Anja Prades Neuanfang in Österreich

Von beruflichem Leid und privatem Glück

Single aus Überzeugung? Nicht mehr! Anja Prade hat einen Partner gefunden, für den es sich, wie sie sagt, gelohnt habe, das Singleleben aufzugeben.
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Single aus Überzeugung? Nicht mehr! Anja Prade hat einen Partner gefunden, für den es sich, wie sie sagt, gelohnt habe, das Singleleben aufzugeben.

Harpstedt/St. Martin – Statt „Moin“ sagt sie längst „Servus“. Den Eindruck, dass die Österreicher in ihr den „Piefke“ sehen, hat die ehemalige Harpstedterin Anja Prade keineswegs. Aber wahrscheinlich bleibe sie in ihrer neuen Heimat St. Martin am Tennengebirge immer „die Deitsche“, vermutet die 41-Jährige. „Ich mag die kleinen Orte. Dort kennt man sich“, sagt sie zufrieden. „Das habe ich auch in Harpstedt schon gemocht. Die Anonymität der Großstadt ist einfach nicht so mein Ding.“

Als die Berufsfotografin 2018 die Wildeshauser Geest und das Studio „Photogen“ hinter sich ließ, um auszuwandern, bedauerten viele Kunden, Freunde und Bekannte ihren Entschluss – und wunderten sich darüber, warum sie sich „ausgerechnet Österreich“ als neuen Lebensmittelpunkt ausgesucht hatte. Natürlich sei solch ein Schritt, der das ganze Leben verändere, nie leicht, aber bereut habe sie ihre Entscheidung nicht; im Gegenteil: „Ich hatte Glück und habe liebe Menschen kennengelernt, die ich nicht mehr missen möchte. Ich bin hier wirklich angekommen“, sagt sie.

Auf die Frage, ob sie nach wie vor Single aus Überzeugung sei, muss die 41-Jährige lachen: „Ertappt!“, erwidert sie. Ja, sie habe einen Lebensgefährten gefunden, mit dem sie den Alltag teile. Für ihn habe es sich gelohnt, sich aus dem Singleleben zu verabschieden. „Und ja, wie zu vermuten war: Er ist ein Österreicher. Aus Salzburg. Er heißt Oliver. Wir sind nun seit fast zwei Jahren zusammen.“

Das war ein Jackpot für mich. Ich weiß nicht, ob ich noch hier wäre, hätte ich diese Stelle nicht bekommen.“

Anja Prade

Beruflich lief es nicht so rund. Aber in Harpstedt, so tröstet sich Anja Prade, wäre es ihr kaum besser ergangen: „Wegen der Lockdowns hätten Antje Gätcke und ich das ,Photogen’ sehr wahrscheinlich ohnehin nicht halten können.“ Die in der neuen Heimat im Zusammenhang mit Corona gemachten Erfahrungen, auch das damit im Freundeskreis verbundene Leid, sind ein Kapitel, das der 41-Jährigen schon zugesetzt hat. Binnen drei Tagen brachen vor zwei Jahren all ihre Fotografie-Aufträge, vorwiegend im Eventbereich, weg. „Ich war auf Null“, erinnert sich die 41-Jährige. Die neue Existenz in Österreich stand auf Messers Schneide; lange hätte Anja Prade die Durststrecke nach eigener Überzeugung nicht überbrücken können. Ein Teilzeitjob in einem Salzburger Unternehmen, wo sie mittlerweile ihren Lebensunterhalt verdient, rettete sie. „Das war ein Jackpot für mich“, gesteht die Auswanderin. „Ich weiß nicht, ob ich noch hier wäre, hätte ich diese Stelle nicht bekommen.“

 Ich bin hier wirklich angekommen.“

Anja Prade

Gleichwohl bleibe die Fotografie ein Teil von ihr. „Das will ich auch weiterhin machen“, bekräftigt Anja Prade. So langsam erhole sich die Auftragslage etwas. „Leben kann ich davon aber noch nicht. Im vergangenen Halbjahr hatte ich Aufträge in den Bereichen Hotelfotografie, Tierporträts und Familienaufnahmen. Im Eventbereich, auf den ich mich ja eigentlich ein bisschen spezialisiert habe, sieht es immer noch mau aus. Da rührt sich nichts aufgrund der ständigen Corona-Auflagen“, bedauert die vormalige Harpstedterin, die ursprünglich aus dem südbrandenburgischen Senftenberg stammt.

