereinigt und desinfiziert, bevor neue Gäste Platz nehmen. Und: Die Abstandsregeln gelten auch auf den Toiletten.

Andere Dinge bleiben eher unbemerkt. Beispielsweise wird kein Glas in lauwarmem Wasser gereinigt, sondern wandert grundsätzlich in den Geschirrspüler. Die Speisekarte mutiert zum Einwegartikel; jeder neue Gast bekommt eine neue. Zulässig sind im Übrigen pro Tisch nur Gruppen aus maximal zwei Hausständen. Einer telefonischen Vorab-Reservierung bedarf es zwar nicht zwingend; sie wird aber ausdrücklich empfohlen.

An der beabsichtigten Toilettenrenovierung halten die Betreiber des Gasthauses Wülfers indes fest: „Das ziehen wir jetzt auch noch durch“, sagen sie.

Ein weiteres „Scheibchen“ Normalität dürfte an Himmelfahrt, 21. Mai, zurückkehren: Dann öffnet Wülfers seinen Biergarten. Allerdings wiederum unter Coronabedingungen, und das heißt auch: Live-Musik darf und wird es nicht geben.

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