„Ausweg gesucht“

Filmwettbewerb: Drei Harpstedter erringen ersten Preis

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Oliver Mommsen (2.v.l.), bekannt als „Tatort“-Kommissar Nils Stedefreund, übernahm die Schirmherrschaft für den Jugend-Kurzfilmwettbewerb „Ausweg gesucht“. Den mit 750 Euro dotierten ersten Preis in der Altersgruppe der 15- bis 17-Jährigen bekamen David Schober, Devon Drzimalla und Hannes Müller (v.l.) aus Harpstedt für ihren Beitrag „Nach dem Regen“ verliehen.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Der Bahnhof wirkt ziemlich verlassen. Auf einer Bank sitzen zwei Jugendliche. Einer schiebt dem anderen verstohlen ein Päckchen zu. Er dealt mit Drogen. So beginnt der Film „Nach dem Regen“, der Devon Drzimalla, Hannes Müller und David Schober aus Harpstedt den mit 750 Euro dotierten ersten Preis im Jugend-Kurzfilmwettbewerb „Ausweg gesucht“ eingebracht hat – in der Altersklasse der 15- bis 17-Jährigen.

Es gibt keinen „Point of no return“, sondern immer eine Chance zur Umkehr von einem eingeschlagenen Irrweg. So lautet die Botschaft der 16-Jährigen, die eine gemeinsame Leidenschaft für das Filmen verbindet. Die Schule hat sie zu diesem Hobby gebracht. Alle drei besuchen das Gymnasium Wildeshausen und haben dort das Seminarfach „Film ab!“ belegt.

Auswege aus der Sucht und aus Krisen standen in diesem Jahr im Mittelpunkt des Kurzfilmwettbewerbs, für den das Bremer Landesinstitut für Schule und die Medienagentur „vomhörensehen“ Schauspieler Oliver Mommsen als Schirmherr und die Krankenkasse hkk als Sponsor gewinnen konnten. 55 Beiträge gingen ein. Die besten kürten Mommsen sowie June Koch von „Bremen Next“, dem jungen Radioprogramm von Radio Bremen, am Sonnabend im Beisein von rund 400 Gästen im „Cinespace“ in der Waterfront.

„Sehr authentische Handlung, überragendes Zusammenspiel von Bildgewalt und Text, schauspielerische Glanzleistung des Protagonisten – das sind die drei Kriterien, die diesen Film zu unserer Nummer eins gemacht haben“, sagte June Koch in ihrer Laudatio auf „Nach dem Regen“. Ein besonders schönes Zitat aus dem fünfminütigen Streifen enthielt sie den Zuschauern nicht vor: „Es hat noch vor jedem Regenbogen geregnet.“ Der Film verdeutliche: Je später ein Problem angegangen werde, desto schwerer falle die Lösung. Gleichzeitig mache er aber Mut, den ersten Schritt zu tun. „In jedem Junkie steckt eine Perle“ – mit diesen Worten spielte die Laudatorin auf die hinter jedem Menschen und Schicksal stehende Geschichte an. Es lohne sich, dem Betreffenden zuzuhören, um ihn besser verstehen und Vorurteile abbauen zu können.

Szenen am Harpstedter Bahnhof und vor Polizeidienststelle in Wildeshausen

Auch der Hauptprotagonist aus „Nach dem Regen“, entstanden nach dem Drehbuch von David Schober, dealt nicht ohne Grund: Seine Mutter hat er als Siebenjähriger als Folge eines Autounfalls verloren. Der Vater verfällt daraufhin in Depressionen, kündigt seinen Job, beginnt zu trinken, wird Alkoholiker. Die Großmutter kümmert sich fortan um die Erziehung ihres heranwachsenden Enkels und zieht in dessen Elternhaus ein. Als sie an Demenz erkrankt, gerät alles „noch mehr außer Kontrolle“, schildert der junge Ich-Erzähler im Film. Um Geld für die Behandlung seiner Oma heranzuschaffen, handelt er mit Rauschgift – im Wissen, dass seine Beweggründe das Dealen nicht rechtfertigen. Nicht zuletzt der innere Gewissenskonflikt lässt ihn auch selbst zur Heroinspritze greifen. Die Einstiegsszene spielt auf dem Harpstedter Bahnhof. Die Schlusssequenz zeigt den jungen Dealer vor der Polizeidienststelle in Wildeshausen. Er will sich stellen. Devon, David und Hannes haben sich schon Gedanken gemacht, wie sie den Handlungsfaden weiterspinnen könnten. „Wir wollen nächstes Jahr was nachschieben“, kündigen sie an. Das erhaltene Preisgeld werden sie verwenden, um ihre recht ansehnliche Filmausrüstung noch zu erweitern. Mit Hannes’ Spiegelreflexkamera mit Filmfunktion hatten sie „Nach dem Regen“ gedreht. Es sei toll gewesen, den fertigen Beitrag bei der Preisverleihung auf einer Kino-Leinwand zu sehen, erzählen die Jungs. Dabei erging es ihnen aber ein wenig wie manchem renommierten Hollywood-Regisseur. Bei der Vorführung stießen sie auf die eine oder andere Stelle, an der sie noch etwas hätten verbessern können.

Die Jungen waren durch einen Trailer auf den Kurzfilmwettbewerb gestoßen. Als sie sich über das Thema und andere Details schlau gemacht hatten, stand für sie fest: „Wir machen mit.“ Das sei schon eine „spontane“ Sache und mit Zeitdruck verbunden gewesen, sagen sie. Den fertigen Film hätten sie online hochladen können. Die Hilfestellung der Wettbewerbsorganisatoren bei Rückfragen fanden sie ausgesprochen löblich. „Beating Darkness“ hieß übrigens der in der Altersklasse 18 bis 25 Jahre mit dem ersten Preis bedachte Beitrag, der auch den drei Harpstedtern gut gefiel: „Da ging’s um Sexualstraftäter – und wie die Menschen damit umgehen.“ 2017 werden sich Devon, David und Hannes womöglich abermals an dem Kurzfilmwettbewerb beteiligen. Die Entscheidung dafür oder dagegen hängt nicht zuletzt vom Thema ab.

Zunächst gewinnen die Jungs nach ihrem ersten Platz nun Einblicke in ein anderes Medium: „Bremen Next“ hat sie zum Live-Interview ins Studio eingeladen.

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