Anja Prades ausdrucksstarkes Porträt von Hermann Cordes, einer der letzten Passbildkunden von „Photogen“, schaffte es in die Wanderausstellung „Menschenbilder“. „Darauf bin ich stolz“, sagt die

Dass die Pandemie sie ausbremste, kam zur Unzeit, zumal sie im Begriff war, sich als Fotografin zu etablieren und einen Namen zu machen. „Ich bin stolz darauf, dass eins meiner Werke für die Wanderausstellung ,Menschenbilder’ ausgewählt wurde“, erzählt die 41-Jährige. 30 großformatige Aufsteller wanderten im Salzburger Land durch die Bezirkshauptstädte; die „Menschenbilder“ luden auf öffentlichen Plätzen zum Betrachten ein.

Ich musste Hermann Cordes damals unbedingt noch einmal für ein Charakterporträt ins Studio einladen, weil ich sein Gesicht so interessant fand.“

Anja Prade

„Für mich bleibt dieses Projekt auch deshalb ein ganz besonderes, weil das von mir eingereichte Porträt eine freie Arbeit gewesen ist, die noch aus Harpstedter Zeiten stammt. Das Foto zeigt Hermann Cordes, einen unserer letzten Passbildkunden bei ,Photogen’. Ich musste ihn damals unbedingt noch einmal für ein Charakterporträt ins Studio einladen, weil ich sein Gesicht so interessant fand. Dabei ist dieses ausdrucksstarke ,Menschenbild’ entstanden“, schildert die Wahl-Österreicherin. Hermann Cordes sei sogar nach Salzburg gekommen, um sich das Porträt in der Ausstellung anzuschauen. „Das war klasse.“

Leben, wo andere Urlaub machen

Das Leben in Österreich empfindet Anja Prade im Vergleich mit Deutschland als teurer. Das mache sich bei den Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs bemerkbar, ebenfalls bei den Kosten fürs Auto. „Auch die Miete ist so ein Thema. Aber dafür lebe ich ja da, wo andere Leute Urlaub machen“, sagt die 41-Jährige.

Jahreszeiten einschließlich „richtiger“ Winter genießen zu können, hatte sich Anja Prade von ihrer neuen Wahlheimat erhofft. Was das angeht, erfüllten sich ihre Wünsche komplett. St. Martin liegt rund 1 000 Meter über dem Meeresspiegel. „Wir sind immer dabei, wenn es in der Gegend schneit“, weiß die Wahl-Österreicherin. Wintersport sei nicht ihre große Leidenschaft, es sei denn, „Wintergrillen“ zähle dazu. Die Skier und Anja Prade werden augenscheinlich keine dicken Freunde mehr. Am Schlittenfahren findet die Auswanderin hingegen umso mehr Gefallen. Oder auch daran, an sonnigen Tagen durch den Schnee zu stapfen, dann auf einer Alm zu sitzen und bei einem leckeren Kaiserschmarrn die Aussicht zu genießen. „Das hat schon was.“

Auch in Österreich liegt das Glück dieser Erde auf dem Rücken der Pferde.“

Anja Prade

Sie habe in der neuen Heimat wohl gut zehn neue Freunde gefunden. Der Kreis der Bekannten sei deutlich größer. „Toll finde ich, dass gute Freundschaften selbst über große Entfernungen Bestand haben“, spielt die 41-Jährige darauf an, dass sie immer wieder mal Gäste aus der Ferne, auch aus Harpstedt, im Salzburger Land begrüßen darf. Wie viele Wegbegleiter aus ihrem früheren Leben dort regelmäßig Urlaub machen, sei ihr erst mit der Zeit richtig bewusst geworden. „Das ist schon eine witzige Nebenerscheinung.“

 Toll finde ich, dass gute Freundschaften selbst über große Entfernungen Bestand haben.“

Anja Prade

Das eine oder andere spannende Projekt als Fotografin seit ihrem Wegzug aus Harpstedt ist der 41-Jährigen in guter Erinnerung geblieben: „Ich habe eine Jugendmannschaft auf Mallorca während eines Fußball-Trainingscamps begleitet. Herumreisen durfte ich auch für einen großen und zudem richtig coolen Auftrag: einen Imagefilm für ein Stahlwerk in Serbien.“

Hannoveraner Verband klopft an

Als Anja Prade eine telefonische Anfrage vom eigentlich für Auktionen in Verden bekannten Hannoveraner Verband bekam, ob sie eine Stuten- und Fohlenschau fotografieren könne, dachte sie zuerst, der Auftraggeber hätte „sich auf unsere alte Homepage verirrt“ und von ihrem Wohnortwechsel ins Ausland noch nichts mitbekommen. Tatsächlich ging die Veranstaltung aber in Salzburg über die Bühne. Prade: „Auch in Österreich liegt das Glück dieser Erde auf dem Rücken der Pferde.“

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