Hermann Bokelmann lehnt „Stolpersteine“ ab, unterstützt aber ausdrücklich das Erinnern an die NS-Verbrechen

„Nicht auf Namen früherer ehrbarer Bürger herumtrampeln“

Als Zeitzeuge möchte Altbürgermeister Hermann Bokelmann mit Schülern über das Leiden der Harpstedter Juden in der NS-Zeit reden. Das hat er der Oberschulleitung angeboten. Foto: Bohlken

Harpstedt – „Stolpersteine“ im Flecken Harpstedt hält Altbürgermeister Hermann Bokelmann für den falschen Weg des Gedenkens an die während der NS-Diktatur deportierten und ermordeten Harpstedter Juden. Die auf seinen Antrag hin vor 24 Jahren einstimmig vom Rat beschlossenen und geschaffenen Gedenksteine und -tafeln auf dem Amtshof und dem Judenfriedhof genügen ihm. „Ich möchte nicht, dass auf ,Stolpersteinen’ mit den Namen ehrbarer früherer Mitbürger herumgetrampelt wird“, bekräftigt er.

Das Schicksal der Harpstedter Juden sei jahrzehntelang verschwiegen worden. 1992 entdeckte Bokelmann im Kreishaus bei der Vorstellung eines Buches die ihm aus seiner eigenen Kindheit bekannten Namen der neun von den Nazis umgebrachten Harpstedter Juden – jeweils mit Sterbetag und -ort. Einen Einblick in deren Schicksale gab am 27. Januar 1993 Autor Werner Meiners aus Wardenburg auf Einladung des Fleckens vor 90 Zuhörern. Sein zweistündiger Vortrag erschütterte junge Leute wie auch Zeitzeugen. Meiners betonte, der Antisemitismus sei schon vor 1933 in der Gesellschaft verankert gewesen.

Zur weiteren Diskussion über mögliche „Stolpersteine“ wünscht sich Bokelmann, dass sich die Ratsmitglieder „vorher gründlicher informieren“.

Er selbst hat in Dirk Heiles „Chronik der Samtgemeinde Harpstedt“ Erhellendes über die Harpstedter Juden nachgelesen: Das Grundstück Lange Straße 17 (heute Alfken), das anderthalb Jahrhunderte im Besitz der Familie Goldschmidt war, wurde von deren Erben, dem Ehepaar Löwenstein, 1935 wegen Überschuldung an Schmiedemeister Hermann Dreier verkauft. Der wiederum ließ das jüdische Paar noch bis zur Zwangsumsiedlung im Herbst 1940 mietfrei dort wohnen und unterstützte es durch kostenlose Lieferung von Brennholz.

Ähnlich verhalte es sich, so Bokelmann, mit dem Synagogengrundstück Große Eßmerstraße 11, das die kleine jüdische Gemeinde 1936 an Tischlermeister Bernhard Denker veräußert habe. Als weiteres Beispiel nennt der Altbürgermeister das Gebäude an der Langen Straße 3: „Nachdem Inhaber Iwan Roßbach an den Folgen eines Verkehrsunfalls im März 1937 verstarb, löste seine Witwe Henriette Roßbach das Geschäft auf, verkaufte das Haus an die Spar- und Darlehenskasse und kaufte sich von dem Erlös in einem Altersheim in Leipzig ein. Als die heutige Volksbank an der Burgstraße einen Neubau errichtete, erwarb Elektro Schriefer die Immobilie – und von ihm wiederum die Fleischerei Meyer.“ Die Familie de Vries verzog laut Heile im Juni 1938 nach Bremen; nur die Mutter von Erich de Vries, Witwe Jenny de Vries, geb. Neublum, blieb mit ihrer erwachsenen Tochter Johanne an der Großen Eßmerstraße 20 wohnen – bis zur Zwangsumsiedlung am 10. Dezember 1940. „Die Familie von Rudolf Skrotzki zog mit ein und versorgte die alte Frau – obwohl es verboten war“, so Bokelmann. „Das Haus hatte schon 1852 Isaac Moses Neublum gekauft.“ Der sei elf Jahre später verstorben und auf dem jüdischen Friedhof in Wildeshausen begraben worden (am Ehrenmal der Gefallenen des Krieges 1870/71 in Harpstedt stehe indes der Name von Abraham Neublum, der 1871 im Lazarett in Metz verstorben sei; er habe sein Leben als deutscher Soldat im Krieg gegen Frankreich verloren). „Vor diesen Häusern sollte man keine Stolpersteine einbauen“, findet Bokelmann. Eine Rücksprache mit den Angehörigen sei wohl kaum möglich.

Die volle Unterstützung des Altbürgermeisters findet indes die Forderung, die Erinnerung an die Nazi-Verbrechen wach zu halten. Dazu will er auch selbst weiterhin beitragen: Der Leitung der Oberschule Harpstedt hat er kürzlich angeboten, mit den Schülern der oberen Klassen über das Leiden der Harpstedter Juden zu sprechen, ebenso über die NS-Diktatur von 1933 bis 1945, die er als Kind und Jugendlicher miterlebte. „Gerade in der jetzigen Zeit, in der verstärkt wieder Fremdenhass auftritt, ist es wichtig auf die Folgen hinzuweisen, aufzuklären und vor dem falschen Weg zu warnen“, so Bokelmann.

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