Was nicht jeder übers Schiebenscheeten weiß

Warum feiern die Harpstedter „nach“?

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Blumen im Lauf des Holzgewehrs – damit symbolisieren die Bürgerschützen „das Gegenteil von Militarismus“, sagt Oberst Rolf Ranke.

Harpstedt - Die meisten Harpstedter freuen sich auf das Schiebenscheeten und feiern beim Bürgerschützenfest mit seinen über 500 Jahre zurückreichenden Wurzeln begeistert mit; mancher kennt die wichtigsten historischen Ursprünge, etwa den Schnatgang als Vorläufer des heutigen Festumzugs. Gleichwohl sind etliche Fakten und Kuriositäten nur wenigen Eingeweihten geläufig. Grund genug für die Kreiszeitung, solche „Randnotizen“ in einer kleinen Serie zu beleuchten, die heute startet – mit zunächst vier Beispielen.

1.Die meisten Bürgerschützen sind am „Pfingstdienstag“ noch gar nicht zum Einschreiben ausgerückt, wenn die Offiziere bereits vom Oberst zum Fähnrich marschieren. Dabei tragen sie ihre Säbel etwas höher und bedienen sich beispielsweise eines Karabinerhakens als technisches Hilfsmittel. Auch bleibt die Klinge in der Scheide. Erst wenn sich der Fähnrich mit der Fahne eingereiht hat, lassen die Offiziere die Säbel schleifen, was dann auf den Straßen ein Rasseln und Klingeln erzeugt. Warum ist das so? „Die Fahne muss verteidigt werden“, erklärt Ehrenoberst Hans-Peter Hellbusch den historischen Hintergrund. Durch das Blankziehen der Säbel zeige der Offizier seine Wehrhaftigkeit.

2.2009 haben die Harpstedter Bürgerschützen auf 500 Jahre Schiebenscheeten zurückgeblickt und dieses Jubiläum gebührend gewürdigt. Kein Wunder, dass damals die Zahl der Ausmarschierer mit 522 eine neue Höchstmarke erreichte. Bereits 2003 war

Schon 2003 gab es mehr als 500 Ausmarschierer

die 500-Marke erstmals knapp, um zwei Bürgerschützen, überschritten worden. Über die Gründe lässt sich trefflich spekulieren. Womöglich hat auch das Wetter im Jahrhundertsommer 2003 eine Rolle gespielt. In den vergangenen Jahren sorgten zumeist zwischen 470 und 480 Ausmarschierer für ein farbenfrohes Bild auf den Straßen. Ein ungeladenes Holzgewehr mit Blumen im Lauf trägt jeder Bürgerschütze am Mann. Für Oberst Rolf Ranke hat das einen Touch von Friedensbewegung. „Wir stellen das genaue Gegenteil von Militarismus dar“, sagt er. Was nicht jeder Harpstedter weiß: Wer mit ausmarschieren will, muss mindestens 18 Jahre alt sein. Für die Teilnahme am Königsschießen gilt indes – und das wiederum ist gemeinhin bekannt – ein Mindestalter von 21 Jahren; obendrein bedarf es eines eigenen Hausstands im Flecken. Ausmarschierer müssen indes keineswegs in Harpstedt wohnen. Die Fest- und Schießordnung gibt klare Regeln vor. So auch, dass nur am Königsschießen mitwirken darf, wer ausmarschiert ist. Wer nach drei Schüssen (mindestens) einmal die Zwölf getroffen hat, kommt ins Umschießen um die Bürgerschützenkönigswürde.

3.Nüchtern bleibt kaum ein Bürgerschütze beim Schiebenscheeten. Früher wurden Rekruten regelrecht abgefüllt. Doch die Zeiten haben sich geändert. „Trinken ist keine Pflicht“, betont Hans-Peter Hellbusch. Dass niemand zum Alkoholkonsum genötigt werden dürfe, habe das Offizierscorps sogar per Beschluss bekräftigt. „Die Korporäle sind angewiesen, das zu beachten. Die Utschenker wissen, dass sie einem Bürgerschützen, der einen Schnaps verweigert, keinen aufzwingen dürfen. Gleiches gilt, wenn die Wache jemanden im Lämmerkoven an die Kette legt. Und die mit der Bewirtung betrauten Bedienungen werden jedes Jahr ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Bestimmungen des Jugendschutzgesetzes einzuhalten sind“, so Hellbusch.

4.Warum feiern die Harpstedter am Sonnabend nach Pfingsten „nach“? Oberst Rolf Ranke kennt die Antwort: „Früher feierten am Pfingstdienstag die Herrschaften und Haushaltsvorstände. Das Gesinde blieb derweil zu Hause, hütete das Feuer, passte aufs Vieh auf, molk die Kühe. Am Nachfeiertag durften dann wiederum die Knechte und Mägde feiern.“ Letztlich sei diese zeitliche Zweiteilung eine Notwendigkeit gewesen, weiß Ehrenoberst Hellbusch. „Die Feuerstellen mussten zwingend bewacht werden. Da konnten nicht mal eben alle Mann einfach das Haus verlassen.“ Zu den Pflichten des Königs gehöre es auch heute noch, den Korporalschaften für die Nachfeier eine Anzahl von Getränken zur Verfügung zu stellen. Die bringe die Majestät in gekühlter Form am Sonnabend nach Pfingsten zum jeweiligen Korporal. „Und er gibt zudem für gewöhnlich den Frauen, die Brote schmieren, einen aus“, fügt Rolf Ranke hinzu.

boh

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